Der Landwirtschaftsminister weiht Bio-Brot von Cactus ein, weil die Supermarktkette die einheimischen Produzenten unterstützt und die Verbraucher mehr Bio essen sollen

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d'Lëtzebuerger Land du 24.05.2019

Pünktlich, als die offiziellen Reden am Dienstag beginnen sollten, fingen im Stall von Serge Van Dyck die Hühner an zu gackern. Auf den Bio-Hof in Leudelingen hatte die Supermarktkette Cactus eingeladen, um ihre neuste Lebensmittelproduktionskette vorzustellen. Zusammen mit der Biog, der Genossenschaft der Bio-Bauern, und der Bäckerei Pains & Traditions aus Oberkerschen startet Cactus die Initiative „Zesummen fir ons Biobaueren“, in deren Rahmen fünf Sorten Bio-Brot vermarktet werden. Zur Brot-Präsentation im Stall waren nicht nur Verantwortliche und Mitglieder der Biog gekommen, Chef-Bäcker Jean Kirchner im Backstuben-Dress, die Geschäftsführung von Cactus und ein paar Nachbarn und Verwandte, sondern auch Landwirtschaftsminister Romain Schneider (LSAP) samt Berater. Zwischen Hühnergegacker und muhenden Kälbern ging ein wenig unter, was sie zu sagen hatten. Aber danach stellten sich alle VIPs in mindestens vier verschiedenen Formationen für Fotos vor den Strohballen auf. Das war offenbar das Wichtigste, da was hier veranstaltet wurde, pures Marketing war.

Denn Bauer Serge van Dyck hat seinen Hof bereits 2011 von konventioneller auf Bio-Landwirtschaft umgestellt. Seither ist er Mitglied in der Biog. Er produziert immer noch das Gleiche wie vorher: Milch, Rindfleisch und Getreide nicht nur zur Fütterung, sondern auch für den Verkauf. Sein Getreide wird schon seit acht Jahren über die Biog zu Bio-Brot verarbeitet. Was die Frage aufwirft, warum die Bio-Bauern der Genossenschaft bereit sind, sich für Foto-Shootings mit der Supermarktkette herzugeben und sogar der Minister herbeieilt, um Brotlaibe einzuweihen.

Wer das verstehen will, muss ein bisschen ausholen. Die Luxemburger Landwirtschaftsbetriebe erhielten laut Jahresbericht des Ministeriums 2017 insgesamt 68,17 Millionen Euro an Direkthilfen, Landschaftspflegeprämien, Ausgleichszahlungen für benachteiligte Gebiete, Agrarumweltmaßnahmen und Biodiversitätsprämien. Als Nettoeinkommen blieben ihnen 39,3 Millionen Euro übrig. Ohne Subventionen ist die Landwirtschaft demnach völlig unrentabel. Das Einkommen pro Arbeitskraft in der Landwirtschaft lag in den vergangenen Jahren immer deutlich unter dem durchschnittlichen Lohn, der in anderen Luxemburger Wirtschaftsbranchen gezahlt wird. Zusammengefasst heißt das: Viel Arbeit für wenig Geld – und in den vergangenen Jahren nach Lebensmittel- und Pestizidskandalen auch noch wenig Anerkennung.

Als Van Dyck 2011 von konventionell auf Bio umstellte, sank seine Erzeugung um 50 Prozent. Seine Prämien sind trotz Bio-Bonus nicht wesentlich angestiegen. Seine Gewinne auch nicht, wie er erklärt und damit den Mythos ein wenig zerstört, dass Bio-Bauern besser verdienen als konventionelle Bauern, weil die Produkte teurer sind. Damit diese Rechnung aufgeht, müsste der Mengenverlust über einen besseren Verkaufspreis, also eine bessere Valorisation wettgemacht werden. Damit dies funktioniert, müssten seine Produkte aber den Weg zu Kunden finden, die bereit sind, mehr Geld für biologisch angebaute Esswaren auszugeben.

Das ist offenbar nicht so einfach, wie man denken könnte. Obwohl in der Rifkin-Studie erklärt wurde, die Nachfrage nach Bio-Waren sei in Luxemburg deutlich höher als in den Nachbarländern, die Umsätze auf Bio-Lebensmitteln würden sich auf 75 Millionen Euro jährlich belaufen und die Konsumentennachfrage steige weiter an. Trotzdem berichtet beispielsweise Serge Van Dyck, finde er keine passenden Verkaufskanäle für sein Bio-Rindfleisch. „Verbraucher, die sich für Bio interessieren, kaufen nicht so viel Fleisch“, meint der Landwirt. Warum die Genossenschaft ihren Mitgliedern auch nicht alle Tiere abnehmen könne, die zur Schlachtung bereit sind. Sich ans Lastenheft des noch recht neuen Bio-Beef-Labels von Cactus zu halten, über das innerhalb des ersten Jahres 155 junge Rinder vermarktet wurden, stelle seinen Betrieb organisatorisch vor zu große Herausforderungen, als dass er sich daran anschließen könne. Er verkauft sein Fleisch daher vor allem immer noch privat, wobei immer weniger Haushalte gewohnt sind, sich ein halbes oder Viertel Rind in die Tiefkühltruhe zu legen.

Wie passen diese Realitäten zu den mehr als ehrgeizigen Zielen, die im Rahmen der Rifkin-Studie festgehalten wurden und seither in das Koalitionsabkommen eingeflossen sind. Darin heißt es: „Die Bestrebungen, die biologische Landwirtschaft auszubauen, werden intensiviert. (...) Der neue biologische Aktionsplan wird ein langfristiges Ziel – 100 Prozent bis 2050 – sowie eine Linie, mittelfristige Ziele und ein übersichtliches, ganzjähriges Monitoring festlegen. Das angestrebte, ambitiöse Ziel besteht darin, dass der biologische Anbau bis 2025 mindestens 20 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen erreicht. Die ersten erforderlichen Anpassungen werden 2019 vorgenommen.“

Eckwerte für diesen neuen Aktionsplan setzte Romain Schneider am Dienstag mit seinen Beamten, bevor er nach Leudelingen kam, um das Bio-Brot zu teilen. Nun will er sie gemeinsam mit allen Akteuren diskutieren, wie er dem Land sagte, und das ziemlich zügig. Denn er will den Aktionsplan noch vor der Sommerpause im Regierungsrat vorlegen. Wirklich Konkretes will er sich noch nicht entlocken lassen. Denn auch er weiß, dass die im Koalitionsabkommen vorgegebenen Ziele nur sehr schwer erreichbar sein werden. Und es noch viel schwieriger sein wird, die heimische Bio-Produktion und die heimische Nachfrage zueinanderzubringen.

Das ist schon allein eine Frage der Arithmetik. Denn 2015 wurden nur drei Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen nach Kriterien des biologischen Landbaus bewirtschaftet. Dabei ist die Luxemburger Landwirtschaft vor allem eine Milch- und Fleischwirtschaft. Von 2 022 Betrieben waren 2015 515 spezialisierte Milchviehbetriebe, 374 waren Aufzucht- und Mastbetriebe und weitere 166 waren auf die Fleisch- und Milchproduktion ausgerichtet. An dieser Ausrichtung der Produktion hat auch die Umstellung der Höfe auf Bio nichts Wesentliches verändert. Von den Bio-Bauern stellen ebenfalls viele Milch her. Zwar lag der Anteil der Bio-Milchproduktion 2015 bei nur 0,68 Prozent. Aber die Anfang 2016 in Betrieb genommene Biog-Molkerei arbeitet nicht nur mit Verlust, sondern sie exportiert, wie Geschäftsführer Volker Manz erklärt, mehr als die Hälfte der angelieferten Milch unverarbeitet ins Ausland, weil sie nicht in Luxemburg abgesetzt werden kann. Damit führen die Bio-Bauern einen wesentlich geringeren Anteil ihrer Produktion aus, als die konventionellen Luxemburger Milchbauern, wie Manz unterstreicht. Dennoch: Offensichtlich reißen sich die Luxemburger Konsumenten nicht um Bio-Milch der Biog. Stellen mehr Bauern auf Bio um, und dass dies geschehen wird, davon ist Manz überzeugt, dann muss sich die Biog überlegen, wie sie mehr fertige Milchprodukte ins Ausland exportieren kann, um die Preise für ihre Produzenten halten zu können. Aber im In- und Ausland wächst die Konkurrenz auch in der Bio-Branche, von „Bio-Discountern“, wie Manz sagt. Dort wartet man demnach auch nicht unbedingt auf die Luxemburger Bio-Milchprodukte.

Was die Fleischproduktion betrifft, ist Manz optimistisch, dass die Nachfrage nach Bio-Fleisch da ist. Seiner Ansicht nach fehlt es vor allem an den notwendigen Strukturen. „Ja, wir haben darüber geredet, dass wir dann auch Serge mal ein halbes Tier abkaufen“, reagiert Manz auf die Probleme van Dycks, seine Rinder zu verkaufen. Auch die Provençale interessiere sich für Bio-Fleisch und der Bio-Maufel biete Absatzmöglichkeiten. Beim Fleisch sieht Manz noch Potenzial. Ebenso wie beim Getreideanbau. An Bio-Getreide für die Bäckereien fehle es der Biog immer, so der Geschäftsführer. Und beim Obst und Gemüse ebenfalls.

Dass die Konkurrenz der Bio-Discounter steigt, macht es für die Biog interessant, mit Cactus zusammenzuarbeiten. Denn in einen Preiskampf will die Biog nicht einsteigen, sagt ihr Geschäftsführer, dann bleibt ihr nur die Möglichkeit, sich über die Qualität der Produkte zu differenzieren. Das kann sie, wenn sie ein breites Publikum erreichen will, nur über Partnerschaften wie die mit Cactus. Andere Supermarktketten kaufen den heimischen Produzenten auch Lebensmittel ab. Doch sie veranstalten dafür kein Foto-Shooting im Stall. Das dient natürlich an erster Stelle der Cactus-Werbung. Dass die Kette die regionale Lebensmittelproduktion bewusst unterstützt, ist ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Stack-Lëtzebuerger. Die sollen sich dadurch überzeugen lassen, mehr für ein Brot zu bezahlen – in dem der Weizen von Serge van Dyck verarbeitet wurde. Dem Vernehmen nach ist Cactus dabei den Produzenten gegenüber fair. „Wir arbeiten mit allen zusammen, die mit uns zusammenarbeiten wollen“, sagt Manz über die Geschäftsbeziehungen der Biog, die einerseits als Großhändler aktiv ist und über die Oikopolis-Gruppe mit den Naturata-Märkten im Einzelhandel Konkurrent von Cactus und Co ist. Denn schon bei der Gründung der Genossenschaft sei klar gewesen, dass die Produkte nicht nur in den eigenen Geschäften verkauft werden könnten, sondern auch in die Regale anderer Anbieter müssten. Doch mit Cactus ist die Biog seit Mitte der Neunziger im Geschäft und eine „derart vertrauensvolle Zusammenarbeit“ bestünde nur mit der Luxemburger Kette, sagt Manz.

Das neue Bio-Brot ist nur eine von fünf Versorgungsketten, die Cactus in mehr als 20 Jahren aufgebaut hat. Nicht alle davon sind Bio, aber Cactus unterstützt damit die regionale Herstellung. Das kommt den auf Regierungsebene gesteckten Zielen, einer lokalen Produktion und Vermarktung ohne viele Zwischen­etappen entgegen, weshalb Romain Schneider gerne ein Brot in die Kamera hält. Die älteste dieser Ketten ist „Rëndfleesch vum Lëtzebuerger Bauer“, das Label, das zusammen mit dem Züchterverband Convis aufgebaut wurde. Laut Jahresbericht von 2017 wurden unter diesem Label 4 649 Tiere vermarktet. „Dieses Resultat soll man als sehr positiv bewerten“, heißt es im Bericht. „Der Fleischrindhandel wird immer schwieriger, da der Trend immer mehr Richtung Verarbeitungsfleisch geht, und es immer offenbarer wird, dass die gut bemuskelten Tiere mehr und mehr weniger gefragt sind“, schreibt Convis.

Weit über 90 Prozent des Rindfleischs, das bei Cactus über die Theke geht, wird durch das Label produziert, erklären Cactus-Direktor Laurent Schonckert und sein Marketing-Chef Marc Hoffmann. Der Vorteil, den sie den Bauern ihrer Meinung nach bieten: „Wir kaufen das Tier, von der Nase bis zum Schwanz.“ Denn vom Hackfleisch-Trend abgesehen, für den sich die muskelschweren Tiere der Convis-Züchter, wie sie befürchten, immer weniger eignen, gibt es für sie ein weiteres Problem: Ein Rind besteht nicht nur aus Steaks und Entrecôtes, die sich aber, neben Hackfleisch, am Besten verkaufen. Cactus kauft die ganzen Tiere, obwohl, wie Schonckert sagt, was an anderen Stücken gebraucht wird, anderswo günstiger bezogen werden könnte. Das kann sich das Unternehmen leisten, weil es über eigene Metzgereien verfügt, die aus den weniger gefragten Fleischstücken fertige Produkte machen.

Dabei spielt auch der Catering-Service Schnéckert eine Rolle, auch wenn es um die Waren aus der zweit­ältesten Kette „Eist Uebst a Geméis“ geht. Darin sind zwölf Obst- und Gemüsebauer aus Luxemburg und Deutschland zusammengeschlossen, die für Cactus „regional“ produzieren. Einen dieser Bauern hat Cactus in den vergangenen Jahren ermutigt, Spargel zu züchten, wie Schonckert und Hoffmann erklären. Doch die Ernte war nicht immer so schön, dass sie im Supermarktregal ausgelegt werden konnte. Weil sich Cactus zur Abnahme verpflichtet hatte, sagt Schockert, hat Schnéckert die Ware zu Spargelsuppe weiterverarbeitet, die in den Verkauf gehen konnte. Ungefähr zehn Prozent des Umsatzes aus dem Obst- und Gemüseverkauf im Cactus-Verkaufsnetz werden mit Produkten aus regionalem Anbau abgedeckt. Nicht besonders viel, aber ein guter Wert im Vergleich zur regionalen Herstellung insgesamt.

Jean-Claude Müller aus Contern ist einer der Bauern, die für „Eist Uebst a Geméis“ produzieren. Die Zusammenarbeit bewertet auch er als vertrauensvoll. Für ihn ein Beleg: „Es gibt keine festen Verträge. Das wird mit einem Handschlag abgemacht.“ Abgemacht werden im Winter die Mengen und die Preise, zu denen Cactus die inzwischen 95 unterschiedlichen Artikel abnimmt. „Dann kannst du planen“, sagt Bauer Müller – für die vom Wetter und Weltmarktpreisen abhängigen Landwirte ist das viel wert. Über diese direkte Art der Zusammenarbeit mit den Produzenten fällt außerdem der Großhandel als Zwischenetappe aus, der sich eine Marge auf den Waren nehmen würde, bevor er sie weiterverkauft. Müller schneidet demnächst den ersten Salat, den er in drei Rotationen auf fünf Hektar für die Cactus-Märkte anbaut. Natürlich sei der nationale Obst- und Gemüseanbau im Vergleich zur nationalen Nachfrage nach Obst und Gemüse defizitär, erklärt Müller. „Luxemburg ist nicht Südfrankreich“, sagt auch Schonckert. Die Bauern sind in der Produktion durch die klimatischen Bedingungen und die Jahres- und Reifezeiten eingeschränkt. In der Saison sei der Beitrag der lokalen Produzenten gar nicht unerheblich, wendet Müller ein. Aber essen tun die Verbraucher das ganze Jahr über. Doch wer das ganze Jahr über produzieren wolle, müssen in Gewächshäuser investieren, sagt der Bauer. Dazu braucht es außer Geld Genehmigungen, an denen es hapere. Und wie es dann um den ökologischen Fußabdruck der Produktion steht, ist auch nicht so gewiss.

Vom Bio-Landbau ist Jean-Claude Müller nicht überzeugt. „Eist Uebst a Geméis“ produziert nach „intergrierter“ Methode. Das soll heißen, Pestizide werden wirklich nur dann eingesetzt, wenn es nicht anders geht. Dass davon keine Rückstände in den Lebensmitteln zu finden sind, kontrolliere die Santé, ansonsten dürfe die Ware nicht in den Verkauf. Müllers Kirschen, die er ebenfalls für Cactus produziert, sind ein gutes Beispiel dafür, wo die lokale Lebensmittelproduktion an ihre natürlichen Grenzen stößt. Und wirft die Frage auf, ob Bio immer besser ist. Müller ärgert ohnehin, dass pauschal behauptet werden, die Bio-Landwirtschaft sei besser und dabei würden keine Spritzmittel verwendet. Denn in der Bio-Landwirtschaft wird auf synthetische Mittel verzichtet, dafür können „natürliche“ durchaus zum Einsatz kommen. Zum Beispiel Kupfer, ein Schwermetall, das die Böden belaste. Um zu verhindern, dass seine Kirschen platzen und damit unverkäuflich sind, muss Müller sie vor dem Luxemburger Regen mit Planen schützen – wenn ein kräftiger Niederschlag während der Blüte nicht ohnehin die Fruchtbildung unmöglich gemacht hat. Damit die Früchte gut wachsen, müsse ein kleiner Kreis am Boden um den Stamm frei von Unkraut bleiben, das dem Baum Nährstoffe entzieht, erklärt der Bauer, auch wenn in den Alleen zwischen den Bäumen wachsen könne, was will. Dieser Schutzring kann entweder durch das Spritzen von Herbiziden angelegt werden. Oder, alternativ und herbizidfrei, mit neuen spezialisierten Maschinen. Die müssen dann aber achtmal jährlich um die Bäume fahren, um das gleiche Ergebnis zu erzielen. Was nicht nur Mehrarbeit und Spritkosten verursacht, sondern auch CO2. Die Mehrkosten, haben er und Kollegen ausgerechnet, würden sich auf 800 Euro pro Hektar belaufen, wofür ziemlich viele Kirschen verkauft werden müssten. Ob die Kunden bereit sind, den Aufpreis zu zahlen, daran zweifelt Müller. „Die Nachfrage ist nicht da“, ist er überzeugt, auch weil sich Arbeiterfamilien mit Kindern keine Bio-Produkte leisten können. Das sei auch eine so­ziale Frage, sagt der Bauer aus Contern, der sich über die Dreier-Koalition ärgert, weil sie Bio forciere und nicht ausreichend berücksichtige, dass auch weniger gut betuchte Verbraucher ein Recht auf gesundes Essen hätten. Damit die einheimische Landwirtschaft lokal mehr absetzen könne, sagt der kritische Landwirt, müssten mehr ihrer Produkte in den Kantinen und Großküchen des Landes verarbeitet werden. Doch bei den Budgets, die in Krankenhäusern und Schulen pro Mahlzeit vorgesehen seien, auf der einen Seite und Stundenlöhnen für die Mitarbeiter in den landwirtschaftlichen Betrieben andererseits sei das nicht möglich. Wie das mit noch teureren Bio-Produkten gehen soll?

Dass die einheimische Lebensmittelproduktion anderswo an ihre Grenzen gerät, musste Cactus erfahren, als der Versuch eine Produktionskette für Hähnchen aufzubauen, am Widerstand einer Bürgerinitiative gegen den Stall scheiterte. Die Produktion soll nach allgemeinem Wunsch zwar lokal sein, aber bitte nicht so lokal, dass sie auf dem Nachbargrundstück stattfindet. Cactus, dessen Verantwortliche eine Marktlücke für qualitativ hochwertige Luxemburger Hähnchen sahen, die allerdings nicht ganz so teuer sind, wie ein französisches Hähnchen des Label rouge, sattelte um und tat sich mit der Lëtzebuerger Poulet Sàrl zusammen: Vier Bauern, die nicht exklusiv für Cactus produzieren, sondern ihre Hähnchen auch über andere Kanäle verkaufen. Zum Beispiel über Facebook, wo nachzulesen ist, dass die nächste Lieferung am 31. Mai stattfindet und schon fast alle reserviert sind. Für Cactus liefert die Firma rund 500 Hähnchen die Woche. „Nicht viel“, sagen Schonckert und Hoffmann. Das liegt auch daran, dass die Kücken verhältnismäßig viel Platz im Stall haben, länger gemästet werden als Industriehühnchen und die Ställe, die im Rotationsprinzip gebraucht werden, zwischenzeitlich unbesetzt bleiben müssen, um schädlingsfrei zu bleiben. Auf Facebook sind die Verbraucherbewertungen durchweg positiv. „E super Poulet!!! Mega proper gebotzt, do war keng eenzeg Plëmchen mei drun, perfekt. Ech hun en um Grill gemach, Fleesch herrlech säfteg, ennert der Haut bal kee Fett, Haut wonnerbar krupseg, an de Gout vum Fleesch onvergleichbar. An och de Praïs as top fir dei mega Qualitéit”, schreibt eine überzeugte Kundin. Da es in Luxemburg kein Schlachthaus gibt, das auf Hühner ausgerichtet ist, machen die „Lëtzebuerger Poulets“, die nachts einzeln und per Hand eingefangen werden, um sie nicht zu stressen, übrigens einen Ausflug nach Belgien, bevor sie in den Ofen kommen.

Michèle Sinner
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