Fußball-Weltmeisterschaft 2018

Schlusspfiff Moskau, Anstoß Katar

d'Lëtzebuerger Land vom 20.07.2018

Am Ende ging der WM-Titel an den großen Mitfavoriten aus Frankreich. Aber neben der Finalteilnahme Kroatiens bot die Weltmeisterschaft noch weitere Überraschungen: Titelverteidiger Deutschland schied bereits in der Vorrunde aus, während Gastgeber Russland mit engagierten Leistungen bis ins Viertelfinale vorstieß. Dass die russische Nationalmannschaft dennoch über wenig Kredit in der westlichen Öffentlichkeit verfügt, davon zeugten die Mutmaßungen mancher Kommentatoren, die außergewöhnlichen läuferischen Leistungen der Spieler seien wohl auf Doping zurückzuführen. Obwohl Doping ein systemisches Problem im gesamten Profisport ist, stehen russische Sportler unter Sonderbeobachtung – immerhin hat der im Dezember 2016 veröffentlichte McLaren Report aufgedeckt, dass in Russland zwischen 2010 und 2016 ein staatliches Dopingsystem betrieben wurde.

Insgesamt hielt sich die mediale Kritik an den russischen Gastgebern im Kontext einer grundsätzlich russlandkritischen Einstellung in der westlichen Öffentlichkeit allerdings in Grenzen. So hat ARD-Kommentator Béla Réthy im Anschluss an das Finale die politische Realität in Russland zwar kritisch beurteilt, gleichzeitig aber auch von einem reibungslosen Ablauf des Turniers gesprochen.

Obwohl es vier Pussy-Riot-Aktivistinnen gelang, mit einem Platzsturm während des Finalspiels Aufmerksamkeit zu erregen, hat Präsident Putin mit seinem autoritär geführten Staatsapparat für Sicherheit in den und um die Stadien gesorgt. Zu spüren bekam das vor allem die russische Bevölkerung, der an den WM-Austragungsorten starke Einschnitte ins Versammlungsrecht auferlegt wurden. Abseits des medial inszenierten Events kam es dennoch zu Protesten gegen die kurz nach dem Auftaktspiel beschlossene Erhöhung des Renteneinstrittsalters.

Allgemein stellt sich die Frage, inwiefern die russische Gesellschaft nachhaltig von dieser Fußball-Weltmeisterschaft profitieren wird. Die großen finanziellen Gewinne werden die Fifa und ihre Sponsoren sowie die Oligarchen von Putins Gnaden unter sich aufteilen. Der Tourismus wird im aktuellen geopolitischen Klima auch weiterhin kaum zu einem Motor der russischen Wirtschaft. Die überdimensionierten neuen Fußballstadien werden, abgesehen von jenen in Moskau und Sankt Petersburg, voraussichtlich das gleiche Schicksal erleiden wie die Arenen in Südafrika oder Brasilien: Die dort eigens für die Weltmeisterschaften 2010 beziehungsweise 2014 eingerichteten modernen Spielstätten lottern nun vor sich hin.

Aufgrund der Anforderungen, die der Weltfußballverband an die Organisatoren einer WM-Endrunde stellt, können in den Gastgeberländern keine nachhaltigen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen durch die Ausrichtung des Turniers angestoßen werden. Einerseits muss die notwendige Infrastruktur von den Staaten aufgebaut werden, andererseits erhalten diese einen geringen Anteil an den finanziellen Erträgen, welche die Fifa im Rahmen der WM generiert. Dieses System entspricht einer neoliberalen Logik: Während die öffentliche Hand für den idealen Rahmen sorgt, schöpfen private Akteure die Gewinne ab. In Volkswirtschaften wie Deutschland oder Frankreich sind die Voraussetzungen, um ein Event dieser Dimension auszurichten, größtenteils schon vorhanden. In Staaten wie Südafrika, Brasilien und Russland dagegen weniger. In Verbindung mit einem autoritären Staatsmodell entsteht ein erhöhtes Risiko, dass die Weltmeisterschaft auf Kosten der Bevölkerung zelebriert wird.

Die hier skizzierten problematischen Entwicklungen, die sich im Rahmen der letzten drei Endrunden abzeichneten und zuspitzten, dürften bei der WM 2022 in Katar auf die Spitze getrieben werden. Die höchst umstrittene Wahl des Emirats als Austragungsort fand im Verbund mit der Vergabe an Russland statt und steht nach wie vor unter dem Verdacht, erkauft worden zu sein. Jenseits der Korruptionsvorwürfe an die katarische Herrscherfamilie Al Thani sowie die Funktionäre der Fifa gibt es noch viele weitere Gründe, erhebliche Bedenken am künftigen Gastgeberland zu äußern. Auf den Baustellen der Arenen, die allesamt aus dem Wüstenboden gestampft werden müssen, schuften Gastarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen. Die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen haben die Menschenrechtslage im Emirat immerhin in den Fokus von internationalen Organisationen gerückt.

In Katar profitiert vor allem die Al-Thani-Dynastie von der Austragung der WM, denn diese ist ein Element ihrer Strategie, über den Fußball Zugang zu diversen Sparten der europäischen Wirtschaft zu erhalten. Nicht zufällig fand vor der WM-Vergabe ein Treffen zwischen dem Emir von Katar sowie dem französischen Uefa-Präsidenten Michel Platini und dem damaligen Präsidenten Frankreichs, Nicolas Sarkozy, statt. In der Folge investiert Katar bedeutende Summen in Frankreichs Wirtschaft und Sport. Platini wiederum machte seinen Einfluss bei der Fifa geltend, damit das Exekutivkomitee der Fifa dem Emirat die Austragung der WM zuteilte. Für den Weltfußballverband sind gut orchestrierte Spiele wichtiger als die sportlichen Werte, die er selber mitkonstruiert.

Der neoliberale Kapitalismus, wie er der gesamten Welt aufgedrängt wird, manifestiert sich beispielhaft im Weltfußball, wo – wie in der Weltwirtschaft auch – nur eine kleine Elite vom globalen System profitiert.

Charles Wey
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