Closer

Close, closer, sex! – und ein Adieu…

d'Lëtzebuerger Land du 19.05.2011

Der britische Regisseur Douglas Rintoul (siehe auch unser Interview im Land 19/11) inszeniert derzeit Patrick Marbers Drama Closer im Kapuzinertheater mit Myriam Muller und Jules Werner, Elisabeth Johannesdottir und dem Waliser Richard Shackley. Am vergangenen Freitag war Premiere, und sehr einfach war es nicht, den Handlungsstrang zu überblicken. Doch gestehe ich, unter anderem einen Blick auf den betreffenden Kindler-Eintrag geworfen zu haben, um mir Tage nach dem Besuch und vor der Niederschrift dieses Beitrags Zusammenfassungen anzusehen. Aus eben dieser schimmert das Hauptproblem von Marbers Text auf belustigende Weise durch: die endlose Wiederholung von Trennung und Zusammenkunft, von dem Wunsch nach und der Zerstörung von wahrer Liebe, von sexuellem Hin und Her. Ein wahrer Reigen an Liebesschwüren und Beziehungsschlachten erübrigt jeden Versuch eines strukturell überschaubaren Resümees. So hilft doch einzig und allein die Erinnerung an die Inszenierung um zu überblicken, welche der vier Protagonisten – Autor Dan, Dermatologe Larry, Stripperin Alice oder Fotografin Anna – gerade in welchen Betten, Liegen oder in der Virtualität zusammenfinden.

Zugleich aber macht Marber gerade dieses Werden und Vergehen von oberflächlichen Beziehungskisten zum Gegenstand seiner Bühnenarbeit, den Rintoul konsequent unterstreicht. Beziehungen werden durch Lügen, Lügen durch Beziehungen aufrecht erhalten. Sicher wird das Publikum in regelmäßigen Schüben mit chronologischen Hinweisen wie „two and a half years later“ oder „some weeks after“ mit der Information versorgt, dass die erzählte Zeit mitnichten der erzählenden entspricht. Und sicher verfestigt sich so manches erotische Abenteuer in Ehephasen. Dies aber täuscht keineswegs darüber hinweg, dass der Wunsch nach Nähe und ewigem Glück – „closer“ und „happiness“ – im Sumpf der Intrigen zerplatzt. Doch auch die entschlossene List der Femme fatale gerade in der Figur der Stripperin führt neben der Intrige das zweite Kontrastprogramm zum Mythos der ewigen Liebe ein: Sex. Ob als experimentelles Abenteuer oder als virtuelle Verbalpornographie – bei Marber ist er nie Ergänzung, sondern Störfaktor. Vor allem aber: allgegenwärtig.

Diese Umstände beherrschen die Darstellung. Neben der allzeit vorhandenen sexualisierten Sprache fordert auch die Handlung den Akteuren so manches ab. Sowohl der körperliche Einsatz von Johannesdottir (Stripeinlagen im violett beleuchteten Club) als auch die dialogfreie Chat-Szene zwischen Dan und Larry (deren pornografischer Inhalt auf Leinwände projiziert wird), sind in ihrer Darstellungsform sehr intim, aber selten plump, oft urkomisch.

Stören tut anfangs Myriam Mullers Versuch, ihr Englisch überzogen nach feinstem After-Eight-Teatime-Oh-my-dear! klingen zu lassen, so dass ihre Auftritte ungewollt an Loriots „Englische Ansage“ erinnern. Auch der Schlagabtausch zwischen Johannesdottir und Jules Werner wirkt bisweilen wie ein unnatürliches Ping-Pong-Spiel ohne gegenseitiges Empathievermögen. Beides stört, klingt aber mit der Zeit deutlich ab. Das Ensemble wird im weiteren Verlauf gar zu einem Standbein der gesamten Inszenierung. Es wirkt mit der Zeit natürlicher, so dass mir die Gefühlsausbrüche auf der Bühne streckenweise wie Realität vorkommen, die Distanz zwischen Theater und Wirklichkeit aufgehoben wird.

Auch pflegt Rintoul ein wirksames, aber nicht immer gelingendes Spiel mit der Rhythmik. Schnelle Dialoge, hektische Bewegungen und progressive Musikeinspielungen wechseln sich ab mit ruhigeren Szenen, tragischeren Momenten. Rintoul präsentiert Closer als Drama übersexualisierter Schnelllebigkeit, mal fetzig, mal hektisch, und fällt dabei stellenweise dem repetitiven Stil der Dramaturgie zum Opfer. Bedenkt man, dass Marber seinen Text im Jahre 1997 veröffentlichte, ist er jedoch gerade mit der Einbindung des Internet im Kontext der Zwischenmenschlichkeit seiner Zeit voraus gewesen.

Closer von Patrick Marber; Regie: Douglas Rintoul; Bühne: Jeanny Kratochwil; Choreographie: Sylvia Camarda; Beleuchtung: Katharine Williams; Darsteller: Elisabeth Johannesdottir, Myriam Muller, Jules Werner, Richard Shackley; eine Produktion der Théâtres
Claude Reiles
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