Theater in der Großregion

Allem Zauber wohnt ein Anfang inne

d'Lëtzebuerger Land du 28.08.2015

Der öffentliche Personennahverkehr in Trier hat noch Luft nach oben. Vor allem an Himmelfahrtstagen, morgens, kaum dass das erste Geschäft seine Pforten geöffnet hat. Statt Auskünfte über die Fahrpläne, Routen und Richtungen gibt es Ratschläge von den Kapitänen der Stadtstraßen, die in Worte fassen, wie die Moselstädter es mit ihrem Musentempel halten: „Zum Theater? Ja, isch fahr da lang, aba dat könnense auch laufen. Is vielleischt auch besser so.“ Samstagmorgen. Trier Hauptbahnhof. Karl M. Sibelius, seit Anfang August der neue Intendant des Theaters in Trier, mag sich auf solche Wegbeschreibungen und Richtungsvorgaben gar nicht erst verlassen. Er habe einen Tretroller, sagt er. Mit diesem fahre von seinem Wohnort Konz – hier muss jetzt eigentlich eine kätzerische Bemerkung über den Kulturort Konz stehen – zum Schauspielhaus und zurück. 28 – in Worten: achtundzwanzig – Kilometer. 14 hin. 14 zurück. Wenn der Weg das Ziel ist, dann hat Sibelius seine Mission bereits erfüllt. Bei allem anderen sind die Erwartungen hoch. Bei Sibelius an das Theater, beim Theater an den neuen Intendanten und bei den Triererinnen und Trierern an beide. Nun sitzt er in den verblassten, mintgrünen Polstern der Konditorei Café Raab und freut sich, dass die Serviererin bereits seine Rituale kennt. Die perfekte Minutenzahl für das Ei, die Anzahl der Brötchen, die Scheiben der Wurst, um die es geht, wenn man Intendant ist und Verantwortung trägt für ein Haus am Rande der Republik, inmitten einer Großregion. Ein wenig Heimat sucht man sich überall. Frühstückszeit. Und ein wenig Abwechslung auch: „Wollen Sie einen Cappuccino? Heute mal keinen Kaffee?“, fragt die Café-Raab-Bedienung. „Ja, heute ist alles ein wenig anders“, antwortet Sibelius. Aber Käse und Wurst bleiben. Zum Gespräch über Theater in der Provinz, Unterschiede zwischen hüben und drüben der Mosel und Kultur an sich.

Karl M. Sibelius. Der Österreicher kokettiert gerne mit seinem Weg an die Mosel. „Man geht nicht ungestraft nach Trier. Man geht nach Trier und macht sich lächerlich“, zitiert er sofort den Minetti seines Landsmanns Thomas Bernhard. Damit ist der Kritik vorgebaut. Wie es kam, wie es hätte kommen können und wie es dann letztendlich doch geschah, dass er nach Trier ging. Ungestraft. Aus freien Stücken. Aus Eggenfelden. Im sanften Tal der Rott, wo er drei Jahre Theater machte. Sehr auf seine Person zugeschnitten, denn Sibelius ist eine Rampensau, die das Scheinwerferlicht sucht, selbst in den mintgrünen Polstern des Café Raab, auf denen er hin und her rutscht als gäbe es keine Abendvorstellung. Aber wäre er es nicht, dann wäre er auch nicht beim Theater. Und hätte auch nicht diese Leidenschaft, die ihn wie eine Aura umgibt und die ihn trägt zu einer visionären Schaffenskraft, an der er jeden, aber auch jeden teilhaben lässt. Das Theater Trier scheint einen Glücksgriff getan zu haben, ob die Trierer auch, das wird sich zeigen.

Nun ist er da und hat zunächst einmal mächtig Staub aufgewirbelt. So viel positive Aufmerksamkeit hatte das Theater Trier schon lange nicht mehr. „Wir sind zurzeit das erfolgreichste Theater in Deutschland. In den sozialen Medien.“ Auch eine Bühne. Sibelius suchte sich noch eine weitere. Er ließ die Verantwortlichen in der Stadt wissen, dass er nun den Taktstock in der Hand habe und den Rhythmus vorgebe – vor allen Dingen in Personalfragen. Er räumte kräftig auf, wischte feucht durch und brachte mit seiner ungeheuren Verve neue Energie an den Augustinerfreihof. Da wackelte die Schnarchbude. Er scheute auch den Konflikt und die Auseinandersetzung nicht. Die moselländischen Strukturen, die Engagements auf Lebenszeit schufen, brach er auf. Lockte junge, bekannte Namen in die Stadt, die mit der Bahn kaum zu erreichen ist. Es folgen wohl alle. Susanne Linke etwa, eine der wohl bekanntesten Choreographinnen Deutschlands, wird die Leitung der Tanzsparte übernehmen. Da muss man doch einen Moment innehalten und Respekt zollen. Vor Linke. Vor Sibelius. Wobei die Anerkennung auch den Stadtoberen gebührt, die ihn gewähren ließen und lassen. Sibelius dankt es mit allerhand guter Presse, hier und dort und da. Der Vorschusslorbeeren sind genug geerntet, jetzt geht es an die Aussaat der Hochkultur. „Wir müssen neu denken.“ Kein leichtes in der Moselstadt.

„Neu denken“, das ist eindeutig die Großregion, wie immer in Trier, wenn man nicht weiter weiß. Der Theatermann sieht seinen Musentempel als einzigen Hort auf weiter, freier Flur, eingekeilt zwischen den Kultureinöden und Wüstungen Eifel, Hunsrück, Saargau und – ja eben auch – Luxemburg. Das ist die eigentliche Großregion. Oder: Das, und nur das ist die Großregion. Auch wenn Karl Sibelius mit dieser noch fremdelt. „Aber Luxemburg macht ganz anderes Theater“, sagt er, „von der Form, nicht von der Qualität her. Die machen Bespieltheater, die haben kein Ensemble.“

Ja, man wolle mit dem Luxemburger Grand ­Théâtre Schauspieler austauschen, ein gemeinsames Abonnement entwickeln, aber es gibt eben auch eindeutige Unterschiede zwischen den beiden Kulturstandorten. Über Naheliegendes mag er wenig nachdenken, das scheint ein wenig zu profan, dann doch lieber die Uraufführung der Oper Ur_ der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdóttir, die in Zusammenarbeit mit dem Far North Network und dem Oslo Contemporary Music Festival am 12. September ihre Premiere feiert. In Trier. Danach dann in Oslo. Nicht doch auch ein wenig Luxemburg? „Wir machen ganz viel mit Tom Leick-Burns zusammen“, ergänzt Sibelius und verweist auf die Duplizität der Ereignisse. In Luxemburg werde eben Theater gemacht, als das, was man in Trier machen wolle. „Opern mit Weltstars zum Beispiel.“ Doch an der Mosel könne man eben im Gegensatz dazu ganz spezielle Dinge abdecken. „Und wir arbeiten an Kooperationen.“ Die ersten soll es im Tanz geben, das Schauspiel wird folgen. „Das sind aber Prozesse, die dauern“, sagt Sibelius, „aber wir sind in ganz intensiven Gesprächen.“ Oslo und Reykjavik liegen dann näher als Luxemburg. Oder haben kürzere Wege.

Weg. Sollte auch das Theater Trier. Es sollte geschlossen werden. Der Bau abgewirtschaftet, das Projekt zu teuer. Im Sommer 2013 kam es dann auf die Rote Liste Kultur des Deutschen Kulturrats, dem Spitzenverband der deutschen Kulturverbände. Im Frühling letzten Jahres dann die Entscheidung der Stadt, das Theater fortzuführen – mitsamt seiner drei Sparten Schauspiel, Musiktheater und Tanz. Er habe nun den Auftrag, das Theater in die Zukunft zu führen, sagt der Intendant. Von Last auf seinen Schultern ist dabei nichts zu spüren, wohl aber von Erwartungen, die sich selbst in der zurückhaltenden Distanz der Café Raab-Bedienung zeigt, die beinahe ehrfürchtig den Kaffee auf dem Tisch abstellt, ihre Fehler im Kuddelmuddel der Bestellungen entschuldigt, aber doch denken mag: „Ich bin länger hier als du, Sibelius, und ich werde noch hier sein, wenn wir uns an deine Inszenierungen erinnern werden. Wie auch immer. Und Trier ist noch länger da, als wir beide es zusammen sind und es zusammen je sein werden.“ Mehr braucht es nicht, um Trier und die Trierer zu verstehen. Bedienung. Sibelius gibt sich tapfer: „Ich glaube, dass die Leute hier irrsinnig aufgeschlossen sind.“ Busfahrer. „Die Trierer sind viel weiter als sie eigentlich glauben.“ Bühne.

Die Vergangenheit berührt den Österreicher nicht. Er mag die Zukunft mehr und hat konkrete Vorstellungen davon, wie es weitergeht, weitergehen muss mit einem Haus dieser Größe. Sibelius mag die strikte Trennung der Sparten nicht, Unterteilungen in U- und E-Musik auch nicht. Er möchte sie zusammenbringen, zusammenwachsen lassen, womit er Recht hat, denn ein kleines Theater kann sich den Aufwand dreier Sparten nicht wirklich leisten. „Aber wir haben dreißig Premieren“, sagt Sibelius. Beiläufig. „Wir haben diesen Eröffnungswahnsinn.“ Zehn Premieren an neun Tagen. „Das wird alles toll und alles großartig. Es ist die Art der Überforderung, die uns reizt.“ Kunst muss auch scheitern dürfen, schiebt er nach. Ein klein wenig Angst vor der Größe des Projekts ist dann doch zu spüren. „Ich erledige gerne den Abwasch“, befreit die Serviererin aus der Situation. Und macht sich auf den Weg in die Küche.

Weg. Sollte auch der Theaterbau. Lange stritt man sich, ob man das Gebäude am Augustinerhof sanieren oder durch einen Neubau ersetzen sollte. Das Haus ist marode, kaum dass es fünfzig Jahre alt ist. Risse im Fundament. Ein Riss durch das ganze Gebäude. Es folgte dann das, was man eine Provinzposse nennt. Businessplanrechnerei, die unter der Weisung des möglichst billigen steht. Nun wird überprüft, ob der Bau, der schon in den Sechzigerjahren mit allerlei Kompromissen errichtet wurde, noch saniert werden kann, oder ob nicht doch ein Neubau geboten ist. Zahlenspiele.

„Wir wollen weg von der Finanzdebatte. Wir wollen, dass man in Trier wieder über das Theater und Kultur redet“, schließt der Intendant. Doch in neoliberalen Zeiten bleibt wenig Geld, bleibt wenig Zeit für Kunst und Kultur. Wenn es denn sein muss, dann bitte kosteneffizient, eventtauglich, kritiklos und irgendwie glückseligmachend. Kultur muss in diesen Zeiten massenkompatibel sein, was Sibelius kaum erfüllen wird und erfüllen will. Am Ende werden die Excel-Jünger des Neoliberalismus wieder die Sitzplatzauslastung zählen, Strichlisten über verkaufte und nicht verkaufte Eintrittskarten führen, sich über die Kosten für Bühnenbild und Kostüm aufregen, dann keine 50 Meter von der Theaterkasse ins Rathaus stürmen und sagen, dass sie es schon zuvor und immer gewusst haben.

Premierenmarathon in Trier vom 11.-20. September unter anderem Oper: Ur_ am 11.; Schauspiel: Moliere am 12.; Tanztheater: Mistral als Trier-Premiere von Susanne Linke am 13. September. Karten und Spielstätten unter teatrier.de.
Martin Theobald
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