Theater

Deal am Frühstückstisch zur Neunten

d'Lëtzebuerger Land vom 25.05.2012

Sie und er, Sarah und Richard, klopfen am ehelichen Küchentisch ihr allmorgendliches Frühstücksei auf. Ihre Messer kratzen über das knochentrockne Toastbrot. Mit trotziger Selbstverständlichkeit blicken sie auf ihren Tomatensaft. Ritsch und ratsch, klopf, klopf, erklingt das Ritual zum hektischen Geigenrhythmus von Beethovens Neunter. Die Frische dieser Szene ist der Beginn eines gelungenen Thea-terabends, ein Ausschnitt aus dem Horror bürgerlicher Tragödien nach dem Muster des 2008 verstorbenen Nobelpreisträgers Harold Pinter.

In Nathalie Ortners Inszenierung von Pinters Einakter Der Liebhaber aus dem Jahre 1962 nimmt sich ein seit gefühlten 110 Jahren verheiratetes Ehepaar aus der britischen Mittelschicht vor, aus der völlig eingerosteten Ehe auszubrechen und in die Rolle unterschiedlicher Liebhaber zu schlüpfen. Bondage, Wodka und Führerkult sind an der Tagesordnung. Jede Fantasie, jeder körperliche Exzess ist erlaubt. Erst im Laufe der Handlung wird dem Zuschauer deutlich, dass in diesen Rollenspielen nur eine Regel zu befolgen gilt: Wenn die Eheleute sich abends wieder in ihren bürgerlichen Alltagstrott begeben, bleibt das Feuer des nachmittäglichen Alter Ego draußen. Dann werden dem Gegenüber wieder unnachgiebig Nadelstiche verpasst.

Obwohl Martin Engler und Josiane Peiffer sowohl Eheleute als auch Liebhaber spielen und Ortner wie Pinter das Geheimnis der ehelichen Strategie erst sehr spät lüften, bleiben die Zuschauer im Dunkeln und erleben einem ersten Anschein nach die Inszenierung eines alten Paares, das eine offene Beziehung führt, um sexuell nicht vollkommen zu verkümmern. Das Publikum glaubt einem täglichen Ehebruch beizuwohnen: Sie erhält Besuch von ihrem Liebhaber, er trifft eine Prostituierte. Dass die Schauspieler mehrere Rollen übernähmen, wie mancher Zuschauer es denkt, das wäre kein revolutionärer Kunstgriff gewesen.

Die Inszenierung lebt von zahlreichen Einfällen wie der Eingangsszene, sehr vielseitigen Liebhaberkarikaturen und Theo Johanns origineller Kulisse. Ein plüschig verkleideter, tischhoher Würfel steht in der Mitte des Niederanvener Kulturhauses. Oben ist in feinem Grau die Bettmatratze eingefügt, seitlich befinden sich Schubladen, aus denen die Eheleute Tomatensaft und Bondage-Strümpfe kramen. So wird die Matratze denn auch zum Küchentisch für, nun ja, vielseitige Anlässe.

Die Spielfreude ist beiden Darstellern jede Sekunde anzumerken. Umwerfend interpretiert Peiffer die Ehefrau vor allem dann, als sie am Ende erkennt, dass ihr Mann einen Schlussstrich unter die geistige Flucht ziehen möchte. Hemmungslos nutzt sie die wenigen Quadratmeter der Matratze, um ihrem Mann den abgründigen Zustand ihrer Ehe vor Augen zu führen. Hysterisch schreit sie sich die Sucht nach der geheuchelten Leidenschaft aus der Kehle.

Bei Martin Engler verhält es sich anders. Seine körperliche Wucht und seine präsente, voluminöse Stimme prägen den Großteil seines Auftritts. Beide nutzt er konsequent. Von besonderem Reiz ist jedoch das in seiner Arbeit angelegte Zusammenspiel zwischen dieser gestischen wie mimischen Wucht und der Beherrschung dezentester Feinmotorik. Mal zuckt er mit dem Kinn, mal lockert er sein Hosenbein, mal hebt er die Brauen. Diese Bewegungen wirken wie unkontrollierte Zuckungen. Sie passen aber so genau zu seiner Rolle, dass sie nur berechnet sein können. Wucht und Feinheit: Engler überzeugt vollends.

Ortner schafft es darüber hinaus, mehrere Hauptrollen in dieser Inszenierung auszuarbeiten: Natürlich sind es die Eheleute, doch auch die Musik ist von zentraler Bedeutung. Die euphorische Freude auf den vermeintlichen Ehebruch unterstreicht die Technik mit dem fetzigen Start me up, die ritualisierte Bürgerlichkeit wird von Beethovens Schicksalssinfonie sowie seiner Neunten – mal düster, mal feierlich – begleitet. Eine weitere Rolle übernimmt das mit viel Holz verarbeitete Kulturhaus. Das satte Grün und die Balkonterrasse sind Teil der Handlung, entsprechen stellenweise dem spöttischen Text des Martin Engler.

Ortners Liebhaber von Harold Pinter schlittert oberflächlich bisweilen in schwachsinnigen Klamauk ab. Das aber gewinnt durch den feinen verbalen Schlagabtausch und die zahlreichen Wahrheiten in dieser Inszenierung an Witz, an Niveau. Das Drama mag dankbar sein. In der Tat bietet es thematisch kaum Risiken. Beziehungskisten ziehen immer. Aber was soll’s? Zum einen sticht Pinters Paar aus der Durchschnittsklamotte deutlich heraus. Der Einfall ist formal wie inhaltlich nicht nur für die Sechziger originell. Zum anderen ist Ortners Inszenierung ein Erfolg, ohne Wenn und Aber, ästhetisch, mimisch, musikalisch.

Der Liebhaber nach Harold Pinter; eine Produktioun von KHN und Independent Little Lies; Regie: Nathalie Ortner; Bühne: Theo Johanns; mit Josiane Peiffer und Martin Engler; keine weiteren Vorstellungen.
Claude Reiles
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