Raus, Michel: Halbe Wahrheit, ganze Lüge

Ernstfälle des Wortspiels

d'Lëtzebuerger Land vom 29.11.2007

Wer Aphorismen schreibt, lebt gefährlich: Kaum eine andere literarische Gattung verleitet so leicht zu Anmaßung und Selbstüberschätzung. Bei der kurzen, verknappten Form ist die Versuchung groß, uneingeschränkt Gültiges in einprägsamen Merksätzen dekretieren zu wollen, den erhobenen Zeigefinger inklusive – dies vielleicht umso mehr in einem Land wie Luxemburg, wo das Zitieren von Bonmots fast den Rang eines Nationalsports einnimmt. Zugegeben, berühmte Vorbilder gibt es genug. Bei der Lektüre der Aphorismen eines Nietzsche oder Adorno mag es geradezu scheinen, als seien Herablassung und Überheblichkeit intrinsische Merkmale eines guten Aphorismus. Doch Vorsicht: Längst nicht jeder ist ein Nietzsche oder ein Adorno. Wer sich als Normalsterblicher zum Ziel setzt, zeitlose Wahrheiten mit einigen wenigen Worten zu umreißen, bringt nicht selten bloße Binsenweisheiten zustande – und macht sich obendrein lächerlich.Mit seiner Aphorismensammlung Halbe Wahrheit, ganze Lüge gelingt es Michel Raus, diesem wenig wünschenswerten Schicksal zu entgehen. Anstatt darüber zu orakeln, was die Welt im Innersten zusammenhält, besinnt er sich lieber auf das Nächstliegende, das Allgegenwärtige des täglichen Umgangs: die Sprache. Anders als die Sprachforscher, die „oft recht forsch von Sprache“ sprechen, horcht Raus erst einmal ganz bescheiden auf das, was in unbedacht in den Mund genommenen Worten alles mitschwingt, was in ihnen an- und nachklingt. In diesem unvoreingenommenen Hinhorchen entdeckt er unerwartete Gleichklänge und Missstimmungen. Wo der Aphoristiker seine Gattung als „Ernstfall des Wortspiels“ definiert, darf dabei das Spiel nicht zu kurz kommen. Seine „halben Wahrheiten“ würzt Raus mit einer gehörigen Portion Ironie. Wie ungerecht aber auch, dass Murmeltiere überwintern, Eisbären jedoch nicht über­sommern dürfen! Seltsam, wie die neue deutsche Rechtschreibung auf einmal die Selbstverliebtheit der Autobiografen adelt! Dass Dichter oft nicht ganz dicht sind, ist zwar vermutlich – von der Sache her gesehen – nicht ganz neu (Scardanelli lässt grüßen). Dafür findet der sokratische Spruch vom Philosophen, der seine Umwelt kaum wahrnimmt, weil er in Gedanken stets bei den Ideen weilt, eine neue Interpretation in der kruden Feststellung, über der Philosophie seien schon manche Sophies vergessen worden. Dass er seine Umwelt nicht wahrnähme, wird man diesem Aphoristiker allerdings nicht vorwerfen können. Bei allem Rekurs auf die klassischen Themen seiner Zunft, verliert er die Welt der Tatsachen nie aus dem Blick – sei es, dass er, statt bloße Theologie zu betreiben, auch die Kirche und ihre Vertreter mit meist nicht sehr milden Worten bedenkt, oder dass er sich auf Strittiges aus der politischen Aktualität, Kriegstreiberei, Gentechnik und Klimawandel, besinnt. Raus verschanzt sich nicht hinter abstrakten Formulierungen. Auf die etwas windschiefe Behauptung hin, Europa brauche ein Gesicht, das den Mund aufmache, muss sich der „luxemburgische Regierungschef“ auf den Kopf zu fragen lassen, ob er in Europa lieber die Rolle eines Visagisten oder eines Maulhelden spielen wolle. Auch mit literarischen Zeit- und Artgenossen springt Raus nicht gerade zimperlich um („Der Lichtenberg aus Gicht ein Zwerg.“). Der Eindeutigkeit solcher Standortbestimmungen zum Trotz begeht Raus nicht die schlimmste aller Todsünden. Jeglicher Anflug von Superbia wird durch die Einsicht relativiert, dass sich hinter jedem großen Wort der Verschleiß der Sprache anbahnt, der es bald hohl klingen lassen wird. Den Verdacht auf Selbstüberschätzung kann Raus letztlich dadurch entschärfen, dass er ihn immer wieder selbst vorbringt, thematisiert und ironisiert. Dabei stößt er am Ende doch noch auf eine dem Aphorismus ähnliche Textart: das Tagebuch. Möge er in seinen nächtlichen Versuchen, sich Geschichte anzudichten, der Gefahr der Selbstüberschätzung genauso elegant widerstehen wie in seiner Aphorismensammlung!

Michel Raus: Halbe Wahrheit, ganze Lüge. Sätze [&] Gegensätze; mit Kalligrafien von Seiji Kimoto; MediArt 2007; www.mediart.lu

 

Elisabeth Schmit
© 2019 d’Lëtzebuerger Land