Nobelpreisträger Bob Dylan

Der Rabe krächzt

d'Lëtzebuerger Land vom 28.10.2016

Eine Schriftstellerin, die es bisher noch nicht nach Stockholm geschafft hat, der die Herr_innen des Feuilletons noch keine Lobeshymnen widmeten, nicht einmal Beachtung, also eine Schriftstellerin wie quasi alle Schriftbestellerinnen, postete nach Bekanntmachung von Bob Dylans Auszeichnung ein erbostes Statement. Darin regt sie sich darüber auf, dass ein Sänger und Millionär ausgezeichnet wurde. Wo es so viele arme, unbekannte Schriftstellerinnen gibt.

Wie soll jemand, den keine kennt, ausgezeichnet werden? Unbekanntheit ist nicht per se ein Qualitätsmerkmal, nicht alle unbekannten Künstler_innen sind nur deshalb unbekannt, weil das dumme Volk und die korrupten Eliten unfähig sind, das noch nie dagewesene Werk zu erfassen. Vielleicht sind sie todlangweilig, sprachlich ungelenk, vielleicht verzapfen sie Zeug, das keiner lesen mag. Vielleicht sind sie uninspiriert und uninspirierend. Vielleicht hocken sie beleidigt in einem Elfenbeinturm und werfen dem Staat, der Kulturszene, den Medien, den nationalen und internationalen Dummköpfen vor, dass sie übersehen werden und darben müssen.

Arm sind quasi alle Schriftsteller, die auf die großartige und größenwahnsinnige und wahnwitzige Idee verfielen, sämtliche Existenzmodi, die ein Minimum an Absicherung garantieren, großartig zu ignorieren und von Luft und Liebe und Lyrik zu leben, bestenfalls assistiert von Vater Staat oder einem realitätstüchtigen Ehegesponst. Vielleicht sollten überhaupt nur Schriftstellerinnen ausgezeichnet werden, die nicht nur arm und unbekannt sind, sondern noch weitere Minuspunkte vorweisen können, an allen möglichen Verhinderungen leiden, an Schreibblockaden, Schreibkrämpfen, am berüchtigen Horror Vaqui, an Buchstabenallergien, Publikationspanikattacken?

Der Nobelpreis sei aber doch eigentlich kein Förderpreis und auch keine Caritas, wandte ein Facebook-Kommentator grundvernünftig ein.

Der zweite Vorwurf, dass Dylan ein Sänger ist, erschallte landauf, landab. So what? Immer warf man ihm vor, er sei kein Sänger, allenfalls ein krächzender Rabe. Wie auch immer, Lyrik und Musik waren ursprünglich eins, Rhythmus und Lyrik sind kein Gegensatz, sie sind ein Paar. Lyrik und Leier, betörende, alte Leier. Bänkelsänger, Troubadoure, junge Literat_innen treten gern mit Sprechgesang auf die Bühne, kultivieren die Verbindungen von Schrift und Klang.

Jim Morrison sehnte sich danach, als der Dichter anerkannt zu werden, der er war. Wie Cohen, wie Patti Smith ist Dylan ein Poet. Seine Sprache hat die Kraft der ewigen Texte, sie ist alttestamentarisch, prophetisch, visionär. Magisch wie in „A Hard Rain’s A-gonna Fall“, bilderrätselhaft wie in „All Along the Watchtower“. Sie kann, Blowing in the Wind, genauso schlicht daher kommen. Und welches Liebesgedicht drückt Sehnsucht besser aus als „I Want You“?

Der Rabe krächzt, schon fließen Tränen, der Reflex einer Angehörigen einer Generation. Gänsehaut, Herzklopfen for ever, das muss Liebe sein. Natürlich spricht Dylan eine Generation an, seine. Eine zwölfjährige, bebrillte Großmutter auf dem Plüschsofa vor dem Radiogerät, in Erwartung ihres Lieblingswunschkonzertes. Adamo, Claude François, wegen ihnen sitzt sie hier. Plötzlich bohrt sich ein rostiges Kr-Ächzen in ihre Ohren, es hört überhaupt nicht mehr auf, was ist das?, eine Krankheit? Eine ganz neue Stimme, hört sie. Aus Amerika.

Es war „Like a Rolling Stone“. Die Ballade einer Generation. Das aus Verletzung geborene zynische Porträt einer Frau dieser Generation. Das erkannte die kleine Großmutter erst sehr viel später.

„Take me disappearing through the smoke rings of my mind/ Down the foggy ruins of time, far past the frozen leaves/ The haunted, twisted trees, out to the windy beach/ Far from the twisted reach of crazy sorrow.“ Ob eine Bildersprache wie diese nur eine Generation anspricht?

Die große Elfriede Jelinek jedenfalls freut sich über Bob Dylan. Es sei ihr eine Ehre, sich mit ihm in einer Reihe von Preisträger_innen zu befinden. Wenn auch weit hinter ihm, wie sie meint, ein bisschen sehr bescheiden.

Michèle Thoma
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