L’Essentiel: Bestandteil einer Schweizer Unternehmensstrategie

Der Medienkonzern Tamedia auf Sparkurs

d'Lëtzebuerger Land du 17.08.2018

Am 25. Juli 2018 fordern die Belegschaften von drei Druckereien, die dem größten Schweizer Medienkonzern Tamedia gehören, ihren Arbeitgeber in einer Protestaktion auf, sich wieder dem Gesamtarbeitsvertrag der grafischen Industrie zu unterstellen. Dabei handelt es sich aber weniger um eine konkrete Forderung nach einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Druckereien, als vielmehr um einen Ausdruck der Angst, die bei den Angestellten des gesamten Konzerns umgeht. Denn Tamedia, das gemeinsam mit dem luxemburgischen Unternehmen Editpress die Gratiszeitung L’Essentiel herausgibt, befindet sich seit rund einem Jahr auf einem rigorosen Sparkurs.

Arbeitskonflikte bei Tamedia

Die Protestaktion der Druckerei-Angestellten ist in dem Sinne auch eine Reaktion auf die Umstrukturierung, die der Konzern seit Monaten vorantreibt. Am 7. Juni 2018 verkündet Tamedia, die gedruckte Ausgabe der Westschweizer Boulevard-Zeitung Le Matin auf den 21. Juli einzustellen. Lediglich die Sonntagsausgabe Le Matin Dimanche erscheint weiterhin im Print. Die Unternehmensleitung begründet den Entscheid mit den seit 20 Jahren anhaltenden Verlusten, die sich in der letztjährigen Bilanz auf 6,3 Millionen Schweizer Franken beliefen. Für die Gesamtbelegschaft vom Matin hat dieser Schritt einschneidende Konsequenzen: 36 MitarbeiterInnen erhalten die Kündigung, das Redaktionsteam wird um 24 Stellen gekürzt. 15 Journalisten werden das digitale Angebot weiterbetreiben.

In den darauffolgenden Wochen verhandelt Tamedia mit Vertretern der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften Syndicom und Impressum über die Erstellung eines Sozialplans für die betroffenen Mitarbeiter. Ohne Erfolg. Am Dienstag den 3. Juli treten 88 Prozent der Angestellten von Tamedia Romandie in den Streik. Rund 300 Tamedia-Mitarbeitende, Gewerkschaftsvertreter und Sympathisanten gehen in Lausanne, wo sich der Redaktionssitz des Matin befindet, auf die Straße. Viele Mitarbeiter der französischsprachigen Zeitungen 24 Heures Lausanne, Tribune de Genève und 20 minutes, die ebenfalls zum Unternehmen gehören, zeigen sich solidarisch mit ihren Kollegen des Matin. Auch Deutschschweizer Journalisten der Tamedia-Gruppe erklären in einem Schreiben ihre Solidarität mit den Streikenden in der Romandie. Die Redaktionen haben den Streik zwar vorläufig suspendiert, doch sollte der Dialog mit Tamedia bis am 3. September nicht zu einem für die Arbeitnehmer und Gewerkschaften akzeptablen Ergebnis führen, würden weitere Streiks und Demonstrationen folgen. Der Arbeitsstreit droht derweil zu eskalieren: Wie der unabhängige Courrier de Genève am 30. Juli berichtet, kürzt Tamedia den entlassenen Journalisten von Le Matin, die am Streik teilgenommen haben, die noch ausstehenden Löhne.

Zentralisierung und Expansion

Die Einstellung der Printausgabe des welschen Boulevardblattes sorgt umso mehr für Proteste in der Schweizer Medienlandschaft, weil Tamedia bereits zuvor empfindliche Einschnitte im Bereich ihrer Printprodukte beschlossen hatte. Anfang des Jahres hat das Unternehmen seine Zeitungsredaktionen neu organisiert. Zwei Mantelredaktionen, eine deutsch- und eine französischsprachige, liefern seither einen Großteil der Inhalte für alle Titel in den jeweiligen Sprachregionen, während die stark dezimierten Lokalredaktionen sich auf ihr Kerngeschäft, die Regional- und Lokalnachrichten, konzentrieren. Grund für diese Umstrukturierung sind die rückläufigen Leserzahlen und Werbeumsätze. Am 9. August gibt Tamedia bekannt, im Zuge der Reorganisation bis Anfang des nächsten Jahres 20 Stellen im Produktionsbereich abzubauen. In den Redaktionen folgen vorerst keine direkten Entlassungen, auf längere Sicht sollen sie aber ebenfalls ausgedünnt werden. Was dieser Einschnitt darüber hinaus für die Schweizer Medienlandschaft bedeutet, erschließt sich erst, wenn man die Gesamtheit der Publikationen betrachtet, die dem Konzern gehören.

Neben den oben genannten französischsprachigen Zeitungen, die Tamedia durch die Übernahme des Unternehmens Edipresse 2013 erworben hat, gehören dem Medienunternehmen einige der wichtigsten Zeitungstitel in den drei größten urbanen Ballungsgebieten der Deutschschweiz. In der Finanzmetropole Zürich besitzt Tamedia den renommierten Tages-Anzeiger, auf dessen Gründung 1893 auch der Ursprung des Unternehmens zurückgeht. Im Großraum Zürich hat Tamedia eine Reihe weiterer Lokalzeitungen übernommen und deckt somit nahezu den gesamten, bevölkerungsreichsten Kanton des Landes publizistisch ab. In der Hauptstadt Bern, dem Zentrum des politischen Geschehens in der föderalistischen Schweiz, verfügt Tamedia mit der Berner Zeitung und dem Bund quasi über ein Monopol. In der von der Pharmaindustrie geprägten Grenzstadt Basel, Standort von multinationalen Unternehmen wie Novartis und Syngenta, hat Tamedia kürzlich die Übernahme der Basler Zeitung, die größte Tageszeitung der Region, beschlossen. Allerdings untersucht die eidgenössische Wettbewerbskommission den geplanten Kauf, weil Anhaltspunkte bestehen „dass der Zusammenschluss auf verschiedenen Märkten eine marktbeherrschende Stellung begründet oder verstärkt“. Auch bei den Angestellten des Konzerns stößt die Konzentration und Zentralisierung der Schweizer Medienlandschaft auf Widerstand. Bereits im Vorfeld wurden diverse Protestaktionen, insbesondere von den Journalisten der beiden Berner Tageszeitungen, durchgeführt.

In der Redaktion des Tages-Anzeiger scheint die Stimmung ebenfalls nicht zum besten gestellt, wie die Journalistin Rafaela Roth in einem Interview mit dem Branchenmagazin Schweizer Journalist andeutet: „Irgendwann schlägt es einem schon auf die Stimmung, wenn jeder fragt, wie schlecht die Stimmung denn nun sei. Wenn Leute um ihre Existenz fürchten, haben sie grundsätzlich Empathie verdient.“ Weit drastischer äußerte sich Reda El Arbi, langjähriger Blogger im Dienste der Online-Redaktion der gleichen Zeitung, in einem offenen Brief an den Vorstandschef von Tamedia, Pietro Supino, nachdem er die Kündigung erhalten hatte: „Die Stimmung innerhalb Tamedia ist so schlecht, dass ich mich wundere (und hohe Achtung vor den Kollegen empfinde), dass überhaupt noch Content produziert wird.“

L’Essentiel als Maßstab

Ausgenommen von der Umstrukturierung sind die Redaktionen der meistgelesenen Zeitung der Schweiz: die in drei Sprachen erscheinende 20 Minuten/20 minutes/20 minuti. Die Redaktionen der Gratiszeitungen werden nicht in die Mantelredaktionen einbezogen, sondern bleiben eigenständig bestehen. Darüber hinaus wird Newsnet, die zentrale Online-Redaktion von Tamedia, bei den 20 Minuten-Redaktionen angesiedelt. So findet einerseits eine Konzentration der Redaktionen der kostenpflichtigen Printmedien statt, während andererseits ein gewichtiger Teil des Contents der Online-Ausgaben aller Tamedia-Zeitungen über eine den Gratiszeitungen angegliederte, unabhängige Redaktion produziert wird.

Ohnehin scheint sich Tamedia seit mehr als zehn Jahren strategisch zunehmend auf den Bereich der Gratis- und Online-Medien auszurichten. 2006 expandiert das Unternehmen mit dem deutschsprachigen Titel 20 Minuten in die Welschschweiz. Ein Jahr später folgt der Aufbau der luxemburgischen Pendlerzeitung L’Essentiel, was den Beginn einer neuen Auslandstrategie des Konzerns markiert. Nach dem Vorbild von 20 Minuten wird L’Essentiel gemeinsam mit dem Tageblatt-Verlag Editpress entworfen. Herausgeber der Zeitung ist das in Luxemburg angesiedelte Unternehmen Edita SA, das zu je 50 Prozent Editpress und Tamedia gehört. „L’Essentiel war das erste Auslandengagement von Tamedia, in der Zwischenzeit verfügen wir mit weiteren Pendlermedien in Dänemark und Österreich sowie natürlich mit der 20 Minuten-Gruppe in der Schweiz über ein reichweiten-starkes Netzwerk von Gratiszeitungen“, erklärt Tamedia-Sprecherin Nicole Bänninger auf Anfrage. Das Großherzogtum wird dabei nicht zufällig als erste Station im Ausland gewählt, wie Bänninger betont: „Luxemburg ist wie die Schweiz in Bezug auf die Bevölkerung ein relativ kleines, mehrsprachiges Land mit einer starken Zeitungslandschaft und damit als Medienraum mit der Schweiz vergleichbar.“ Sie bezeichnet „die Zusammenarbeit mit Luxemburg in verschiedener Hinsicht als Maßstab für andere Märkte“, auch in Bezug auf mögliche „Synergien und Prozessoptimierungen“. Das Engagement in Luxemburg ist dementsprechend nicht nur ein erster Schritt in Richtung Auslandexpansion, sondern die daraus gewonnenen Erkenntnisse fließen in der Folge auch in die Strategie der Umstrukturierung des Unternehmens ein.

Konsequenzen für die Schweizer Medienlandschaft

Tamedia setzt durch die Zentralisierung ihrer Redaktionen und die Expansion in neue Märkte die Schweizer Konkurrenz unter Druck. Kürzlich haben mit der NZZ-Mediengruppe und den AZ Medien die zwei größten Deutschschweizer Konkurrenten des Marktführers eine Kooperation beschlossen, die 20 Zeitungen, ihre Onlineportale sowie mehrere Radio- und Fernsehsender einschließt. Die Konsequenzen für die Schweizer Medienlandschaft sind derweil tiefgreifend: War diese früher noch durch eine große Anzahl unabhängiger Publikationen geprägt, bestimmen durch die zunehmende Konzentration der Zeitungen ein paar wenige Redaktionen die Themensetzung in der breiten Öffentlichkeit.

Die Lage spitzt sich weiter zu, da ebendiese Medien­konzerne, allen voran Tamedia, zu den größten Anteilseignern der Schweizer Depeschenagentur SDA, der führenden Schweizer Presseagentur gehören. Die Verlage sind gleichzeitig Kunden und Besitzer der SDA und in dieser doppelten Rolle setzen sie den Sparkurs, den sie bei ihren Redaktionen durchsetzen, auch bei der Agentur fort. Im Oktober letzten Jahres stimmten die Besitzer einer Fusion der SDA mit der Bildagentur Keystone zu, die zuvor zu je 50 Prozent der SDA und der österreichischen Agentur Apa gehörte. Durch die Fusion drohte 40 MitarbeiterInnen eine Kündigung, die Folge war wiederum ein langwieriger Arbeitsstreit zwischen der Unternehmensführung und den Angestellten, der erst im Juni 2018 beigelegt werden konnte. An der Schwächung der Presseagentur, die ungemein wichtig für die Schweizer Medienlandschaft ist, ändert das allerdings nichts.

Diese Entwicklung ist umso besorgniserregender, als die öffentlich-rechtliche Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG aufgrund konstanten Drucks von Seiten privater Medienunternehmen wie Tamedia einerseits und Vertretern rechtsliberaler politischer Parteien andererseits gezwungen ist, ein rigoroses Sparprogramm durchzuführen. Gerade Tamedia stört sich an der dominanten Position der SRG im Radio und Fernsehen. Der öffentliche Rundfunk dominiert den Werbemarkt in diesem Bereich und genießt einen großen Rückhalt in der Bevölkerung. Die Zeitungen hingegen leiden zunehmend unter schwindenden Werbeeinnahmen, was wiederum ein Grund für den Niedergang von Le Matin ist. Als Reaktion machen die Verlage Druck auf die Politik, der SRG eine größere Online-Präsenz zu verbieten. Die Werbeeinnahmen im Internet sollen in privater Hand bleiben.

Eine digitale Medienzukunft?

In diesem Kontext sind auch die Bemühungen von Tamedia zu verorten, vermehrt den Fokus auf ihre Online-Publikationen zu legen. Die Leserzahlen bei den meisten gedruckten Zeitungen sind rückläufig und mit den publizistischen Produkten werden immer geringere Gewinne generiert. Dennoch steht Tamedia als Unternehmen wirtschaftlich gut da. Tatsächlich stellen die Medien nicht mehr die alleinigen Einnahmequellen des Unternehmens dar. Die Erträge aus Beteiligungen an diversen Online-Plattformen wie dem Planungs-Tool Doodle, der digitalen Arbeitsvermittlung jobs.ch oder homegate.ch, eine Online-Immobilienvermittlung, gewinnen an Bedeutung.

Der Medienkonzern Tamedia konzentriert sich dementsprechend zunehmend auf die Expansion im digitalen Bereich. Also ausgerechnet auf den Markt, den die IT-Giganten Google, Apple, Facebook und Amazon, die eigentliche Konkurrenz der klassischen Medien um Werbeeinnahmen, aber auch im Ringen um die öffentliche Meinung, dominieren. Tamedia stellt sich den neuen Herausforderungen durch die mächtige Konkurrenz, indem der Konzern seine langjährige publizistische Tradition vernachlässigt, um stattdessen das Angebot im Bereich Gratisjournalismus zu erweitern und sich mit diversen Plattformen im Online-Bereich jenseits der klassischen Medien zu etablieren. Damit steht das Unternehmen exemplarisch für die aktuellen Entwicklungen in der Medienlandschaft und in der Öffentlichkeit.

Charles Wey
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