Wie kann ein Archäologe seine Funde möglichst richtig interpretieren?

Das archäologische Puzzle

d'Lëtzebuerger Land vom 21.10.2016

Die Archäologie zählt zu den Wissenschaften, die nicht nur eine gewisse Tradition besitzen – schon in der Zeit der Renaissance interessierten sich einzelne Forscher für römische und griechische Relikte –, sondern sich auch einer großen öffentlichen Beliebtheit erfreuen. Ausgrabungen wie die von Heinrich Schliemann in Troja und Mykene in den 1870er Jahren wurden von der britischen Presse begleitet. Die Entdeckung des Grabes des Tutanchamun und die weiteren Arbeiten dort wurden in den 1920er Jahren weltweit intensiv diskutiert.

Archäologische Funde und Forschungen liefern Stoff für Ausstellungen und Geschichtsbücher, für historische Romane, Dokumentarfilme, aber auch für Kultspielfilme wie Indiana Jones oder Computerspiele wie Lara Croft. Das öffentliche Interesse für die Archäologie erhöht den Druck, der auf den Archäologen lastet. Denn sie zeichnen für das Verständnis des kulturellen Erbes und für die damit einhergehende kulturelle Bildung ganzer Generationen mit verantwortlich.

Ziel der Archäologie ist es, das menschliche Erbe zu sichern, zu analysieren und in einen größeren Kontext zu setzen. Das Interesse am eigenen Ursprung steht dabei im Vordergrund, denn die Analyse der Vergangenheit und der Lebensweise unserer Vorfahren kann auch Auskunft über die heutigen gesellschaftlichen Strukturen geben.

Die früheren Zivilisationen, ihre Organisation, Wirtschaft und religiösen Rituale stellen unser kulturelles Gedächtnis dar; das Nachvollziehen ihrer Entwicklung ist unabdingbar für das Verständnis der eigenen Geschichte. Dennoch bieten archäologische Funde nur eine Annäherung an die Vergangenheit. Sie zeigen Möglichkeiten auf, aber können nicht als festgeschriebene Wahrheit gelten. Oft werfen Funde, als Teil eines größeren Puzzles, mehr Fragen auf, als sie offene Fragen beantworten. Wie kann also ein Archäologe gewissenhaft vorgehen und seine Funde für die Nachwelt aufbereiten?

Der Boden in Luxemburg gilt als besonders reichhaltig an archäologischen Ablagerungen. So existieren in unserem Land beispielsweise zahlreiche Überreste von Villen aus der gallorömischen Zeit. Jüngste Funde wie 2015 die farbigen gallorömischen Fresken in Schieren, die Fundamente der aus dem 17. Jahrhundert stammenden Glacis-Kapelle oder die Krypta auf dem Knuedler zeugen von dem großen Schatz, den es noch zu entdecken gilt.

Das im Jahr 2011 gegründete und an das Nationalmuseum für Geschichte und Kunst angegliederte Centre national de recherche archéologique (CNRA) geht von rund 25 000 archäologischen Stätten aus; nur ein Fünftel davon wurde bislang bearbeitet. Ein beträchtlicher Vorteil für die luxemburgische archäologische Forschung besteht nicht nur in der breiten geografischen Verteilung der Stätten, sondern auch darin, dass das Material alle Phasen der menschlichen Entwicklung von der Urzeit bis zum Mittelalter abdeckt und es erlaubt, die Entwicklung des Menschen auf dem luxemburgischen Gebiet nachzuvollziehen.

Der Boom des Bausektors und große staatliche und private Baumaßvorhaben (wie der Ban de Gasperich, die Tram in der Hauptstadt oder die Nordstraße) haben die dringliche Intervention von Archäologen in Luxemburg veranlasst. Der Großteil der Grabungen sind so genannte Präventions- oder Rettungsgrabungen, die oft spontan und unter Zeitdruck vorgenommen werden müssen. Sie machen bis zu 95 Prozent der jährlichen Ausgrabungen aus.

Im vergangenen Jahr unternahm das CNRA Prospektionsanalysen an 36 Baustellen. Anhand einer systematisch durchgeführten Landesaufnahme – beispielsweise mittels Georadar oder Geomagnetik – können Vorkommen und Umfang archäologischer Stücke unter der Erdoberfläche bestimmt und Notmaßnahmen eingeleitet werden.

Da Präventions- oder Rettungsgrabungen oft keine mit weitem Vorlauf geplante Einsätze sind, werden größere Forschungsfragen dadurch teilweise in den Hintergrund gedrängt und der Akzent eher auf die Bergung, Abtragung und Sicherung der Artefakte gelegt. Auch muss eine Auswahl getroffen werden. Aus Zeit- und Personalmangel kann nicht allen Bauarbeiten vorgegriffen werden.

Da die archäologischen Stätten durch die Baumaßnahmen, aber auch durch die Ausgrabungen an sich, irreversibel zerstört werden, behilft die moderne Archäologie sich neuester Techniken, um die Fundorte und die Aushebung so akribisch wie möglich zu dokumentieren und sie für die weiteren Analysen im Labor, aber auch als Quellenmaterial für weitere Generationen von Archäologen verwendbar zu machen. Die Dokumentation wird umso wichtiger, wenn es sich bei einem Fund um ein unbewegliches Objekt, wie ein Mauerwerk, handelt.

Zu den klassischen Methoden der Bestandsaufnahme zählen das Handaufmaß, die Tachymetrie und die Fotogrammmetrie; heute kommen international 3D-Laserscanning, Satellitenbilder und Aufnahmen aus Flugzeugen verstärkt zum Einsatz, um die Fundstätten zu vermessen und Pläne, beziehungsweise 3D-Rekonstruktionen anzufertigen. Ebenso akkurat werden eine Dokumentation der Bodenstratifikation angelegt, natürliche Proben entnommen und die Beziehung, in der die archäologischen Funde untereinander stehen, verzeichnet. Die archäologischen Techniken wurden über die Jahre verfeinert und dienen heute auch der Kriminalpolizei, um Indizien zu sammeln und zu verwerten.

Im Labor wird das Material auf Echtheit geprüft, datiert (auch mittels Verfahren wie Carbon 14) und interpretiert. Eine Herausforderung in der kontextuellen Situierung der Funde besteht hauptsächlich für die Experten der Ur- und Frühgeschichte, die vor allem schriftlose Kulturen untersuchen. Um also eine höhere Deutungssicherheit der archäologischen Funde zu erreichen, arbeiten Archäologen transdisziplinär und beziehen sich unter anderem auf Anthropologie, Ethnologie, Chemie, Geologie und Geografie.

Dank fachübergreifender Arbeit war es zum Beispiel möglich, das Gesicht des 1935 im Müllertal entdeckten Skeletts des „Mann von Loschbourg“ zu rekonstruieren. DNA-Überreste im Backenzahn und eine genetische Analyse erlaubten nicht nur festzustellen, dass der 8 000 Jahre alte Mann blaue Augen hatte und an Laktose-Intoleranz litt, sondern auch dass er zu den letzten Vertretern der mesolithischen Sammler und Jäger zählte. Eine genetische Analyse mehrerer Skelette, unter ihnen der Mann von Loschbourg, durch internationale Forscher ergab, dass zeitgenössische Europäer nicht wie angenommen aus zwei, sondern aus drei großen Linien abstammen.

Ein wesentliches Ziel des CNRA ist es, die Forschungsarbeiten innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu diskutieren und auf den Prüfstand zu stellen, bevor sie veröffentlicht werden. Foni Le Brun, Direktor des CNRA, legt besonderen Wert auf die ständige Aktualisierung der Forschungsergebnisse: „Wie andere Disziplinen, so trägt auch die Archäologie nicht nur dazu bei, unser Wissen zu verbessern, sondern sie ist sich auch ihrer wichtigen soziokulturellen Rolle bewusst. Jede neue Entdeckung über das Leben unserer Vorfahren ruft die Notwendigkeit hervor, den Fortbestand dieses fragilen archäologischen Erbes, der Wurzeln unserer kulturellen Identitäten, zu sichern.“

Seit 2014 erscheint in unregelmäßigen Abständen die Publikation Archaeologia luxemburgensis – Bulletin du Centre national de recherche archéologique, in der aktuelle Forschungsresultate veröffentlicht werden. Auch eine eigene Internetseite ist in Planung, um das Profil des CNRA nach außen zu schärfen. Das CNRA spielt eine zentrale Rolle bei der Erforschung der luxemburgischen Vergangenheit und ist in seiner täglichen Arbeit auf die Unterstützung von vielen Akteuren, wie dem Staat und Bauunternehmen, angewiesen, um so schnell und präzise wie möglich seiner Mission nachgehen zu können.

Florence Thurmes
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