Lena Meyer-Landrut

Grand Prix Eurofiction

d'Lëtzebuerger Land du 03.06.2010

Heute loben wir das neue deutsche Betäubungsmittel. Lena Meyer-Landrut hat die Ausstrahlung einer lebenden Orangensaftreklame. Sie saftet unbekümmert drauflos, ist in sich selber maßlos verliebt und hat außer einem überdimensionierten Ego nichts zu melden. Zudem praktiziert sie eine Disziplin, die nur sehr Verwegene als Singen bezeichnen würden. Es ist eher ein sinn- und inhaltsfreies Trällern, Wackeln und Hüpfen, eine nervtötende akustische Begebenheit, mehr nicht. Mit Musik hat diese Veranstaltung nicht im entferntesten zu tun. Die junge Dame kommt uns vor wie ein künstliches Wesen aus der virtuellen Welt, das plötzlich im krisengeschüttelten Deutschland anno 2010 gelandet ist.

Und genau hier beginnt die wunderbare Messias-Story. Lena Meyer-Landrut ist die Retterin des gebeutelten, von Finanzhaien und korrupten Wirtschaftskapitänen gepeinigten Volkes. „Deutsche Pilger in Oslo jubeln ihrer Erlöserin zu“, kommentierte spiegel-online. Dem Volk ist eine Trällerjungfrau erschienen, es fällt sofort in religiöse Trance. Warum sollten wir uns diesem „kollektiven Glücksgefühl“ (ARD-Nachrichten) verschließen? Endlich Schluss mit der verallgemeinerten miesen Laune und der gefährlich depressiven Stimmung im Lande. Die Deutschen könnten uns ja anstecken, das ist ihre europäische Spezialität. Nun aber leuchtet die neue Lichtgestalt.

Natürlich hat die Politik gegen Lena Meyer-Landruts Erscheinungsbild keine Chance. Haben Sie in den letzten Wochen die deutsche Kanzlerin etwas näher beobachtet? Frau Merkel ist nur mehr ein Monument der Verdrießlichkeit und Ratlosigkeit. Auf der Regierungsbank im Bundestag schneidet sie ständig eine Grimasse, als sei sie soeben zu Gast auf ihrem eigenen Begräbnis. Dieses völlig verhärmte Gesicht müssen wir uns nun nicht mehr bieten lassen. Wir dürfen uns viel mehr ergötzen an der frechen Fratze einer 19-Jährigen, in deren Vokabular die Krise nicht länger vorkommt. Hat Herr Schäuble tatsächlich verkündet, Hartz IV könne demnächst sehr wohl amputiert werden? Gegen solche Ungeheuerlichkeiten hat die Queen of Oslo ein unfehlbares Rezept: Tralali, tralala, ich, ich, ich, liebt mich wie ich mich selbst, tschabada, tschubidu, ich, ich, ich! Das ist die neue deutsche Populärphilosophie. Wir plappern die Krise zu Tode. Jeder ist sein eigener Held. 12 points für die krisenfeste Unbedarftheit. „Sie ist ein wunderbarer Ausdruck des jungen Deutschlands“, schwärmte die Kanzlerin über Lena Meyer-Landrut. Wunderbar? Das wollen wir gerne glauben und fügen hinzu: eine schönere Ablenkung von der aufziehenden Katastrophe kann sich die Bundesregierung gar nicht wünschen. Dieses Girl ist ein Geschenk des Himmels.

Hinter dem wunderbaren Ausdruck des jungen Deutschlands steht deutlich sichtbar der Ziehvater, ein Herr namens Stefan Raab. Dieser Mann, ein sogenannter TV-Entertainer, hat das deutsche Volk schon öfter in hellste Entzückung katapultiert. Er setzte sich zum Beispiel in eine Wok-Pfanne und flitzte mit diesem revolutionären Gefährt vereiste Schneepisten hinunter. Sofort war eine neue deutsche Sportdisziplin geboren: das Arsch-in-der-Pfanne-Wettrennen. Der für Volksbetäubung höchst begabte Herr Raab schwenkte in Oslo ständig wie von Sinnen die Deutschlandfahne. Den Reportern gab er zu Protokoll: „Wir haben eine nationale Aufgabe.“ Das klingt nun wieder nicht so gut. Immer, wenn die Deutschen nationale Aufgaben entdecken, wird es brenzlig. Trotzdem sollten wir jetzt die Contenance nicht verlieren. Was haben wir zu befürchten? Wenn demnächst wieder ein Herr Steinbrück oder ein Herr Müntefering ihre Kavallerie gegen Luxemburg losschicken, prescht zum Glück nur eine jugendfrische Trällerbrigade und ein fröhliches Wok-Kommando über die Mosel. So haben wir uns die deutsche Besatzung immer vorgestellt. Mit diesen Hallodris können wir leben.

Wie der gnadenlose Zufall wollte, waren am glorreichen Oslo-Abend auch die Amerikaner mit einer undankbaren „nationalen Aufgabe“ konfrontiert. Es ging darum, das klaffende Bohrleck im Golf von Mexico endlich zu schließen. Kein song contest weit und breit, allenthalben nur bare Katastrophenstimmung. Dürfen wir an dieser Stelle kritisch anmerken, dass Präsident Obama vermutlich der falschen Vorstellung einer „nationalen Aufgabe“ nachhängt? Warum inspiriert er sich nicht an unseren deutschen Freunden? Warum zum Teufel nutzt er nicht die neue Lena-Energie?

Es wäre doch ein Leichtes, Lena Meyer-Landrut sofort in die Ölpestkulisse zu verfrachten, sie zwischen Scheinwerfern und Windmaschinen (leider beginnt die Orkansaison erst in ein paar Tagen) aufzubauen und ihr aufzutragen, das wüste Bohrleck einfach zuzuträllern. Wetten, dass es sich das fatale Loch schon nach den ersten Tönen freiwillig schließen wird? Präsident Obama könnte unterdessen wie wild das Sternenbanner schwenken. Wir bleiben dabei: Lena Meyer-Landrut ist die ideale Waffe gegen British Petroleum. Heute gehört sie Deutschland. Und morgen der ganzen Welt.

Guy Rewenig
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