Dosenfleisch

„Und hört man’s leise knacken jetzt“

d'Lëtzebuerger Land vom 07.10.2016

Ein nervtötendes Wischen, ein rhythmisierter Puls, ein metallisches Etwas arbeiten sich in steigender Frequenz und Lautstärke durch die abgedunkelten Konturen einer noch nicht weiter identifizierbaren Kulisse. Nur ansatzweise kann man die Umrisse eines Kühlschranks, einen Snack-Automaten und die eiskalten Neonröhren erkennen, darunter Gardinen aus Metallketten zu Boden hängen. Dann richtet er sich auf, ein verunfallter Fernfahrer in verschlissener, dunkler Kleidung und mit wundem Schädel, klopft sich seinen langen Mantel ab und schlägt in die Rhythmik der Hintergrundgeräusche eine wahre Poetik des Unfalltodes anhand eines Insektentodes an: „mit einem dumpfen knall. mit einem dumpfen knall. mit einem dumpfen knall zerplatzt der falter an der windschutzscheibe jetzt. verschmiert das körperinnre sich rotzgelb da auf dem glas. der wischer quietscht, der wischer quietscht, der wischer quietscht, weils scheibenklar schon wieder ausgegangen ist. und malt der wischer eine falterschleimspur jetzt. zieht sich ein dünner filter über die sicht.“ Erst im Anschluss an diese Allegorie vollendet der Fernfahrer den Bericht von seinem Unfall und beschreibt den „Fleischnebel“, der aus den umherfliegenden Dosen des verunfallten Lastwagens sprüht. Das Dosenfleisch erinnert jedoch zugleich an die in den Wracks eingequetschten und gefangenen Opfer.

Im neuen und preisgekrönten Bühnenwerk Dosenfleisch des Österreichers Ferdinand Schmalz vegetieren verdrehte und verbeulte Menschenkörper an einer völlig verwahrlosten Raststation im Nirgendwo dahin und finden ihren einzigen Genuss im Sabotieren der durch diese verlassene Gegend verlaufenden Autobahn und im fetischisierten Betrachten der Unfallszenen. Beate, die Kellnerin, und Jayne, die ehemalig attraktive Schauspielerin, ritualisieren gemeinsam mit dem Fernfahrer eine mehr als unappetitliche Flucht aus der Normalität in die Freude am Zerfall, am Platzen und Aufbrechen der verunfallten Körper. Die von der Norm abweichenden Schadenszahlen lassen auch den Versicherungsangestellten Rolf aufhorchen, der sich die Stelle weniger zum Zwecke beruflicher Aufklärung als zur persönlichen Gore-Befriedigung ansieht.

„gibt nur verderben ohne zeit und ort hier (...) nur manchmal, wenn der wind sich dreht, weht bisschen von der welt herüber, da duftet es nach einer zeit und einem ort hier.“ Die Absurdität wird – gewollt oder ungewollt – selbst am Snack-Automaten deutlich, der völlig andere Waren führt als auf den Tasten angekündigt. In diesen Nicht-Ort sind die Figuren eingebettet, sehnen sich nach Schmerz, nach Empfindung und Realität, zwingen diese herbei, damit ein Hauch von Leben spürbar wird: „ich weiß, dass da im unfall etwas aufbricht, dass da ein neuer aufbruch möglich ist. da schürft die wirklichkeit sich auf.“

Anne Simons Inszenierung von Dosenfleisch mit dem Salzburger Schauspielhaus nutzt Elemente des Gore, der Groteske, des Heavy Metal, laut und grell. Beate (Susanne Wende), die Tankstellenangestellte, sowie Jayne (Alexandra Sagurna) tragen steif gesprayte Frisuren und überdreht verbeulte Kleider, die an ihre verbogenen Körper erinnern. Der Fernfahrer (Marcus Marotte) steht mit seinem verschlissenen Outfit und seinem entstellten Schädel auf aufgedunsenem Körper dem aalglatt lackierten Schlipsträger Rolf (Moritz Grabbe) von der Versicherungsgesellschaft krass gegenüber.

Die Darsteller bewegen sich dabei in geometrisch wohlkalkulierten Bewegungszügen über die Bühne von Isabel Graf, entlang der Kühlgeräte und am Treppensteig im Hintergrund empor und nieder, so dass der thrillerartig gestalteten Dramaturgie stilistisch eine gehörige Portion Surrealität und Absurdes verpasst wird. Insbesondere aber sticht Marcus Marotte aus dem Ensemble hervor. Sehr wohl mag seine Rolle in diesem Sinne dankbar sein, die als Handelnder und Kommentierender des perversen Geschehens viele extreme Facetten bietet. Und doch beherrscht kein Akteur diese von Schmalz konsequent durchrhythmisierte, in österreichische Syntax gegossene und vom realen Geschehen demnach archaisch abstrahierte Sprache so einwandfrei. Ja selbst die Pausen werden in Schlägen gezählt.

Die Inszenierung dauert zwar lediglich eine gute Stunde, die Dichte von Sprache, Gestik und Regie in Dosenfleisch hätten diese Produktion jedoch auch noch über einen längeren Erzählraum getragen. Mit Dosenfleisch von Anne Simon ist dem Salzburger Schauspielhaus in Zusammenarbeit mit dem TNL ein in seiner Abartigkeit letztlich tiefgründiger, großer Wurf gelungen.

Dosenfleisch von Ferdinand Schmalz; eine Produktion des Salzburger Schauspielhauses in Zusammenarbeit mit dem TNL; Regie von Anne Simon; Regieassistenz von Melanie Kraft; Bühne von Isabel Graf; Dramaturgie von Christoph Batschneider; Licht von Florian Haas; mit Moritz Grabbe, Marcus Marotte, Alexandra Sagurna, Susanne Wende. Keine weiteren Vorstellungen.
Claude Reiles
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