Squirrels

Wortsalat nach Polonius’ Art

d'Lëtzebuerger Land vom 04.07.2014

Von links betrachtet: eine Putze, ein langer, brauner Staubwedel, Schürze, hellblaue Hauslatsche. Von rechts: die Möchtegern-Autorin, wildes Haar, goldener, hochhackiger Plateau-Schuh. Beide Hälften stehen sich im Wege, beide Schuhhöhen hinken sich gegenseitig hinterher. Putze, Schaffende. Auch der Wedel dient nicht nur dem Reinigen, die „Cleaning woman“ sticht auch schon mal symbolisch zu. Ein Hauen und Stechen gegen Art, ihren Arbeitgeber und Autor, und gegen Ed, dessen Mitarbeiter und Sekretär.

Auch ein Schreibtisch lugt zurückhaltend hinter einem grauen Vorhang hervor. Er spielt anfangs keine Rolle. Anfangs. In der Folge kann Art immer weniger mit seiner ritualisierten Eingebung trumpfen. Ein Eichhörnchen (da haben wir’s!) beißt einen Parkbesucher und wird anschließend vom Mann ausgequetscht, erdrosselt. Dies ist der Ausgang einer Geschichte, die ihrerseits zum Prosawerk ausgequetscht werden soll, ganz so, wie der Nager selbst. An Arts Körperhaltung gemessen – er diktiert Ed die Geschichte – mutet dieser sich aufblähende Text wie ein Werk für die Ewigkeit an. In Äonen wird dieses Meisterstück nicht untergehen. Das ist zumindest die Überzeugung seines Erschaffers. Mit jeder noch so lächerlichen Abwandlung der Geschichte, mit oder ohne Liebespaar, mit einem, zwei oder drei Eichhörnchen (oder sind es nicht doch Gänse gewesen?) wirft Ed jedoch zögerlich die Frage nach dem „What’s the meaning of it?“ auf. Je mehr Art sich hinterfragt sieht, je deutlicher er scheitert, umso tiefer rückt der Schreibtisch in den Raum des Schaffenden hinein. Die Platte lässt sich in vielen Varianten verschieben, auf ihr wird akrobatisch getanzt, es entstehen Freiräume, darin sich die Figuren verlieren: Es lähmt die Angst vor dem „broken pencil“, vor dem leeren Blatt.

Mit Wedel, Schreibtisch und einigen weiteren Details entwirft Regisseurin Anne Simon in ihrer Inszenierung von David Mamets Squirrels aus dem Jahre 1974 einen metaphorischen Spiegel dieses Beziehungsgefüges. Mit absurder Intensität scheint sich vor allem Art in einen prosaischen Sturzbach zu flüchten, um dem zu entgehen, was Mamet so sehr in seiner Gegenwart vermisst: fundamentale Kommunikation. Nicht ohne Grund trägt Art Kleidung und Haarschnitt aus elisabethanischer Zeit. Ob gewollt oder ungewollt: Arts Kostüm wirkt gelegentlich wie eine Mischung aus Shakespeare und dem Sportanzug eines Alltagsgammlers. Der Barde ist in seiner Sprache allgegenwärtig. Der Zuhörer glaubt, Polonius aus Hamlet vor sich schwatzen zu hören. Anfangs bricht nur stellenweise ein „fucking“ hervor, meist jedoch Ausdruck seiner Arroganz. Je mehr ihm die von Grund auf wertlose Eichhörnchen-Handlung aus den Händen gleitet, umso stärker brechen in ihm Verzweiflung, Lust und Wut durch – menschliche Regungen eben. Nur zögerlich wagt er ein zartes Berühren des Rocks seiner Putzfrau und zuckt zurück. Dass sie und Ed dem Barden musisch in Nichts nachstehen, mag ihn beunruhigen, innerlich gar zerreißen. Doch die Unfähigkeit, sich auszusprechen, jenseits der Metapher, jenseits des Blankverses, diese Schwäche teilt er mit ihnen. Nach (musischem) Erfolg lechzen schlussendlich alle.

Neben den geglückten Regieeinfällen wird Simons kurzweilige Inszenierung getragen von herausragenden Darstellern: Thomas Maximilian Held als Ed, vor allem aber Jules Werner und Siobhàn McMillan verkörpern diese Grauzone zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Sprachschwall und Sprachlosigkeit mit großer Spielfreude und messerscharfer Artikulation. Sie geben ihre Figuren szenenweise hemmungslos der Lächerlichkeit preis, ohne Mamets kommunikationskritischer Grundhaltung ihren nötigen Raum zu verweigern. Simons Squirrels ist unterhaltsam, schräg, kritisch und glasklar in seiner Handschrift.

Squirrels von David Mamet; eine Kreation des TNL; Regie von Anne Simon; Bühne und Kostüm von Marie-Luce Theis; Make-Up von Joël Seiller; Licht von Daniel Sestak; mit Jules Werner, Thomas Maximilian Held; Siobhàn McMillan. Weitere Vorstellung am 6.7. um 20:00. Karten unter www.luxembourgticket.lu und Tel: 47 08 95 1.
Claude Reiles
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