Über die Bibel

Den Mann eines Buches fürchte ich

d'Lëtzebuerger Land vom 20.05.2010

„Den Mann eines Buches fürchte ich“ (Hominem unius libri timeo). Thomas von Aquin, dem Theologen und Kirchenvater des Katholizismus, wird dieser erstaunliche Satz zugeschrieben. Schließlich schwören viele Geister, die sich schon früh als Vertreter des einen Gedankens, niedergelegt in einem Buch, verstanden, auf ihn als dogmatische Säule der Kirche und haben keinen Sinn für die Dialektik und Komplexität der Wahrheit. John Wesley, der Anglikaner und Gründer des Methodismus, wünscht sich Mann eines Buches zu sein (Let me be homo unius libri) und meint damit die Bibel…

Die heiligen Schriften der Bibel bilden kein einheitliches Buch und stellen eine Sammlung von Büchern dar (Buch der Bücher), die mehr als eine Aussage enthält. Dass schon bei der Zusammenstellung dieser Bücher zwischen 100 und 400 n. Chr. eine große Anzahl zum Teil aus religionspolitischen Gründen ausgeschlossen wurde, leuchtet ein. Die Einheit der Lehre wurde durch diese Apokryphen gefährdet und sollte doch im einzigen heiligen Buch gewahrt bleiben.

In der katholischen Kirche gab es trotz der großen Vielfalt des biblischen und mittelalterlichen Denkens immer die Bestrebung, eine gedankliche Linie zu verfolgen und auf sie alle Gläubigen einzuschwören. Das erste rein kirchliche Bücherverbot verfügte 400 n.Chr., dass niemand in Ägypten die Schriften des Origenes „lesen oder besitzen“ dürfe. Diese Verbotstaktik begleitete die Erstarkung einer sich institutionalisierenden Kirche. Als Beispiel eines Mannes, der im Sinne mancher Kleriker das „Ja und Nein“ (Sic et non) verfocht, gilt der Dialektiker Abaelard (1079-1142), der interessanterweise auch in Fragen der Sexualität offener war als das Gros der Systematiker, was er bitter büßen musste. Seine Schriften wurden verbrannt.

Andere Kleriker hatten ein offenes Ohr für den via Ibn Ruschd und andere Autoren überlieferten Aristoteles. Ihnen galt zum Teil die Verurteilung, welche Tempier, der Bischof von Paris, 1277 aussprach, indem er 219 Thesen veröffentlichte, die man nicht vertreten durfte, und die uns Heutigen mitteilt, welch unfromme Gedanken damals in universitären Kreisen zirkulierten. Bei diesen Gedanken stand gewiss mehr als ein Buch Pate. Und so was konnte man nicht brauchen. Was sollte man mit Gedanken wie den folgenden anfangen: „Es gibt keine ausgezeichnetere Lebensform, als sich frei der Philosophie zu widmen.“ (40. These); die 152. These meint: „Die Reden des Theologen sind in Fabeln begründet.“

1559 stellten die homines unius libri (in der Folge kurz HUL) der Kirche einen Kanon der verbotenen Bücher auf, den Index Librorum Prohibitorum. Diese Bücher lagen nicht in der Linie des von ihnen vertretenen einen Glaubens. Als Galilei als Vertreter der Wissenschaft von den Vertretern des einen Glaubens gemaßregelt wurde, setzte man seinen Dialog über die zwei wichtigsten Weltsysteme, das Ptolemäische und das Kopernikanische auf den Index. Das war eine Methode der HUL, mit der sie ihre einfache Weltsicht wahren wollten. Diese Jahrhunderte lang angewandte Methode scheiterte aus Gründen der geistigen Entwicklung, denn dieser gleiche Index ist zum Teil wegen der technischen Unmöglichkeit, alle erscheinenden Bücher weltweit zu erfassen, in den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgehoben worden. Schon vorher waren den kirchlichen Autoritäten einige der wichtigsten kritischen Autoren entgangen: Charles Darwin, Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Max Weber. Sie gaben in der Tat dem einen Glauben und damit allen HUL den Todesstoß.

Aus der hoch komplizierten Bibel versuchten die Dogmatiker immer wieder ein „widerspruchsloses“ Buch zu schaffen, womit Menschen des einen Buchs mehr anfangen können als mit einem Sammelsurium. Man kann solchen Menschen auch Prousts Recherche nicht als ein Buch hinstellen. Nicht weil es aus sieben Büchern besteht, sondern weil daraus keine Lehre zu ziehen ist. Es enthält nämlich einzelne Gedanken zur Beobachtung von Menschen in einer bestimmten Gesellschaft und zahlreiche Schilderungen von Welt und Mensch, die aber am Ende nicht zu einer zwingenden Lehre zusammenfließen.

Nun ist der Begriff HUL ziemlich zweideutig, da er den Schreiber, Leser, Gläubigen oder Besitzer eines einzigen Buches meint. In jedem Fall wird dieser HUL angesprochen in folgender Anekdote: „Eine Sentenz geht um in der Bibliotheksgeschichte – eine Sentenz des Kalifen Omar. Selbiger soll, als seine Truppen in der Mitte des siebten Jahrhunderts Alexandria einnahmen und er gefragt wurde, was nun mit der berühmten Bibliothek der Stadt zu geschehen habe, den denkwürdigen Ausspruch getan haben: ‚Wenn die Schriften der Bibliothek dem Koran widersprechen, sind sie schädlich. Wenn die Schriften der Bibliothek dem Koran nicht widersprechen, sind sie überflüssig. In jedem dieser beiden Fälle ist die Bibliothek von Alexandria zu vernichten.‘ Die Anordnung des Kalifen, so wird erzählt, sei umgehend vollstreckt und die Badehäuser von Alexandria seien ein halbes Jahr lang nur mit den Beständen jener Bibliothek beheizt worden, deren glanzvolle Geschichte auf dieses Weise ein recht unrühmliches Ende gefunden habe.“ (Markus Wiefarn)

Es ist interessant, wie man versucht hat, den Ausspruch des hl. Thomas zu deuten und deutend zu entschärfen. So meinte jemand, der Aquinate habe unter HUL einen Menschen gemeint, der ein einziges, gutes Buch so meisterlich beherrscht, dass er als Gegner zu fürchten sei. Erfrischender klingt das, wenn ein anderer meint, dass der Betreffende so wenig gelesen habe, dass er diesem einen Buch ausgeliefert sei; diese Deutung nähert sich dem aktuellen Verständnis des HUL. Und damit wären wir bei einer Deutung, die im zweiten und allen folgenden Büchern die geistige Freiheit erkennt.

Nun kann mit diesem einen Buch auch das genaue Wissen über einen eingeengten Bereich gemeint sein. In der Komplexität der Welt ist es dementsprechend besser, einen kleinen Bereich präzise zu kennen als ein ungenaues Wissen über viele Bereiche an den Tag zu legen. Aber auch diese Wissenspezialisierung stößt heute auf großen Widerstand.

Der „Amazon Kindle, Kindle 2“, ist heute ein einzelnes, elektronisches Buch, mit dem der moderne Mensch gut auskommt und das zurzeit mit circa 1 500 Büchern den HUL unserer Zeit repräsentiert. Hier kann man in Buchformat eine ganze Bibliothek mit ihren gegenteiligen und kritischen Anmerkungen in zahlreichen Büchern herumtragen. So mutiert der HUL wenigstens tendenziell zum HOL (Homo Omnium Librorum).

Mit dem Kindle wird auch der alte HUL technisch überwunden, was aber leider nicht bedeutet, dass dieser Menschentyp der Vergangenheit angehört. Gerade in den Fundamentalismen aller Religionen breitet er sich ungehindert aus, indem er die prachtvolle Vielfalt und Komplexität der Welt auf seine Eindimensionalität reduziert.

Jacques Wirion
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