Die kleine Zeitzeugin

Ein bisschen wie früher

d'Lëtzebuerger Land du 13.10.2017

Die Kirche, in die keine mehr geht, ist wieder im Dorf, halleluja!

Vor einer knallbunten Wand steht ein CSV-Politiker, in der Stadt, Schlachthof. Schlachthöfe sind immer gut, weil so Szene, weil so Art, weil so Street Art, cool, sagte man früher. Start-up und Kreativ-Dings, assoziiert der Politiker, all das Freie, freie Wirtschaft, freie Kunst, freie Welt. Der Graffiti-Künstler, von Unkreativen kreativ als Knaschtpitti tituliert, protestiert, so war das nicht gemeint. Vor der kreativ bemalten Wand steht der junge schwarze Politiker, die Welt wird schließlich immer bunter. Auch mit den Schwarzen, bestimmt! Aber sie treiben es nicht zu bunt, preschen nicht vor bis in den Weltraum, und wenn, hängen sie es nicht an die große Kirchenglocke. Geldraum ist auch gut.

Nicht zu viele Schritte nach vorn, nicht zu schnell, nicht zu offen, nicht zu viel space, ein bisschen heimelig soll es bleiben, auch mit 700 000 Menschenseelen, zunehmend praktisch in roten Menschenboxen geparkt, ein bisschen heimelig. Migrationshintergründe ja, aber einen heimeligen Hinterwaldgrund soll es geben, weiterhin. Nicht zu viele Schritte nach vorn, mal zurück, mal seitwärts, und zur Springprozession schulfrei.

Den höllenroten Sündensüden haben die Schwarzen eingenommen. Die Hochofenburg der Arbeiterpartei ist über Nacht gefallen. Warum nur, warum? Weil es keine Hochöfen mehr gibt, nur noch Hochkultur und Kulturläufe. Vielleicht weil es gar keine Arbeiter mehr gibt.Und kein Arbeiterbewusstsein mehr und keinen Arbeiterstolz, nur Intellektuelle fahren noch auf Hammer und Sichel ab.

Arbeiter, was ist das überhaupt, kennt jemand noch so einen oder so eine, wie schauen die aus? Sind das die mit den falschen Vornamen? Sind das die Dicken? Nein, das sind die RMG-ler. Was ist denn so ein Arbeiter, was macht so einer eigentlich? Ja, der macht halt die Arbeit. Die scheiße bezahlte Scheißarbeit. Aber das machen doch die Portugiesen. Oder die Jugos, oder solche. Ja, genau. Aber dann gibt es also noch Arbeiter. Ja, aber die wählen meist nicht. Weil sie nicht dürfen oder sich von all den Menschen mit vornehmlich Aborigenee-Namen nicht repräsentiert fühlen. Und wenn, dann wählen sie nicht die Arbeiter_innenpartei. Nicht solche, die Fatima nicht toll finden und nicht gern singend hinter verkleideten Holzpuppen schreiten. Sie wollen es auch heimelig, mit Palast. Und Fahrrad fahren wollen sie schon gar nicht, sie sind viel zu müde dafür.

Aber wer soll denn so eine Arbeiter_innenpartei wählen? Wenn alle Aborigenees Staatsdiener_innen sind? Vielleicht Traditionsbewusste oder Nostalgikerinnen, wegen dem Boop, den Kaninchenställen in der Kindheit? Oder wegen dem Prinzip? Welchem Prinzip? Wegen der Arbeit, Tag der Arbeit, Arbeit als Wert an sich. Weil sie so  … toll ist. Weil man sie haben sollte. Auch wenn es keine gibt. Weil man sie haben wollen sollte.

Auch wenn Googlehausen on the Roost ganz gut ohne altertümliche Besatzung auskommen wird, die paar brains werden gleich mit geliefert. Auch wenn niedliche Roboterinnen zunehmend in die engere Auswahl kommen, denn sie haben Manieren, brauchen keine Rauchpausen und keine Babypause, noch nicht. Aber wenn es schon Minette nicht mehr gibt, Space Mining, Space Miner, Grubenarbeiterin im Weltraum also, Topjob, das wäre eine realistische Perspektive? Aber das machen bestimmt wieder die Ausländer. Oder die Roboter. Und die wählen ja keine Arbeiterinnenpartei.

Ein bisschen inne halten. Kleine Pause, bevor es Klimakatastrophe wird und sonst was Schlimmes, oder alles total offen oder total zu. Noch mal kuscheln, mit Kirchen- und Kuhglocken, der Herr Bischof segnet noch einmal, und Schwule dürfen alles, natürlich, aber müssen sie es so zeigen? Es geht doch auch diskreter! Vielleicht wird alles noch mal ein bisschen heil-ig, nur ein bisschen, nicht übertrieben. Das Wort in guten Händen, ein paar Piraten, ein paar Linke für die Folklore, die Grünen radeln. Für alle was, Demokratie, wwwellness. Ein bisschen wie früher, aber doch modern, wie man früher sagte. Mit christlicher Deko, gediegen.

Michèle Thoma
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