Der Luxemburger Säulensteher Wulfilaich (584)

d'Lëtzebuerger Land vom 15.08.2014

Handelnde Personen: I. Wulfilaich, in ärmlicher Kutte, abgemagert; 2. Bischof Gregor, kleine Mitra, Krummstab; 3. Modestus, Betrüger auf einer Reliquienfahrt in Pilgerkleidung, mit Muscheln behangen, Stab und Tasche an der Seite.; 4. Zwei Franken.

Ort: Eine Zelle aus Lehm (Mardellenhütte).

Der Langobarde Wulfilaich wurde durch die Anrufung des hl. Martinus geheilt, er wählte da auch das Einsiedlerleben, ward Diakon und Säulensteher an der Grenze des lux. Landes zu Trier, wo er als Bussprediger ein Dianendenkmal, ein massives Monument, zerstörte und ein Martinsklösterlein erbaut hatte. Die Nachbarsdiozesen verehren ihn heute noch als Heiligen (Walfroy). Auch die Trierische Heiligenlegende nahm sein Leben auf. Nur Luxemburg kennt und verehrt ihn nicht. In den zahlreichen Ortschaften, wo der hl. Martinus als Patron verehrt wird, dürfte dieses Theaterstück zur Aufführung anzuraten sein.

Schmucklose Zelle aus Rasen und Holz. – Der Einsiedler Wulfilaich, hager, bleich, in zerflickter Mönchskutte, liegt vor einem Cruzifix, hinter ihm ein Martinsbild, auf den Knien und singt eine Hymne. (Die Melodie kann aus dem Vesperale, aus der Sonntagsvesper oder den Melodien des Adventes, der Christ-Fasten-Osterzeit, also allbekannte Melodien, gewählt werden.) [...]

Gregor. – An dem Sauerstrom, unweit Trier, befindet sich ein zerstückelter Felsblock mit der Inschrift D. Diana Q. Postumius potens, wo die „wissigen“ Frauen vielgestaltigen Aberglauben Wahrsagerei trieben.

Wulfilaich. – Auch hier war das bei meiner Ankunft noch der Fall. Obgleich Christen waren noch alle Bewohner dem lächelnswerten Aberglauben ergeben. Aus allem und jedem Ereignis, in der Natur, im Leben, in Begegnungen, aus Sternen, aus Pflanzen, dann künstlich mit Runenstäbchen, aus dem Fluge der Vögel, aus dem Ofenrauche, dem Kothe und den Eingeweiden der Tiere, dem Niesen, dem Looswerfen, erforschten sie die Zukunft. Verblüfft frug ich mich, ob dieser vielgestaltige Aberglaube aller frühern Völkerstämme nicht etwa in der Menschennatur wurzele, in Fleisch und Blut übergegangen sei, also unrettbar bleibe. Als Schattenseite des Seelenlebens, als saftaussaugendes Schlinggewächs, als Parasit erscheint der Aberglaube. [...] Da alle meine Predigten, Belehrungen fruchtlos blieben, griff ich zu einem seltsamen Mittel, einem aussergewöhnlichen Beginnen, indem ich nach dem Beispiele der Väter der Wüste und orientalischen Säulensteher mir bei dem Kolosse des Dianendenkmales eine Säule erbaute, die ich bestieg, um als Büsser eindringlicher dem abergläubischen und betörten Wallervolke predigen zu können, es von seinem Zauber- und Aberglauben mit den Wahrsagerkünsten abzubringen.

Gregor. – Wirklich ein heroischer Gedanke, ein seltsames Mittel, wo man den Opfer- und Heldenmut anstaunen muss, den in dieser unwirtlichen Gegend, am Saume des ungeheuern Ardennerwaldes mit den strengen Wintern, bei den alles Leben ertötenden Frösten und Schneestürmen bisher noch kein Büsser gezeigt hat. Hunderte von Klausnern, heiligen Büssern kenne ich in Gallien, habe sie besucht, mit ihnen mich unterhalten. Aber solch einen Säulensteher, wie du, hatte bislang das fränkische, nicht einmal das südliche Gallien, noch keinen aufzuweisen. Wie lange konntest du diese strenge Lebensweise fortsetzen?

Wulfilaich. – Ich stand unter grossen Schmerzen ohne alle Fussbekleidung. Wenn die Winterszeit kam, litt ich bei der eisigen Kälte, furchtbar, dergestalt, dass mir von dem heftigen Frost öfters die Nägel an den Füssen abfielen und in meinem Bart das gefrorene Wasser wie Eiszapfen herunterhing. [...] Seit meiner Jugend, gerade zu Anfang meines Busslebens und Stehens auf der Säule, hatte ich dergleichen Verfolgungen auszustehen. Ich glaubte aber damals, die Steinwürfe rührten von Strolchen und Heiden her. Ich hatte mich in den Schutz der Vorsehung empfohlen und verdanke es der Macht des hl. Martin bei Gott, dass ich immer unversehrt hervorging. An derlei Spuk, wo Steinregen, Schreckgestalten, Gebrüll von wildem Getier, Verwundungen, blutige Misshandlungen, Poltern, Hauserschütterungen eintreffen, Möbeltanz eintreffen, ja Umsessenheiten durch den Teufel sich einstellen, sind alle Anachoreten gewohnt.

Gregor. – Nicht bloss Fromme und Heilige, auch gewöhnliche Leute, Krieger werden von Spukkobolden oft schrecklich verfolgt. Ich selbst sah nie Spuk.

(Plötzlich werden dumpfe Stösse vernehmbar, die Bühne zittert, Tiergeschrei, Miauen, Brüllen, Bellen. Steine fliegen durch die Luft. Bischof Gregor erschreckt verbirgt sich in eine Ecke unter den Tisch.)

Wulfilaich. – Im Namen unsers Patrons Martin gebiete ich dir, elender Affe Satan, Unhold, aufzuhören. Bitte, Bischof, mit Ihrem Kreuze und den Reli­quien Martins ein Kreuzzeichen zu machen. (Sodann stimmt er das Lied an:)

„O Gott, Du unser Schirmer sei, von diesem Spuke uns befrei.„Bewahre uns in Deiner Hut, die Du erlös mit Deinem Blut.“

(Der Spuk hört auf.) Ohnmächtig ist der Kettenhund Satan allen Christen gegenüber.

Gregor. – Peinigen kann er doch auf Zulassung Gottes zur Prüfung wie beim Dulder Job. [...]

(Aus der Ferne hört man Anrufungen: Hl. Martinus, hl. Vinzenzius, bitte für uns. Aergerlich fluchend und schreiend tritt Modestus im Pilgergewand mit Muscheln, mit Pilgerstab und Tasche an der Seite, wildphantastisch gekleidet ein. Bischof Gregor ist in den Schatten getreten. Wulfilaich wird an der Türe gewaltsam zurückgedrängt. Wildes Gekreisch und Getöse der Volksmassen werden hörbar.) [...]

Modestus. – Hallunke und Giftkröte. Als ob ich nicht wüsste, dass ihr Faulpelze an diesem Wallfahrtsorte von den mildherzigen und betörten Betschwestern das Beste herauslocken, von Frankengrossen Eberkeulen und Hirschbraten in Hülle und Fülle erhalten, in Saus und Braus ein Schlemmerleben führen würdet. (Er würgt ihn am Halse) Nur schnell heraus mit dem Besten für mich, den Gottgesandten, den Freund der Könige, den Begnadeten des hl. Märtyrers Vinzenzius. Ich werde dich in Kraft des hl. Vinzenzius wegen der Verunehrung, der Verachtung beim Könige Sigebert II und seiner frommen Mutter Brunichilde in Metz verklagen. Du wirst vertrieben aus diesem Nest und die Strafe des hl. Vinzenzius wird dich treffen. (Bischof Gregor tritt aus der Ecke hervor.)

Gregor. – Gemach, Pilger, etwas mehr Bescheidenheit und Höflichkeit für einen Pilgerführer.

Modestus. – Ei, da ist noch ein anderer Cumpan, ein zweiter Faulpelz.

(Gregor sieht den frechen Patron fest an, zieht sein Bischofskreuz und seinen geringelten Erlenstab als Gesandter hervor und ruft gebieterisch:) [...] – Teufelsbrut, weg, zu lange hast du Unheil und Gottesschändungen begangen. In Paris waren deine angeblichen Reliquien des hl. Vinzenz Tierknochen, Wolfszähne und abergläubische Kräuter. Fronboten. Ergreift ihn, legt ihn in Fesseln, währenddessen ich in die Kirche eile und diese bacchantischen Horden als Bischof und Königsgesandter aufklären und belehren will, eine Predigt über den hl. Martin halte und sie heimsende. (Kreischend und sträubend wird Modestus abgeführt).

Der Vorhang fällt.

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