Gehälterpolitik im Grundschulwesen

Boni für Engagierte

d'Lëtzebuerger Land vom 05.03.2009

Was für eine Prioritätensetzung ist das, fragt man sich angesichts der Resolution, welche die Lehrergewerkschaft Apess auf ihrer Generalversammlung Mitte Februar verabschiedet hat. Nach Monaten relativer Funkstille gilt die Hauptaufmerksamkeit nicht etwa der Sorge um die pädagogischen Auswirkungen der jüngsten Reformen, sondern dem Lehrergehälter-Gefüge. „Skandalisiert“ zeigen sich die Sekundarschullehrer der Apess über das „unverantwortliche Verhalten“ der Regierung, die den Grundschullehrern trotz Wirtschaftskrise für September eine saftige Gehaltsverbesserung versprochen hat. 

Das Verhalten der Regierung ist in der Tat zu hinterfragen, wenngleich nicht aus falschem Sozialneid. Denn angesichts verlängerter Ausbildungszeiten macht die Neueinstufung der Grundschullehrer durchaus Sinn, auch wenn die alte Gehälterstruktur damit aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Die ist aus dem Blickwinkel der Schulentwicklung sowieso dringend reformbedürftig – und keineswegs gerecht. 

Bislang verdienen alle Grundschullehrer-/innen, ungeachtet ihres Engagements und ob sie ihre Schüler genügend fördern, grundsätzlich dasselbe. Genauso in der Sekundarschule, wo Lehrer, bei gleichem Lohn, lieber auf dem klassischen Gymnasium unterrichten, weil sie dort weniger Störungen des oftmals lehrerzentrierten Unterrichts vermuten. Schulleitungen tun sich zunehmend schwer damit, motivierte und qualifizierte Freiwillige für ihre anspruchsvolleren technique-Klassen zu finden. Das passiert auch den besten Proci-Schulen. In der Sekundarschule gilt überdies der Grundsatz, dass eine Schulstunde in einer höheren Schulklasse mehr Wert hat als in einer niedrigeren Schulstufe, obwohl die Anforderungen an die Lehrer genauso hoch sind, wenn auch weniger auf der fachspezifischen als vielmehr auf der methodisch-didaktischen Ebene.

Politisch ist das natürlich Unsinn, und nur eine radikal andere Personal- und Lohnpolitik kann Abhilfe schaffen. Eine Bezahlung, die sich an guten Lehrerleistungen orientiert, könnte umsetzen helfen, was Bildungsexperten seit Jahren fordern: dass die besten Lehrer die schwächsten Schüler unterrichten. Dann würde sich der besondere Einsatz für so genannte Problemschüler, im Rahmen einer Schule der zweiten Chance oder anderswo, finanziell mehr lohnen: dank eines Bonus’ auf ein – ausreichend hohes – Sockelgehalt, das für jeden Lehrer dasselbe wäre. Die bildungspolitische Botschaft wäre klar: Differenzierte Förderung gerade auch der Schwachen ist ein wichtiges Anliegen, das man sich etwas kosten lässt. Im gleichen Zug sollte die 30-Stunden-Präsenzzeit, wie sie für Eis Schoul und Neie Lycée schon gilt, auf sämtliche Schulen ausgedehnt und die Lehrer-Rekrutierung geändert werden: Wenn Schulen über ihr Personal bestimmen könnten und wenn Lehrer mehr Zeit für die Arbeit mit dem einzelnen Schüler und den Austausch unter Kollegen bekämen, wäre auf dem Weg zu mehr Qualität in der Schule viel gewonnen. 

Dass das keine populistischen Forderungen sind, zeigen Erfahrungen in Finnland und Schweden, deren Lehrer zu den besten der Welt zählen. Die sorgfältige Auswahl, Förderung und Motivation des Lehrpersonals werden dort groß geschrieben. Und bezahlt wird leistungsabhängig. In Luxemburg haben sich noch kein Politiker und keine Partei getraut, mit solch radikalen Vorschlägen an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch Déi Gréng nicht, man will es sich schließlich nicht mit den Wählern und der Parteibasis verscherzen. Lediglich die ADR hatte in ihrem schulpolitischen Positionspapier vom Herbst vergangenen Jahres das Beamtenstatut der Lehrer als unvereinbar mit einem erfolgsorientierten Bildungssystem erklärt. Seitdem die Wahlen näher rücken und weil ADR-Strategen auf die Stimmen von CSV enttäuschten Beamten spekulieren, verschwand die Forderung aber rasch wieder in die unterste Schublade. 

Ines Kurschat
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