Luxemburgensia

"Gutenberg-Schneekugeln führen wir nicht"

d'Lëtzebuerger Land vom 11.05.2000

Bleiche Fahnen mit einem "g" in Computerschrift hängen schlaff zwischen Hertie, Brotladen und "Ihrem Teppich-Partner" in der Fußgängerzone.

Ende des letzten Jahrhunderts hatten die Mainzer Bürger Johannes Gutenbergs Geburtstag willkürlich auf das Jahr 1400 festgelegt, um sich und ihr Provinznest bei Frankfurt mit einem urdeutschen Handwerksmeister im runden 1900 zu feiern.

Zum Jahr 2000 versuchen ihre Urenkel noch einmal den gleichen Coup. Statt als Meistersinger verkaufen sie den großen Sohn der Stadt (weiterer Exportschlager: Karneval), den europäischen Erfinder des Drucks mit beweglichen Lettern, nun verzweifelt als Vorfahren von Bill Gates und als Begründer des Cyber-Zeitalters.

aventur und kunst. Vom Geheimunternehmer zur ersten Medienrevolution heißt, mit einem Zitat aus einer Straßburger Prozessakte über Gutenbergs Start up, die Mainzer Schau. Doch den Zusammenhang zwischen dem bleiernen Gutenberg und der digitalen Gegenwart sucht man vergebens im frisch umgebauten Gutenberg-Museum zwischen Dom und Rheingoldterrasse.

Trotz ihres Titels lässt die dröge Ausstellung, die ganz ohne Styroporkulissen und ewig defekte Bildschirmsäulen auszukommen meint, die gesellschaftlichen Folgen der Einführung des ersten Massenmediums weitgehend unerwähnt. So dass aus einer Ausstellung über eine der größten technischen und sozialen Revolutionen des Jahrtausends bloß eine Schau für Liebhaber alter Bücher wurde. Dafür werden dem "gemeinen Volk" Gutenberg-Wein, Gutenberg-Kerzen und faksimilierte Bibelseiten mit oder ohne Rahmen angedreht, der Gutenberg-Marathon startet übermorgen. Nur die Suche nach Gutenberg-Schneekugeln bleibt erfolglos.

Doch Gutenberg spielt nie mit. Denn über den von den Londoner Times zum Man of the Millennium Gewählten ist so gut wie nichts gewusst. Anfangs hieß er Hen(i)chen Gensfleisch und vielleicht auch Johannes de Altavilla. Sein Geburtsjahr ist unbekannt, auch die derzeitige 600-Jahrfeier ist ein präziser Schwindel. Niemand weiß, wie er aussah: die Porträts des Alten mit Rauschebart und Pelzmützchen sind nach seinem Tod entstandene Fantasieprodukte. Und welche Bücher er gedruckt hat, ist auch nicht zweifelsfrei festzustellen - denn Kolophon oder Impressum vergaß er zu erfinden.

Von Gutenbergs Existenz zeugen nur neun Dokumente und einige Abschriften aus Mainz, Straßburg und vielleicht Erfurt, meist Prozessakten und Schuldscheine, die ihn als geschäftstüchtigen, wenn auch nicht vor Rückschlägen gefeiten Unternehmer aus Patrizierhaus erscheinen lassen. Es ist eines der Verdienste der Mainzer Ausstellung, durch Leihgaben für einige Monate fast alle Originaldokumente über Gutenberg und seine möglicherweise ersten kommerziellen Drucke - Lateinfibeln, Ablassbriefe und Aderlasskalender - an einem Ort zugänglich zu machen. Nur ihren Türkenkalender wollte die Bayerische Staatsbibliothek offenbar nicht herausrücken.

Spektakulärer Mittelpunkt der Ausstellung sind jedoch nicht diese paar unscheinbaren Papiere und Pergamente, sondern die beiden 42-zeiligen, zwischen 1452 und 1455 entstandenen, lateinischen Gutenbergbibeln. Das 1900 gegründete Museum konnte sie 1925 und 1978 kaufen und nahm sie zur Feier des Tages aus dem Panzerschrank, um sie mehr weihevoll als übersichtlich vorzuführen. Von einer Gesamtauflage von wahrscheinlich 180 Exemplaren des ersten im Buchdruck hergestellten europäischen Buchs sind heute noch 49 ganz oder teilweise erhalten, und die aufgeschlagenen Seiten der beiden Mainzer Exemplare wirken frisch, als seien sie gestern gedruckt worden.

Weniger spektakulär ist eine Sammlung Inkunabeln, Bücher aus dem ersten halben Jahrhundert nach Erfindung des Buchdrucks bis 1500, die meist in den Schatzkammern der Bibliotheken lagern und nur selten in so großer Zahl für die Öffentlichkeit versammelt sind. Im Halbdunkel der oberen Stockwerke der Ausstellung, fern von aufgeregten Schulklassen und Busladungen besserwisserischer Rentner, lassen sich auch vier Exemplare von Johannes Balbus' Catholicon vergleichen, ein vielleicht von Gutenberg gedrucktes Latein-Handbuch mit auffälligen Doppelzeilen und Papiervarianten, das nach einer abweichenden, unbekannten Technik entstanden sein könnte.

Im Untergeschoss der Ausstellung werden die technischen Details von Gutenbergs Erfindung illustriert. All die Dutzenden metallurgischen, mechanischen und chemischen Probleme, für die neue Lösungen gefunden werden mussten, bevor die Biblia latina in ihrer erstaunlichen Perfektion gedruckt werden konnte, lassen sich nur erahnen. Dann treibt schon aufmerksames Wachpersonal die Besucher zu einer der regelmäßigen Demonstrationen des frühen Buchdrucks zusammen. Anhand einer 1925 dem Museum von einer Druckmaschinenfabrik gespendeten hölzernen "Gutenbergpresse", eines Nachbaus nach Illustrationen aus dem 16. Jahrhundert. Denn wie Gutenbergs Druckpresse Mitte des 15. Jahrhunderts aussah und funktionierte, ist ebenfalls unbekannt.

Gutenbergmuseum Mainz, bis zum 3. Oktober, täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr. Katalog 716 S., DM 49,80.

Romain Hilgert
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