Fotografie

Innenansichten

d'Lëtzebuerger Land vom 20.10.2017

Vernissage bei Arendt & Medernach auf dem Kirchberg: Vor den Fotografien repräsentativer Innenräume wie dem Kölner Opernhaus oder der Ermitage in St. Petersburg stehen Gäste in schicker Garderobe, diskutieren den Marktwert der Werke und zeigen sich beeindruckt von deren monumentaler Größe. Die Künstlerin Candida Höfer, 73, steht abseits, zu erkennen an der Entourage aus Galeristen, die wie schützend um sie steht. Veranstaltungen wie diese sind nicht die Sache der scheuen Künstlerin.

Statt einer Ansprache der Künstlerin erwartet die zahlreichen Besucher eine Einführung durch den Kurator Paul di Felice sowie durch Philippe Dupont von Arendt & Medernach, dem die Begeisterung darüber, die renommierte Fotografin in die Räume der Kanzlei geholt zu haben, deutlich anzumerken ist. Höfer, Schülerin Bernd und Hilla Bechers, gilt zusammen mit den Fotografen Thomas Struth, Thomas Ruff und Andreas Gursky als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der von den Bechers begründeten Düsseldorfer Fotoschule.

Die klaren, sachlichen Bilder sind der Tradition dieser Schule klar verpflichtet. Keine verspielten Perspektiven, subjektiven Blickwinkel oder schattigen Kontraste: Candida Höfers Blick in die menschenleeren Räume wie etwa in das Teatro Cervantes in Buenos Aires, dessen mehrstöckige Galerie gewissermaßen „auf Augenhöhe“ abgebildet ist, ist geprägt von der Suche nach Symmetrie und Objektivität. Ein klarer Aufbau in Form strenger Zentralperspektive mit randparalleler Linienführung eint die Bilder ebenso wie die ausgesprochene Schärfe, die es in Kombination mit der großformatigen Reproduktion ermöglicht, sogar einzelne Falten in den Sitzbezügen des Opernhauses zu erkennen.

Eine Abweichung von der Tradition der Bechers, deren ikonische Schwarzweißaufnahmen von Wassertürmen und Gasometern zu den bekanntesten Fotografien der Nachkriegszeit zählen, ist neben der Darstellung von Innen- statt Außenansichten die Farbigkeit: „Ich war einer der ersten Studenten, die damals Farbe benutzten“, erläutert die Fotografin im kurzen Gespräch. Sie erklärt, dies habe mit den farbigen Diafilmen zu tun gehabt, die sie benutzte, um ihre Ergebnisse unmittelbarer zu sehen. Zudem, so Höfer, habe sie in der Anfangszeit mit Projektionen statt Drucken gearbeitet und dabei festgestellt: „Farbe macht mehr sichtbar.“

All die großen repräsentativen Räume, wie das Neue Museum in Berlin oder die Bibliothek der Uffizien in Florenz, wurden gebaut, um Menschen in großer Zahl aufzunehmen; dennoch sind auf keinem der Bilder Personen zu sehen. „Ich fotografiere entweder vor oder nach den Öffnungszeiten, denn ich habe etwas dagegen, Leute zu stören“, so Höfer. Aber: „Die Menschen sind trotzdem sichtbar.“ – Die Gestaltung und Ausstattung des Raums machen es leicht, sich vorzustellen, wie und zu welchen Zwecken Menschen in diesen Räumen agieren.

Ein ungewöhnliches Motiv in der Serie ansonsten herrschaftlicher Räume ist die Spiralauffahrt des Parkhauses der Hamburger Elbphilharmonie, die ausschließlich aus Beton besteht. Die imperfekten, weil gegossenen Linien und die Textur des Betons lassen die Fotografie wie ein Gemälde erscheinen. In den Graustufen des Materials muss man lange suchen, ehe rote Kabelmäntel verraten, dass man es auch hier mit einer Farbfotografie zu tun hat. Die Fotografin erklärt: „In letzter Zeit interessieren mich abstraktere Motive, doch parallel fotografiere ich weiterhin opulente Räume.“

Ebenso unsymmetrisch hängt nebenan das schneckenförmig von oben fotografierte Treppenhaus des Neuen Stahlhofs in Düsseldorf. Obschon ein beliebtes Motiv, wirkt Candida Höfers Treppenhaus – nicht zuletzt aufgrund der Größe – monumental und einzigartig. Tatsächlich fotografierte sie die Treppe bereits mehrfach, was ihre langwierige und geradezu kontemplative Arbeitsweise verdeutlicht. „Ich wähle die Räume nach eigener Recherche aus und schicke dann vorab Leute hin, die Informationen einholen.“ Trotz Vorabrecherche müsse man sich vor Ort auch „auf Überraschungen einlassen“. Dabei lässt sie sich Zeit: „Im Kölner Opernhaus etwa habe ich vier Stunden fotografiert, dabei jedoch nicht zu viele Varianten ausprobiert; normalerweise genügen drei verschiedene Ansichten.“

Höfers Fotografien sind der zeitliche Aufwand und die ruhige, besonnene Herangehensweise anzumerken: Dem Betrachter präsentieren sie sich in ihrer Leere überaus charaktervoll und von imposanter Detailfülle. Höfer, deren Bilder zumeist in den „White Cubes“ der Museen hängen, zeigt sich fasziniert von dem ungewöhnlichen Ausstellungsort der Kanzlei Arendt & Medernach: „Mich interessiert die Interaktion der Bilder mit dem Ausstellungsraum, schließlich müssen die Bilder hier auch unter der Woche, wenn es geschäftig zugeht, bestehen.“ Höfers beeindruckendes Werk braucht dieser Gegenüberstellung keinesfalls zu scheuen.

Candida Höfer. Bis 28. Januar 2018 bei Arendt & Medernach. Samstags, sonntags und feiertags von 9-18 Uhr. Weitere Informationen: www.arendt.com

Boris Loder
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