Überall, wo es Kunst gibt

Kulturfurien

d'Lëtzebuerger Land vom 21.08.2015

Die Kulturfurie ist ein_e Tourist_in, die es vorwiegend auf Kultur abgesehen hat. Sie treibt sich überall herum, wo es so genannte, offizielle Kultur und Kunst gibt, aber auch inoffizielle, noch nicht kanonisierte Kunst ist nicht sicher vor ihr. Was man früher so Avantgarde nannte. Sie tritt global auf, massenhaft fällt sie in Ausstellungshallen, Konzertgebäuden, Domen ein, methodisch kämmt sie Festival- Gelände, inspiziert Mausoleen, Punkmuseen, applaudiert Motette tanzenden Arbeitslosen, aus einem Projekt.

Die Kulturfurie ist keineswegs tumbe Konsumentin, sie ist eine Begeisterte, eine gnadenlos organisierte Begeisterte. Sie managt perfekte Dreitagepläne, es kann gern auch mehr sein. Sie hat alles geguggelt, sie weiß, wie sie sich optimal bewegt zwischen einem und dem nächsten

Highlight, zwischen Rembrandt und der Performance des oder der syrischen Künstler_ in, das Geschlecht ist fakultativ. Bestimmt spielt noch ein Wesen Harfe, an einem möglichst unmöglichen Ort.

Ein Im- oder Expressionist hat sicher gerade Retromaxitotalausstellung, das Kulturwesen stellt sich an, vierzig Grad plus oder minus, eine echte Kulturfurie lässt sich nicht abschrecken. Sie fächelt sich Luft zu mit ihrem Stadtführer, auf dem alles verzeichnet ist, Gebeine, Gemälde, Geheimtipps. Quelle, Wiege, Bahre der Kultur, sie ist in ihrem Element. Sie stürzt sich auf Mumien, Kunst von Geisteskranken, auf Kasselkunst, Quasselkunst, sie rast durch die Venedig- Installation und steht vor einem in einem Palazzo herum liegenden Baumstamm. Aja, Flüchtlingskunst.

In den Kunstgalerien, der Kunstgaleere blüht die Kulturfurie auf. Sie läuft zu einer Hochform auf, die die Begleiterscheinung, die in einem menschlichen Körper gefangen ist, ratlos zurück lässt. So etwas Banales wie Blasen an den Füßen kennt die Kulturfurie nicht, menschlichen Bedürfnissen geht sie nur notgedrungen nach. Es gibt bestimmt noch Jazz irgendwo, oder Lyrik, in einem Abort an der Peripherie. Eine Künstlerin quält sich durch ihre Gehirnwindungen, ein Nackter robbt über Schlachthausfliesen, die Kulturfurie gerät in Ekstase. Mehr! Sie schnuppert in Freuds Muffkabinett herum, Gustav Zimt ist immer gut, das Schwule Museum in Berlin ist ein Must. Berlin ist ja überhaupt so cool. Die nicht kulturinfizierte Begleiterscheinung versteht nicht genau warum. Sie will nicht immer angeschnauzt werden, aber das gehört dazu, zur Coolnesskunstmetropole, das ist ja der Flair.

Mit ihrem gargantuesken Kulturhunger muss die Kunstfurie mindestens vier Kulturmägen haben. Leidet sie nicht an Kopfverstopfung? So sorgt sich das kunstrenitente Wesen, das ein Eis schleckt an einem unspektakulären Ort, durch Gassen streunt, in denen es riecht, es sind aber keine Geruchsinstallationen, vorbei an Goya- und Bacon- Motiven. Die Kunst liegt ja auf der Straße, geht und steht dort herum, aber das steht nicht in den Geheimtipps.

Die Kulturfurie ist, so dünkt, so deucht der unbestechlichen Beobachterin, vorwiegend weiblich, sicher müssen die Geschlechtsgenossinnen millionenjähriges Sammeln, Stammeln, Beten, Gebären wettmachen, das ist wohl nachvollziehbar.

Die Luxemburgische Kulturfurie zum Beispiel tobt wie eine Ausgehungerte durch das internationale Angebot. In wenigen Tagen muss sie sich voll stopfen, voll saugen, man könnte den Eindruck gewinnen, sie käme aus einer Kultursteppe, aus einer Bankenwüste, sie wäre Flüchtling aus einer Welt, in der es außer Geld nichts gäbe. Ihre mehr oder weniger männlichen Begleiterscheinungen, die ja im internationalen Vergleich eher pflegeleicht rüber kommen, diese praktischen Mitbringsel oder Mitnehmsel, schlurfen neben ihren Kunstdominas, schleppen sich selber und Kataloge und künstlerisch hochwertige Beutestücke, natürlich auch die Wasserflasche.

Aber das ist schon ok. Dass das Geschlecht derer, die noch vor nicht allzu langer Zeit sich vorwiegend für Kochkunst zu interessieren hatten, in raffinierteren Kulturen vielleicht noch für die Kunst der Liebe zuständig waren, jetzt die Hochaltäre der Kunst stürmt. Zizek wird rückwärts gebetet, Chöre von Börsianern stimmen Walgesänge an, Bauchtänzer stehen Kopf.

Die Kulturfurie strahlt, sie ist glücklich, sie hat ihre Dosis bekommen, sie wird es schaffen, eine Weile.

Michèle Thoma
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