Internationaler Einsatz in Afghanistan

Licht am Ende des Tunnels?

d'Lëtzebuerger Land du 10.08.2018

Am 1. August überrannten Taliban-Verbände die afghanischen Distrikte Qusch-Tepa und Derzab. Wochenlange Kämpfe zuvor hatten mehreren Hundert Menschen das Leben gekostet. Die Letzten, die den Taliban noch Widerstand leisteten, wurden durch eine Operation der afghanischen Kommandotruppen in Sicherheit gebracht, wie das unabhängige Forschungsinstitut Afghanistan Analysts Network (AAN) berichtete. Nun kontrollieren die Gotteskämpfer die beiden abgelegenen Distrikte im Nordosten des Landes. Doch sie haben dort nicht die afghanischen Truppen geschlagen, sondern die IS. Die Kämpfer, die durch Regierungstruppen gerettet wurden, sind IS-Kämpfer.

Das demonstriert, wie kompliziert die Lage vor Ort in Afghanistan ist, wo mittlerweile niemand mit Sicherheit sagen kann, wer auf wessen Seite steht. Ähnlich kompliziert und undurchsichtig sind auch die diplomatischen Bemühungen, die diesen Konflikt beilegen sollen. Mitte Juli traf eine US-Delegation Vertreter der Taliban in Katar, wo die Aufständischen ein offizielles Verbindungsbüro unterhalten. Worüber sie sprachen, ist offiziell nicht bekannt. Wie oft in solchen Fällen sind jedoch viele konkrete Gesprächsthemen an die Öffentlichkeit gelangt.

Bekannt ist zum Beispiel, dass Washington um das Gespräch gebeten hat. Alice Wells, im US-Außenministerium verantwortlich für Süd- und Zentralasien, erhielt den Auftrag, die Taliban zu treffen, direkt von US-Präsident Donald Trump – obwohl Washington bisher immer darauf hingewiesen hatte, Gesprächspartner der Taliban sei die afghanische Regierung. Noch vor wenigen Monaten wollte die Trump-Administration durch intensivierte Luftangriffe die Taliban zur Aufgabe zwingen. Heute scheint sie bereit, ihre Truppen nach 17 Jahren Einsatz baldmöglichst abzuziehen. Andere Nationen, unter anderem mehrere EU-Staaten, die ebenfalls am internationalen Einsatz beteiligt sind, würden dem Alliierten aus Übersee wahrscheinlich folgen. Eine Erklärung für das Umdenken liefern Berichte in russischen Medien: Demnach will Washington im Kampf gegen den IS mit den Taliban zusammenarbeiten. Dazu sei das Weiße Haus bereit, Kompromisse einzugehen.

Im Gegenzug lockern auch die Taliban ihren Standpunkt. Der Sprecher der Taliban, Sohail Schahin, freute sich laut eines Reuters-Bericht darüber, dass die USA ihrer Forderung nach direkten Gesprächen über einen Abzug internationaler Truppen aus Afghanistan nachkommen wollten. Gleichzeitig betonte er die Bereitschaft seiner Gruppe, „über die Sorgen der USA“ zu sprechen. Schahin nannte sogleich den nächsten Punkt: „Als erster Schritt müssen Taliban-Führer von der Schwarzen Liste der UN gestrichen werden, damit sie wieder reisen können“, sagte er vor Journalisten.

Während die Taliban das Treffen mit US-Diplomaten als totalen Sieg darstellen, korrigiert die USA dieses Bild. Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Heather Nauert, betonte erneut das bekannte US-Prinzip, Friedensgespräche müssten letztendlich von den Afghanen selbst geführt werden; die USA arbeiteten im Einvernehmen mit der afghanischen Regierung. Kabul unter der Führung von Präsident Aschraf Ghani scheint indes seit längerer Zeit offen für Verhandlungen. Das liegt vor allem daran, dass sie allmählich die Kontrolle über das Land verliert.

Seit dem Abzug eines Großteils der internationalen Truppen aus Afghanistan zwischen 2014 und 2016 verloren die Regierungstruppen stetig an Boden. Der US-Sonderinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans berichtete in April, afghanische Truppen hätten im Januar 2016 noch 71 Prozent des Landes unter Kontrolle. Heute sind es nur noch 56 Prozent. Die Taliban konnten ihr Einflussgebiet dagegen mehr als verdoppeln. Beherrschten sie Januar 2016 sechs Prozent des Landes, liegt der Anteil nun bei 14 Prozent. Knapp 30 Prozent des afghanischen Bodens gilt als umkämpft.

Das Gros der Opfer sind Zivilisten – und das nicht nur in den umkämpften Landesteilen. Vor einigen Tagen fielen in der zweitgrößten afghanischen Stadt Jalalabad mehrere Dutzend Menschen einem Anschlag zum Opfer. Die UN-Mission in Afghanistan berichtete, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres seien mehr Zivilisten ums Leben in dem Land gekommen, als zuvor insgesamt in den Jahren seit 2009. Hoffnungen auf Frieden flammten vor zwei Monaten kurzfristig aufgrund einer dreitägigen Feuerpause auf. In Kabul, Jalalabad und in weiteren Orten kam es zu überraschenden Verbrüderungsszenen zwischen Taliban-Kämpfern und Soldaten der Regierung. Doch nach Ende der Feuerpause töteten Taliban 30 afghanische Soldaten bei einem Großangriff.

Außerdem florieren unter der Ghani-Regierung politische Intrigen, und sie ist kaum imstande die etablierte politische Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Parlamentswahlen, die in 2015 hätten stattfinden sollen, wurden ohne ersichtlichen Grund bis heute hinausgezögert. Nun sollen sie im Oktober dieses Jahres stattfinden – zusammen mit den Lokalwahlen. Auch das ist ungewiss. Denn die Sicherheitslage ist prekär und die Wähler vertrauen ihrem Staat nicht. Die Durchführung der Lokalwahlen ist laut eines AAN-Berichts bereits in Gefahr, weil es nicht genug Kandidaten gibt. Das nicht zuletzt, weil potenzielle Kandidaten Angst um ihr Leben haben.

Unter diesen Umständen ist es schwer vorauszusagen, ob neue Gespräche zur Lösung der Konflikte führen werden und falls ja, unter welchen Bedingungen. Einerseits steht fest, dass eine verhandelte Lösung weitgehende Zugeständnisse an die Taliban beinhalten muss, denn sie haben militärisch die besseren Karten. Damit stehen viele errungene, demokratische Rechte, die bisher trotz eines blutigen Krieges verteidigt wurden, auf dem Spiel. Der internationale Einsatz in Afghanistan kostete vielen Afghanen, internationalen Truppen und zivilen Helfern das Leben, gab aber vor allem den Frauen und Jugendlichen Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Andererseits haben sich die Taliban bisher nicht als ein verlässlicher Gegenspieler erwiesen. Auch unter George W. Bush und Barack Obama führten die USA direkte Gespräche mit den Aufständischen. Bis auf einige Abmachungen zum Gefangenentausch verliefen diese meistens enttäuschend. Aufgrund interner Konflikten hielten die Taliban getroffene Vereinbarungen nicht ein. Trotz dieser Bedenken geben sich die Beteiligten nun optimistisch. Experten weisen darauf hin, dass zum ersten Mal alle Kriegsparteien positive Signale senden. Auch die afghanische Bevölkerung ist, trotz möglicher Rückschläge in Frauenrechten oder demokratischen Institutionen, hoffnungsvoll. Sie ist die Leidtragende des fast vierzigjährigen Krieges und erschöpft.

Cem Sey
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