Neues von den Konsumausgaben

Kaufkraftschwund

d'Lëtzebuerger Land vom 18.05.2012

Seit 2007 können sich die Haushalte Jahr für Jahr weniger leisten. Das meldete das statistische Amt Statec am Montag nach der Auswertung seiner jährlichen EBM-Umfragen über die Konsumausgaben von mehr als 1 000 Haushalten. Ein Durchschnittshaushalt, der 2007 noch 4 836 Euro monatlich verbrauchte, gab 2010 nur noch 4 505 Euro im Monat aus. Das sind, nach einer mehrjährigen Periode stetigen Anstiegs, immerhin sieben Prozent weniger, und berücksichtigt man auch noch die Inflation, sind es sogar über zehn Prozent weniger.

Schuld daran sind laut Statec „die großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die Zunahme der Arbeitslosigkeit“, also die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise, die ab 2008 auch hierzulande spürbar wurden. Dadurch dürfte das verfügbare Einkommen der Haushalte abgenommen haben, sie versuchten, angesichts der unsicheren Zeiten weniger zu verbrauchen und mehr zu sparen, oder sie konnten sich nicht mehr weiter verschulden, um ihren Lebensstandard aufrecht zu erhalten.

Das Statec geht in seiner Statnews-Mitteilung nicht auf die sozia[-]len Unterschiede bei der Entwicklung der Konsumausgaben ein. Doch 2010 gab laut EBM ein Oberschichtenhaushalt 5 704 Euro monatlich aus, ein Mittelschichtenhaushalt 4 711 Euro und ein Arbeiterhaushalt 4 144 Euro. Wobei die Unterschiede selbstverständlich vor allem mit den Einkommensdifferenzen zu tun haben, aber auch mit Abweichungen bei der Zusammensetzung der Haushalte und der unterschiedlichen Bereitschaft, an solchen Umfragen teilzunehmen. Denn zwischen 1998 und 2007 nahmen, auch dank Lohnanpassungen und Steuersenkungen, die Konsumausgaben der Arbeiterhaushalte um 42 Prozent, der Mittelschichtenhaushalte um 26 Prozent und der Oberschichtenhaushalte um 15 Prozent zu.

Dass die Konsumausgaben der Arbeiterhaushalte dank Einkommensverbesserungen und Verbraucherkrediten schneller stiegen als beispielsweise die der Oberschichtenhaushalte, hat wohl mit einem Nachholbedürfnis Ersterer und einer weitgehenden Befriedigung der Konsumbedürfnisse Letzterer zu tun. Bemerkenswert ist, dass die Konsumausgaben der Oberschichtenhaushalte schon 2007 abzunehmen begannen, diejenigen der Mittelschichtenhaushalte 2008 und die der Arbeiterhaushalte erst 2009. Die Krisenfolgen schienen sich von oben nach unten durch die Gesellschaft fortzupflanzen, vielleicht weil die Oberschichtenhaushalte schon 2007 einen Einnahmenrückgang durch den Kursverfall der Wertpapiere erlitten, während die Einkünfte der übrigen Haushalte unter dem Einfluss des Arbeits- und Sozialrechts langsamer an die Krise angepasst wurden.

Die potenziellen Konsumausgaben stehen als Kaufkraft seit Jahren im Mittelpunkt der politischen Debatte, sei es im Streit um die automatische Indexanpassung, um Lohnmäßigung, um die „Automatismen“ von Sozialtransfers oder um die Punktwerterhöhung im öffentlichen Dienst. Bloß ihr Stellenwert hat sich drastisch verändert: Die Kaufkraft wird zunehmend nicht als Frage der Wirtschafts-, sondern der Sozialpolitik angesehen; in der Wirtschaftspolitik erscheint sie nur noch als Kostenfaktor für die Betriebe und die öffentliche Hand. Das hat sicher damit zu tun, dass die Wirtschaftspolitik zunehmend im Dienst von Großunternehmen steht, die mit niedrigen Gestehungskosten auf den internationalen Märkten wettbewerbsfähig sein müssen, aber nicht auf die Binnennachfrage angewiesen sind, um ihre Produkte und Dienstleistungen abzusetzen. Die Krise seit 2008 zeigte es: Die allseits großspurig angekündigte antizyklische Politik stützte lediglich die Baubranche und den Automobilhandel.

Romain Hilgert
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