Bankenregulierung

Ungewollte Nebenwirkungen

d'Lëtzebuerger Land vom 21.06.2013

„Bankster“ wurden die Bankiers nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 gerne in Anspielung auf unverantwortliches Investitionsverhalten und mangelndes Risikomanagement genannt. Eine der Hauptfeststellungen, nachdem das Auge des Sturms vorbeigezogen war: Der Fremdfinanzierungsgrad der Banken war zu hoch. Deswegen wurden in der Folge die Kapitalanforderungen erhöht. Und ganz neue Forderungen an die Kredithäuser gestellt. Um Kreditklemmen wie 2008 künftig zu verhindern, führten die Regulatoren neben den Solvenz- auch Liquiditätsquotienten ein. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Struktur der internationalen Finanzmärkte und für das Geschäftsmodell der Banken, warnten Jean Lemierre, BNP-Paribas-Berater und Ex-Präsident der Europäischen Bank für Entwicklung, und Wiederaufbau und Massimiliano Castelli, Strategie-Chef bei UBS Global Asset Management, im Rahmen der World Anti Crisis Conference. Dass die Banken die Bilanzen schrumpften, um die verschärften Kapitalanforderungen zu erfüllen und dass die Aufseher verstärkt die Liquiditätsraten überwachten, hat Lemierre zufolge „klare Folgen: Die Fragmentierung der Finanzmärkte“. „Der finanzielle Integrationsprozess hat sich seit der Krise umgekehrt“, erklärt Castelli, weil der Rückbau der Aktivitäten und Schulden außerhalb der Landesgrenzen der jeweiligen Banken stattfinde. „Es gibt Druck von den Aktionären, den Aufsehern und den Regierungen auf die Banken, die heimische Wirtschaft zu unterstützen und die Auslandsaktivitäten abzubauen. Deswegen sind die grenzüberschreitenden Kapitalflüsse seit 2007 um 60 Prozent gefallen.“ Dafür, dass sich der Prozess in Europa wieder umkehrt, sieht der UBS-Banker derzeit nur wenig Chancen. „Der Fokus liegt derzeit auf den Sparmaßnahmen. Deswegen sehe ich nicht das nötige Wachstum, um die finanzielle Integration neu zu starten.“ Zudem passten sich die Banken an das neue Regulierungsumfeld an, obwohl der Prozess noch nicht abgeschlossen sei und es Konflikte über ihre Ausrichtung gebe, spielte er auf Meinungsunterschiede zwischen Europa und den USA an, was die Kapitalausstattung der Kredithäuser betrifft. Beim Ausbruch der Krise habe es den Willen zu einem koordinierten Vorgehen gegeben. „Der fehlt jetzt“, so Castelli.
Diese Mischung aus verstärkter Überwachung der Bankenliquidität und fortschreitendenr Fragmentierung könnte auch für die Länder, die in diese Richtung drängen, Folgen haben, warnt Lemierre. Bei der Kreditvergabe müssten sich die Banken künftig entscheiden zwischen der Staatenfinanzierung und der Finanzierung der Realwirtschaft. Zumal es verstärkten Druck gebe, die staatlichen Haushalte und das Bankwesen zu entkoppeln – das, so Lemierre, sei ein bedeutender Umbruch, der besonders stark in Europa, aber auch auf globaler Ebene spürbar sei. Früher hätten die Banken lieber Staats- statt Unternehmensanleihen gekauft, nun machten die Aufseher Druck, dies zu ändern. Dadurch würden die Finanzierungsmöglichkeiten auf dem jeweiligen Heimatmarkt neuerdings zur Schlüsselfrage. Noch aber sei die Eurozone zersplittert, die Banken stünden unter der Aufsicht 17 verschiedener Aufsichtsbehörden, die jeweils auf die Liquiditätslevels in ihrem Hoheitsbereich achteten. Das zu einer Zeit, da Bankengruppen, die Liquidität eigentlich innerhalb der Zone nach Effizienzstandards verteilen können müssten. Deswegen misst Lemierre der geplanten Bankenunion als zentrale Aufsichtsbehörde eine besondere Bedeutung bei.

Weiterer Nebeneffekt: Ein verändertes Geschäftsmodell. „Die Gewinner von morgen werden jene Banken sein, die es schaffen, hohe Kundeneinlagen und viel Liquidität anzuziehen. Das ist neu und verändert das Geschäftsmodell der Banken rasant“, so Lemierre. „In der Bankenbranche wird manchmal über das Ziel hinausgeschossen“, urteilt Castelli. „In ihrer Anpassung an das neue Regulierungsumfeld überreagieren die Banken zuweilen, um ihre Position zu stärken, auch im Bezug auf die Art von Aktivitäten, die sie in Zukunft ausüben wollen.“

Dass die Finanzmärkte durch die Veränderungen in der Regulierungslandschaft sicherer werden, bezweifelt der BNP-Paribas-Berater. Stichwort Shadow banking. Die Banken selbst würden immer strenger beaufsichtigt und dadurch hoffentlich sicherer, damit das Risiko für die Staaten und die Steuerzahler sinke. Doch daneben wachse der Bereich der Schattenbanken – beispielsweise die Investmentfondsbranche – zu einem Zeitpunkt, da billiges Geld reichlich von den Zentralbanken der USA, Großbritannien und Japan zur Verfügung gestellt werde. „Von einer Krise, in der die Banken geschwächt wurden, bei der sie Spannungen verursacht haben und vor der sie wahrscheinlich in zu hohem Maße an der Finanzierung der Realwirtschaft involviert waren, gehen wir über zu sicheren Banken. Aber zur gleichen Zeit wächst der Schattenbankensektor in einem risikoreichen Umfeld, weil das Geld billig ist. Deswegen ist dies nicht das Ende der Geschichte“, warnt Lemierre. „Wir haben Fortschritte gemacht. Die Banken sind besser und sicherer. Aber die Risiken liegen heute woanders.“

Michèle Sinner
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