Die extremen Wetterbedingungen machen der Landwirtschaft zu schaffen

Bald Hirse statt Kartoffeln?

d'Lëtzebuerger Land du 03.08.2018

Montagmorgen 10 Uhr in Merl. Die Sonne brennt bereits auf das ausgetrocknete Gras. Zum Schutz der Journalisten haben die Mitarbeiter der Administra­tion des services techniques de l’agriculture (Asta) ein Zelt aufgebaut. Davor steht Landwirtschaftsminister Fernand Etgen (DP), der für die Kameras eine der 32 Wetterstationen der Asta streichelt. Das trockene Wetter der vergangenen Wochen werde sicher Folgen auf den Ertrag der Landwirte haben, sagt er. Bilanz werde abschließend allerdings erst am 4. September gezogen, wenn die Ernte vollständig eingefahren ist.

Eine Trockenperiode, wie wir sie momentan erleben, erklärt der Leiter der Abteilung Agrarmeteorologie, Andrew Ferrone, sei durch den Klimawandel zweimal wahrscheinlicher als bei stabilem Klima. Aber eigentlich sei der Sommer dieses Jahr zweigeteilt. Erst gab es die starken Gewitter und Niederschläge im Juni mit einem neuen Niederschlagsrekord von 101,3 Liter pro Quadratmeter in Waldbillig. Dadurch, sagt Etgen, seien der Landwirtschaft bereits Schäden über eine halbe Million Euro entstanden, auf den Kulturen, aber auch an Gebäuden und an Wegen.

Seither hat es nur noch ganz wenig und lokal begrenzt geregnet. Die Böden sind ausgetrocknet. Wie hoch der Schaden wird, ist nicht abzusehen, weil die Ertragsausfälle von Region zu Region, teils von Parzelle zu Parzelle sehr unterschiedlich sind. Verglichen mit den Nachbarländern – in Belgien hat die Regierung bereits Hilfsmaßnahmen beschlossen, um den Bauern durch die Liquiditätsschwierigkeiten zu helfen, in Deutschland fordern die Landwirte, den Notstand auszurufen, weil sieben bis acht Millionen Tonnen bei der Getreideernte fehlen, was einem Schaden von 1,4 Milliarden Euro entspricht – kommt Luxemburg noch mit einem blauen Auge davon. Insgesamt, meint Josiane Willems von der Bauernzentrale, liege der Ertrag beim Getreide, das bisher eingefahren wurde, „ein bisschen unter dem Durchschnitt. Aber es geht noch“. Das bestätigt Klaus Palzkill, Vorstandmitglied bei De Verband Group. „Durchschnittlich“, sagt er, sei der Mengenertrag der bisherigen Getreideernte; nur „de Raps huet e bësse gelappt“. „Da wo es einen kleinen Regen gab, war die Ernte gar nicht schlecht.“ Mit der Qualität ist Palzkill ebenfalls zufrieden. „Wir mussten fast nichts trocknen.“

Wo es „kritisch“ werde, sind sich Palzkill und Willems einig, sei beim Mais und auf den Weiden. Anders als vergangenes Jahr, wo es im Frühjahr sehr trocken war und es deswegen kaum Heu oder Silage gab, waren die ersten beiden Schnitte dieses Jahr gut. Aber nun sind die Weiden ausgetrocknet, das Gras stellenweise von der Sonne verbrannt. Das Milch- und Rindvieh findet daher nichts mehr zu fressen. Zum Teil, erklärt Marc Fisch, Landwirt in Calmus und Mitglied der Bauernzentrale, müssten die Tieren schon beigefüttert werden, „wie wenn sie im Winter im Stall stehen“. Dieses Futter riskiert, im Winter zu fehlen, weswegen, die Bauern versuchten, Futter hinzuzukaufen, so Fisch. Was das an Kosten verursacht, ist schwer nachzuvollziehen; Heu und Silage handeln die Bauern unter sich. Bereits jetzt würden viele ihre Reserven horten, erzählt Marc Fisch, da müsse man schon weit hinter die Grenze fahren, um etwas zu finden.

Wegen der anhaltenden Trockenheit – daran ändert auch der kleine Erfrischungsregen am Mittwoch nichts – würden sich beim Mais die Kolben nicht bilden. „Dann fehlen nachher die Nährstoffe“, erklärt Josiane Willems, was den Milch- und Fleischproduzenten zusätzlich zu schaffen macht.

Ob sich die Dürre schon bei den Lebensmittelpreisen bemerkbar macht? Bisher hat man bei Cactus noch nicht viel davon bemerkt, sagt Karin Pütz von der Marketing-Abteilung. Das obwohl das Nachrichtenmagazin Der Spiegel bereits am Wochenende warnte, die Pommes könnten rar und teuer werden, weil die Kartoffelernte so schlecht ausfällt.

Auch in Luxemburg machen sich die Kartoffelbauern Sorgen. Frank Aben vom Redingshaff in Wahl liefert den Großteil seiner Ernte an Cactus. „Es steht noch sehr viel in den Sternen. Aber die Hoffnung schwindet rapide“, sagt er. Mit bis zu einem Drittel an Ernteausfällen rechnet er. Obwohl die frühen Sorten noch Regen abbekommen haben. „Geschmacklich sind sie ganz oben auf der Skala.“ Aber die mittleren und die späten Sorten „loossen d’Läpper hänken“. Die Pflanzen verdorren ohne Krankheit einfach auf den Feldern, so dass er mit dem halben Ertrag rechnet, was die „marktfähige“ Ware angeht. Die Kartoffeln, erläutert er, müssen eine gewisse Größe haben. „Sonst fallen sie durchs Sieb.“ Würde es nun plötzlich viel regnen, wäre das auch nicht gut für die Kartoffeln, die dann einen Schock bekämen und ein zweites Mal ausschießen könnten. Dann werden sie glasig und sind ebenfalls nicht mehr „marktfähig“.

Ob er seine Kartoffelacker nicht bewässern könnte, um solche trockenheitsbedingte Ausfälle zu vermeiden? Aben winkt ab. „Wir können nicht bewässern. Das ist technisch nicht möglich. Es fehlen die Infrastrukturen und es fehlt das Grundwasser. Und der Öslinger Boden nimmt ohnehin nicht so viel Wasser auf.“ Außerdem, fügt er hinzu, seien riesige Mengen notwendig, um auf einem Hektar einen schönen Regen nachzustellen.

Der Kartoffelbauer Frank Aben war selbst Mitarbeiter der Asta, bevor er den Familienbetrieb übernahm. Marc Weyland, sein ehemaliger Kollege und Asta-Direktor, pflichtet ihm bei. In Luxemburg eigne sich die Topgraphie nicht zur Bewässerung in der Landwirtschaft, sagt Weyland, und: „Wir haben das Wasser nicht.“ Eine Feststellung, die das im Rahmen der Rifkin-Studie festgehaltene Ziel, die nationale Obst- und Gemüseproduktion auszubauen, in Frage stellt. Derzeit, so Fernand Etgen, deckt die nationale Produktion an Obst und Gemüse zwischen einem und fünf Prozent des Bedarfs. Dabei hat sich in den vergangenen Jahren schon viel getan. Vor 18 Jahren bewirtschafteten 16 Betriebe sieben Hektar. Heute sind 71 Betriebe im Gemüseanbau tätig und sie bewirtschaften 135 Hektar. Beim Obstanbau hat sich die Zahl der Betriebe im gleichen Zeitraum zwar von 26 auf 23 verringert. Allerdings haben sie ihre Obstanlagen von 31 auf 86 Hektar ausgebaut. Das Selbstversorgungspotenzial schätzt die Asta deswegen in der vor zwei Wochen vorgelegten Sektorielle(n) Analyse des Gemüse- und Obstanbaus beispielsweise auf 14 Prozent für Möhren und Rote Beete, zwölf Prozent für Tafeläpfel, elf Prozent für Birnen, immerhin noch acht Prozent für Kopfsalat und vier Prozent für Zwiebeln, Lauch, Schalotten und Knoblauch. Für Kohlgemüse, Erdbeeren, Gurken und Tomaten – Letztere bestehen hauptsächlich aus Wasser – schätzen die Experten das Potenzial jeweils auf höchstens ein Prozent.

Eine der Haupthürden, die dabei identifiziert wurden, ist der Zugang zu Wasser, weil entweder „gar kein Wasser vorhanden“ oder ein „hoher Wasserpreis“ den Anbau von Obst und Gemüse unrentabel machen würde. Die Wasserkosten, heißt es in der Analyse, könnten bis zu zehn Prozent der Gestehungskosten betragen. Das Wasserwirtschaftsamt soll nun eine Karte erstellen, die „für den Gartenbau geeignete und verfügbare Wasserreservoire anzeigt“. Was darauf wohl zu sehen sein wird? Angesichts der Dürre warnte die Umweltverwaltung diese Woche, via Presseschreiben, in allen nationalen Wasserläufen seien die Pegel bedrohlich niedrig und das Entnehmen von Wasser sei ohnehin immer genehmigungspflichtig, Hitze hin oder her.

Jean-Claude Muller aus Contern schläft derzeit nur sehr wenig und am Dienstagnachmittag kontaktiert, bittet er höflich, das Gespräch auf den folgenden Tag zu verlegen. Er ist unterwegs zu einem Acker: „Es brennt! Die Feuerwehr ist unterwegs.“ Es ist ein Getreidefeld eines Kollegen, das abbrennt, nicht seines. Muller ist einer der Bauern, die Wasser aus dem Gemeindenetz nutzen können, um ihre Flächen zu bewässern und er produziert seit einem Jahr für die Cactus-Supermärkte Kopfsalat. Cactus hat ihn dazu ermutigt, nachdem ein anderer Produzent – ohne Wasserzugang – aus Frustration über die trockenheitsbedingten Ausfälle das Handtuch warf. Wenn er erklärt, wie er seine Bewässerungsanlage aus ausgedienten Feuerwehrpumpen und -schläuchen gebaut hat, läuft vor dem inneren Auge eine McGyver-Szene ab. Weil nur nachts bewässert werden soll, arbeitet er bis um elf, um das Wasser hier aus- und da aufzudrehen. Um 3.30 Uhr ist er wieder auf den Beinen, um nochmal zu besprengen, bevor um fünf Uhr mit dem Schneiden der Salate begonnen wird, die um zehn in den Supermarktregalen sind. Werden sie nicht kurz vor dem Schneiden gegossen, bleiben sie nicht frisch. Daher hofft Muller bald auf etwas Regen, schon allein um einmal durchschlafen zu können. Dabei haben ihm der starke Regen und der Hagel im Frühjahr ebenfalls einen Teil der Ernte vermiest, weil die Salate voll Schlamm waren, beziehungsweise zertrümmert.

Das Wasser, das Muller derzeit nutzt, hat natürlich seinen Preis. „Aber unsere Chance ist, dass der Preis für einen Kopfsalat nicht in Contern festgelegt wird, sondern auf Europaebene und es auch in Belgien, Deutschland und den Niederlanden trocken ist.“ Die andere Chance, hebt Muller ausdrücklich hervor, ist, dass „Cactus ein fairer Partner ist“. Zwischen dem Lebensmittelhändler und dem Bauern, der 99 Prozent seiner Produktion dort abgibt, sei vertraglich ein fester Preis für das Ganze Jahr ausgemacht. Doch angesichts der derzeitigen Situation habe die Supermarktkette von sich aus angeboten, einen Aufpreis zu zahlen, „weil es sonst nicht geht“.

„Das hier ist nur ein Vorgeschmack, auf das, was kommt“, so Andrew Ferrone vom Asta-Wetterdienst am Montag. Auch Kartoffelbauer Frank Aben stellt fest, wie sich das Klima verändert. „Wenn es trocken ist, ist es länger trocken“, sagt er, „und wenn es regnet, dann regnet es viel und lange.“ Für die Landwirtschaft gibt es zwei Möglichkeiten, zu reagieren. Da sind einerseits die Versicherungen, die im Rahmen des aktuellen Entwicklungsplans für den ländlichen Raum mit 65 Prozent bezuschusst werden. Seit vergangenem Jahr gibt es – deswegen kommt dem Asta-Netz an Wetterstationen neue Bedeutung zu – erstmals eine index-basierte Versicherung für Grünland. Statt dass dabei der tatsächliche Schaden festgestellt wird, springt die Versicherung automatisch ein, wenn die gemessene Niederschlagsmenge unter einem Richtwert bleibt. Diese Art Versicherungsvertrag ist noch neu. Gemessen an der Zahl aller Versicherungsverträge macht sie dieses Jahr nur 4,5 Prozent aus, gemessen an der Versicherungssumme sind es 6,5 Prozent, wie Roger Barthelmy vom Service d’économie rurale (SER) sagt. Das ist immerhin das Dreifache im Vergleich zu 2017 und „ein guter Wert“, wie er findet. Frank Aben hat mit dem Versicherungsvertreter lange analysiert, ob sich eine Versicherung gegen Trockenheit lohnt und ist zum Schluss gekommen: Bei den Kartoffeln macht es keinen Sinn. Eine Versicherung gegen Hagel sei bedeutend rentabler. Mit dieser Feststellung steht Aben offensichtlich nicht alleine da: 35,3 Prozent aller landwirtschaftlichen Versicherungsverträge schützen gegen Hagelschäden, die besonders an Reben, aber auch beim Raps schnell verheerend werden.

Andererseits suchen Bauern, Asta und Ackerbauschule nach neuen Arten und Sorten, die den Wetterextremen besser standhalten. „Hirse, Soja und andere Arten aus Afrika“, zieht Marc Weyland dabei in Betracht. Bei Soja habe es bereits erfolgreiche Versuche gegeben. „Er ist reif geworden“, sagt der Asta-Direktor. Soja käme als Eiweißlieferant in der Futtermittelproduktion in Betracht, erklärt er. Aber dafür müsste erst eine ganz neue Produktionskette aufgebaut werden. Denn Soja muss erst „getoastet“ werden, bevor er weiterverarbeitet und verfüttert werden kann. Schon jetzt gebe es konkrete Bemühungen eine mobile Soja-Toast-Anlage nach Luxemburg zu schaffen. Soja aus Luxemburg? Die Suche nach neuen Arten und Varianten bezeichnet Weyland als „normalen Prozess“, auch wenn ihm durch den Klimawandel neue Bedeutung zukomme. „Vor 50 Jahren hat hier auch noch niemand von Mais gesprochen“, gibt er zu bedenken.

Dabei hat der Anbau neuer Kulturen und Varianten auch seine Grenzen. Kartoffelproduzent Frank Aben hat seine Produktion ohnehin optimiert und bestmöglich an die Beschaffenheit von Boden und Klima angepasst, sagt er. Den Spielraum für weitere Anpassungen hält er für begrenzt, da die Kunden eine bestimmte Vorstellung davon hätten, wie eine Éisleker Gromper zu schmecken habe. Und dieser Vorstellung müsse er mit seiner Ware nachkommen.

Michèle Sinner
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