Ehe Luxemburg zu einem Testfeld für Innovationen im Gesundheitsbereich wird, sollen kleine Schritte das Terrain bereiten

Das gesündeste Land der Welt

d'Lëtzebuerger Land vom 11.05.2012

Ein Krebspatient erhält eine Chemotherapie. Für die Behandlung kommt er während Wochen immer wieder ins Krankenhaus und fährt anschließend wieder nach Hause. Zwischen zwei Behandlungstagen aber geht es ihm so schlecht, äußern sich die Nebenwirkungen des Krebsmedikaments so stark, dass der Patient hospitalisiert werden muss, ein paar Tage im Spital verbringt und die Krebsbehandlung erst danach weitergehen kann.

Derartige Zwischenfälle ereignen sich bei Chemotherapien immer wieder. Könnte den davon betroffenen Patien-
ten nicht geholfen werden, wenn es gelänge, ihren Allgemeinzustand besser zu überwachen? Womöglich ließe sich dann auch eine stationäre Einweisung ins Spital vermeiden, ein Krankenhausbett müsste nicht belegt werden, und die Krebsbehandlung müsste im besten Fall nicht unterbrochen werden. Fragt sich nur, wie man eine bessere Überwachung erreicht: Durch regelmäßige Anrufe des behandelnden Teams beim Patienten daheim vielleicht? Oder durch eine automatische Nachfrage über eine neumodische Smartphone-App?

Vergangene Woche wurde das auf dem zweitägigen Sommet luxembourgeois de la santé gefragt. Die Idee, die Betreuung von Chemotherapie-Patienten zu verbessern, war eine von vielen, die dort zur Sprache kam. Innovationen sollen ins Gesundheitswesen hineingetragen werden. Welche das sein könnten, diskutierten am ersten der beiden Gipfeltage Experten in Workshops. Am Tag danach wurde die Öffentlichkeit einbezogen. „Faire du Luxembourg le pays le plus sain au monde“, hieß es da. Immerhin. An dem großen Versprechen lag es vielleicht, dass die Veranstaltung in der Handelskammer überaus gut und prominent besucht war. Sogar den Erbgroßherzog hatten die Organisatoren eingeladen.

Das schien viel Publicity-Aufwand gewesen zu sein, doch die Aktion hat auch einen wirtschaftspolitischen Hintergrund. Die treibende Kraft ist das Konsortium für personalisierte Medizin, das die International Biobank of Luxembourg, das Luxembourg Center for Systems Biomedi-cine und das Lungenkrebs-Forschungsprogramm des CRP-Santé gebildet haben. Jene Akteure also, die aus der 2008 für fünf Jahre geschlossenen Partnerschaft mit US-amerikanischen Forschungseinrichtungen hervorgeganden sind und die der Staat mit 140 Millionen Euro finanziert, um die Volkswirtschaft in Richtung Biotech zu diversifizieren. 

Dass Wirtschaftsminister Etienne Schneider (LSAP) diese Woche auf seiner Kanada-Reise viele Biotech-Akteure traf und die führenden Köpfe des Gesundheitsgipfels mit ihm reisten, ist wahrscheinlich kein Zufall: Im heimischen Gesundheitssystem innovieren zu wollen, heißt nicht zuletzt, Luxemburg als Standort für Innovationsversuche zu verkaufen. Denn das Großherzogtum ist nicht nur klein und seine Bevölkerung überschaubar; sie hat vor allem beinah ausnahmslos mit der Gesundheitskasse CNS zu tun. Das macht Luxemburg potenziell interessant für Untersuchungen, wie Innovationen, seien es neue Behandlungen, seien es Vorbeugestrategien, sich sozioökonomisch niederschlagen. Anfragen liegen dem Konsortium schon vor; aus den USA zum Beispiel. 

Doch ob Luxemburg tatsächlich schon bald zu einem Testfeld für die neuesten Hervorbringungen von Molekularbiologie, Patientenbetreuung und Präventions-Pädagogik werden könnte, bleibt abzuwarten. Zwar wäre es wohl eine gute Nachricht, wenn die bisher kleine Zahl von kontrollierten klinischen Versuchen, an denen hiesige Spitäler beteiligt sind, zunähme: Für schwer Kranke sind sie nicht selten ein letzter Rettungsanker, und nicht umsonst ist etwa in Deutschland die Teilnahme an solchen Versuchen überwiegend Privatversicherten vorbehalten.

Auch neue Präventionsansätze dürften interessant sein. Erst vor kurzem wurde die erste repräsentative Studie über die Verbreitung von Herzkreislauf-Risiken hierzulande veröffentlicht (siehe dazu auch den nebenstehenden Text). Die Resultate sind beunruhigend genug, dass man sich fragen muss, was zu tun ist, um vorzeitigen Sterbefällen, Einbußen an Lebensqualität, aber auch längerfristig hohe Kosten für das Gesundheitssystem vorzubeugen. 

Doch nach dem großen Bahnhof in der Handelskammer soll es erst einmal vorsichtig weitergehen. Zügig zwar auch: Schon übernächste Woche findet ein neues Arbeitsgruppentreffen statt. Schon dort könnten von dem halben Dutzend auf dem Gipfel in die engere Auswahl gezogenen Ideen zwei, vielleicht auch nur eine zur Umsetzung bestimmt werden, und die könnte möglicherweise noch dieses Jahr starten. 

Aber dabei soll es sich um kleine Projekte handeln, die sich auch wirklich realisieren lassen, heißt es vom Konsortium eine Woche nach dem Gesundheitsgipfel. Vielleicht fange man in einer Gemeinde an, ganz niedrigschwellig. Es gehe nicht darum, die Welt zu verändern, sondern nach und nach die Basis für mehr zu legen.

Natürlich fragt sich, wie so ein vorsichtiger Ansatz sich eignen könnte, Luxemburg ziemlich kurzfristig als Standort für Innovationstests zu empfehlen. Doch wie die Dinge liegen, ist das Großherzogtum dafür bisher nicht gerade geeignet und Behutsamkeit angebracht.

Denn im Grunde zielen alle auf dem Gipfel geäußerten Ideen darauf ab, Diagnosen und Therapien von chronischen Erkrankungen zu verbessern und diese Erkrankungen besser zu „meistern“. Eine bedauerliche Tatsache ist aber, dass hierzulande ziemlich unklar ist, mit welchen chronischen Fällen und mit wie vielen davon man es überhaupt zu tun hat. 

Denn Krankheitsdiagnosen werden bisher nur aus den Spitälern an die CNS weitergegeben. Nicht aber aus dem ambulanten Bereich und auch nicht aus allen Spitälern in jedem Fall, weil die Weitergabe dem behandelnden Arzt überlassen ist und nach Schätzungen der Kasse in jedem zwanzigsten Fall unterbleibt.  Hinzu kommt, dass die gegenwärtig benutzen Diagnoseschlüssel hoffnungslos veraltet sind. Das soll sich nach der 2010 verabschiedeten Gesundheitsreform zwar ändern. Von einer systematischen Beschreibung der epidemiologischen Lage der Nation bliebe Luxemburg dann aber noch immer weit entfernt. Ein nützliches Innovationsvorhaben wäre daher, erst einmal die Datenlage zu verbessern, damit sich richtig auswerten ließe, was spätere Innovationen bringen.

Doch das wäre schon ein ziemlicher Eingriff ins System. Festlegen zu wollen, was gemeldet werden müsste, und womöglich kontrollieren zu wollen, dass auch alles richtig gemeldet wurde, könnte außerdem schnell in die Konfrontation mit den Ärzten führen. Zwar hat auch ihr Verband AMMD immer wieder beklagt, dass sich in Luxemburg nicht vernünftig über chronische Krankheiten diskutieren lasse und zumindest die zehn bis zwanzig wichtigsten davon detailliert erfasst werden müssten. Doch ob das hieße, eine Einigung auf einen Ansatz, der liberale Mediziner weiteren Verpflichtungen und Kontrollen unterwirft, wäre schnell zu haben, bliebe noch zu sehen.

Probleme könnten große Innovationsvorhaben aber auch aufwerfen, weil über einen wichtigen neuen Akteur im System noch immer keine Klarheit herrscht: den Médecin-référent. Umstritten zwischen CNS und AMMD sind nicht nur weiterhin die neuen Tarife, mit denen der Referenzmediziner die Führung des neuen Patientendossiers und regelmäßige Präventionsgepräche mit dem Patienten vergütet erhalten soll. Diskutiert wird auch noch, ob die neuen Tarife sämtlichen Facharztsparten offen stehen sollen oder nur Generalisten und Kinderärzten. Und ob Letztere Präventionsgespräche mit Eltern nicht generell führen – und bezahlt erhalten – sollten und nicht nur, wenn sie als Referenzarzt engagiert wurden. 

Das ist nicht nur eine Kostenfrage für die CNS. Es ist auch eine politische Frage, denn über die neuen Vergütungen erhielten manche Ärzte nachträglich einen Teil des Sanierungsbeitrags zur CNS erlassen, der den Medizinern mit der Gesundheitsreform abverlangt wurde. Drittens aber ist es auch eine Frage der öffentlichen Gesundheit: Schätzungen von AMMD und CNS kommen zu dem Schluss, dass von der halben Million Einwohner um die 60 000 möglichst „schnell“ die Betreuung durch einen Referenzarzt benötigen würden, der ihr Dossier führt und sie berät, weil sie entweder chronisch krank sind oder es zu werden riskieren. Benötigt wird eine stärkere „Primärversorgung“ also auf jeden Fall. Die Kosten dafür werden aber im Millionenbereich liegen.

In einer solchen Situation zusätzliche große Projekte für chronisch Kranke zu planen, wäre ziemlich gewagt. Wer für die Realisierung der auf dem Gesundheitsgipfel in die engere Wahl gezogenen Ideen aufzukommen hätte – die CNS oder der Staatshaushalt – bliebe sowieso noch zu klären. Aber vielleicht sind kleine Projekte ja aus noch einem Grund gut geeignet für den Anfang: Es kann durchaus sein, dass sie schon reichen, um zu zeigen, inwiefern das bestehende Gesundheitssystem Innovationen behindert, statt sie zu übernehmen. Gelingt es danach, ins Gespräch darüber zu kommen, wären vielleicht ein paar Reformen von unten her möglich. Dass sie gut besuchte Treffen zum Thema zu organisieren vermögen, haben die Initiatoren des Gesundheitsgipfels letzte Woche bewiesen. Nun käme es darauf an, sinnvolle Vorhaben auszuformulieren.

Peter Feist
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