Rewenig, Guy: Ungstüm hüpft der Hirsch in sein Kostüm

Die eigentliche Wahrheit

d'Lëtzebuerger Land du 15.08.2002

Sie liegen harmlos in der Hand wie erbauliche Lektürebegleiter für die Täschchen feinsinniger Damen, die Bücher der Reihe Graphiti. Doch es genügt schon ein flüchtiger Einblick für die Erkenntnis, dass ihr Inhalt explosiv, subversiv ist und die Sprache mit ehrgeizig künstlerischem Anspruch gehandhabt wird. So verhält es sich auch mit Ungestüm hüpft der Hirsch in sein Kostüm, der neuen Sammlung so genannter Absurditäten von Guy Rewenig; doch so locker gaga-dadahaft wie im "anzüglichen" Titel geht es in dieser amüsant-tiefgängigen Fortsetzung der beiden früher erschienenen Bände Der echte Kanufahrer rudert mit den Händen (D4) und Dein Herz aus Eis macht mich ganz heiß (D5) nicht zu.

Das ist dem Leser schon bei der als Motto vorangestellten, auf verschiedenartigste Lebensbereiche bezogenen Definition von Absurdität klar: Hier wird im "Unsinn, Widersinn" die "versteckte Bedeutung" enthüllt, im Paradoxen die "eigentliche Wahrheit" ans Licht gebracht. Rewenig richtet sein Schreibhandwerk nach dem aphoristischen Zweizeiler aus: "Ich nehme die Sprache beim Wort./Sie nimmt mich beim Kragen". So von seinem Spielmaterial Sprache in strenge Zucht genommen, weiß er, dass gedankliche Unredlichkeit und Unschärfe und zu nachlässiges Formulieren die schlimmste Auto-Sanktion nach sich zögen: die Platitüde, der literarische Selbstmord in diesem ironisch-satirischen Genre.

Formal variiert der zeit- und selbstkritische (und daher besonders glaubwürdige) Moralist ein breit gefächertes Instrumentarium. Es reicht zum Vergnügen des Lesers vom pointierten einzeiligen Einfall, über deduktiv die Logik brechende Strophen, Kurzdialoge und parabelhaft erzählende Passagen bis zu "lehrreichen Märchen". Entsprechend abwechslungsreich breit gefächert sind die Themen, sprich die Realitäten hinter den Absurditäten. Der Autor gibt sich unumwunden als politischer Mit- und Querdenker zu erkennen, folglich positioniert er sich unmissverständlich in der wortspielerischen "Standortbestimmung": "Laß mich links liegen./Ich will nicht rechts stehen".

Der Aktualität weicht er nicht aus, etwa auf die irrsinnigen Bombardements in Afghanistan bezogen: "Jetzt sehen die Bomben zum Glück wie Lebensmittel aus, und die Lebensmittel leider wie Bomben". Sarkastisch klärt er über "Die neue Mitte" auf: "Die Linke weiß oft nicht, wie sie es allen recht machen soll. / Das macht die Rechte mit links". Der Religion und ihren Institutionen wird kein Pardon gewährt: "Die Pfaffen legen uns alle aufs Kreuz" heißt es im "Nachahmungseffekt". Einen recht eigenwillig außer Kraft gesetzten Glauben reklamiert Rewenig für sich in "Oh Gott!": Der Gott, an den ich glauben könnte, wäre ein Gott, der mir erlauben würde, nicht an ihn zu glauben". 

Er brandmarkt staccato-vehement in "Sexuelle Chronologie im reichen Staat" die Brutalität der Kapitalmärkte: "Gehaltsempfängnis, /  Geldschwangerschaft, / Zinsabtreibung, / Kapitalniederkunft, / Spekulationsverhütung, / Aktienflirt, / Börsenscheidung, / Zahlungsimpotenz." Rewenig nimmt Auswüchse moderner Kommunikation ebenso auf die Schippe (in "Short message" die SMS-Hysterie) wie das anödend nichtssagende Talkshow-Gelaber oder den Irrsinn, wie "Bücher und Filme" in mehrfacher, wechselseitiger Verwertung ausgeschlachtet werden. Einen breiten Raum nehmen die Texte ein, die sich mit der Zweierbeziehung befassen. Mal verleiht er einer Redensart neuen Tiefsinn, wie in "Immer (noch)verheiratet": "Dir treu bleiben, bis der Tod uns scheidet? / Mir treu bleiben, bis der Tod uns verbindet!" In einer einzigen prägnanten Zeile versinnbildlicht er Erotik, so dass "Gefühl und Verstand, endlich vereint" sind: "Dein Körper ist mir zu Kopf gestiegen". Aber es gibt auch den Erfahrungskontrast der Einsamkeit trotz der Zusammengehörigkeit: "Lonely. Du, eingeschlossen in dir, / ich, gefangen in mir / dich und mich verbindet / die gemeinsame / Trennwand unserer Kerker". 

Alles in allem kann man mit Genugtuung feststellen, dass der Verfasser auf "Die höchste Form" verzichtet hat: "Es steht alles zwischen den Zeilen. / Lassen wir doch den Text weg." Gott sei Dank hält er sich - hoffentlich auch weiterhin so überzeugend wie hier - an "Trost und Versuchung": "Ich habe es noch nicht aufgegeben, / nicht aufzugeben".

Die zehn informellen Tuschezeichnungen von Robert Brandy setzen nicht unbedingt zwingend erforderliche optische Reize.

Guy Rewenig: Ungestüm hüpft der Hirsch in sein Kostüm. Absurditäten. Mit zehn Tuschezeichnungen von Robert Brandy. Éditions Phi. Reihe Graphiti D 7. 2002, 93 Seiten, 12 Euro.

Fritz Werf
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