Frau interviewt Mann

Ënnert eis

d'Lëtzebuerger Land vom 14.10.2016

Sie hat es überlebt. Sie ist nicht schwer verletzt, es ist nichts Gröberes passiert. Etwas Grobes zwar schon, da sind sich im Endeffekt alle einig. Aber das kann schon mal passieren.

Sie hat ihn provoziert, ganz klar. Sie hat Fragen gestellt. Diese Fragen, wer würde da nicht ausrasten? Wahrscheinlich waren sie ganz gezielt gestellt. Sie wirken zwar naiv, beinahe unschuldig, aber genau darin bestand ja das Kalkül. Sie wusste, womit sie ihn zur Weißglut bringt, und prompt sprang er aus der Kiste, wie es so bildmächtig in den sozialen Medien heißt. Das Temperament eben auch. Südländisch, schreiben sie respektvoll auf Facebook, ein Mann auch noch, also bitte.

Bisher ging es bei uns ja grob, aber herzlich zu. Man kennt sich, man kennt sich aus, schaut gekonnt aneinander vorbei, begrüßt sich mit „Moien, du Aaschlach“, dann nimmt man einen zusammen. Wild, aber alles nicht so wild, könnte der auf luxemburgisch Sozialisierte die RTL-Szene interpretieren. Was führt sie also auf? Einen Bobo herzeigen wie eine Trophäe. Es soll schon Frauen gegeben haben, die wegen geringerer Vergehen mit dem Leben bezahlten. Weil

sie lachten, wegen einer Kleinigkeit, oder wegen einer versalzenen Suppe. Hätte ein Mann das Interview geführt, wäre es ihm wohl an die Gurgel gegangen. Oder noch was Männlicheres wäre geschehen, mit Sexismus hat das also bestimmt nichts zu tun. Frauen nerven aber auch oft so.

Die Strategie dahinter ist jedenfalls klar, man will ihn zu Fall bringen, unbedingt, mit allen Mitteln und allen schäbigen Tricks. Ihn in die Arena locken, vor eine Kamera auch noch, und dann diese hanebüchenen, simplistischen Fragen stellen. Bis er ausrastet, dann wird abgedrückt. In einer populären, also populistischen Sendung. Was mischen die sich aber auch in die Kultur, sie sollen auf ihrem Mist bleiben und über Zäune reden, die falsch aufgestellt sind, oder über arme Schweine in Schweineställen, etwas fürs Volk. Perlen vor die Säue, das kann nicht gutgehen. Außerdem ist die Kulturszene ein Schlangennest, das weiß jeder, eine macht dort dem andern Szenen, überall Theaterblut, schaut echt aus. Gott sei Dank sind die meisten Proffen und erstehen wieder auf und sind wohlauf.

Die, die medial was zu melden haben, sind sich ziemlich einig. Die, die nichts zu sagen haben, sagen zwar auch genug, aber das ist wiederum manchmal etwas hirnverbrannt, Surferinnen raucht schon der Schädel. Aber immer spielt die Mafia die Hauptrolle, die RTL-Mafia oder die Kulturmafia, egal, Hauptsache Mafia, es scheinen südamerikanische Verhältnisse hier zu herrschen. Oder türkische. Jedenfalls südländische. Ausflippen, allerhand zertrümmern, bei Künstlern kommt das verwegen und exzentrisch rüber, bei Kulturstaatsbeamten gehörte Verhaltenskreativität bisher kaum zum Berufsprofil. Kugelsichere Westen sollten Journalist_innen aber wohl künftig tragen, wenn sie sich in die Höhle eines Kulturlöwen begeben, die sind so sensibel.

Aber im Endeffekt, was ist schon groß passiert? Gott sei Dank leben wir nicht in Deutschland oder sonst einem humorlosen Umfeld, wo jemand zurücktritt, nur weil er getreten hat und dessen überführt wurde. Hashtag aufschrei!, ein ältlicher Politiker vergreift sich nachts an der Bar, nur im Ton. Die Altherren-Supergaudi wurde zum Supergau, Feministinnen jagten ihn gnadenlos durch die Medienmanege und davon, seine politische Karriere endet jäh und schmählich. Dem Mu-seumsmacho blieb Ähnliches erspart, die Häme ergoss sich vorwiegend über das Opfer. Selbst die Schwestern, die Herren sonst ganz gern auf die Finger schauen, schwiegen größtenteils vornehm. Oder legten ein paar gute Worte ein für den diskriminierten Kulturzirkusdirektor: Alle sind immer gegen ihn, er ist so traumatisiert.

Seien wir froh, ein bisschen menschlicher geht es bei uns zu. Oder sagen wir familiärer. Familie heißt natürlich nicht heile Welt, wer griechische Sagen liest, kennt sich aus. Melanchcholische Monstermütter, terroristische Brüder, Killercousinen, es wird ehrengemordet, was das Zeug hält. Aber doch bitte nicht im Fernsehen! Wer filmt denn Familienszenen und stellt sie ins Netz?, da zappelt er jetzt!

Man fällt sich nicht in den Rücken, in ehrenwerten Familien. Und wenn, dann diskret. Mit Stil.

Michèle Thoma
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