Frieden kann man hier spüren

Kraftplatz Friedhof

d'Lëtzebuerger Land vom 04.11.2016

Friedhof, was ist das? Location, auf der nichts los ist. Sterbenslangweilig, niemand geht da freiwillig hin, die meisten sind auch alt. Und kalt. Bzw. waren es. Was ist jetzt da? Ein Haufen Knochen, Schwermetalle, umweltschädliches Material, Menschenmaterial, gewesenes, in allen Stadien der Verwesung. „Ich geh doch kein Skelett besuchen“, ein Siebzigjähriger ist empört über die Frage, warum er nie zum Friedhof geht, die Mama besuchen, er liebte sie doch sehr. Seine Mama ist ja gar nicht da! Friedhofsbesuchs-befürworter_innen können darauf schwer antworten, irgendwie hoffen sie selber, dass die Mama nicht da ist, dieses da, dieses Da Unten ist schließlich keine erstrebenswerte Perspektive.

Aber etwas ist da, nur was? Frieden kann man hier spüren, an sonnigen Tagen etwas wie Einverständnis, etwas Versöhnliches, beinahe Heiteres. Aber dann... eine unglaubliche Schwere, die man in den Knochen hat, nach einem zu langen Herumstreunen, später kann man den Tod kaum noch abstreifen, er klebt an einem, er zieht einen runter, man spürt ihn zu Hause vor der Glotze.

Wer eine Hochsommermittagsewigkeit auf der schwimmenden Toteninsel San Michele verbracht hat, inmitten von verblichenen Edelleuten, Säuglingen, berühmten Künstlern, umzingelt von Grüften, Engeln, weinenden Jungfern, wird panikartig in einem Vaporetto an den Lido flüchten. Um dort immer wieder unter zu tauchen, sich den Tod vom Leib zu schwimmen.

Also ist was da. Jemand? Die Wiener Schriftstellerin und Totenfreundin Lotte Ingrisch, bei der Verblichene gern auf einen Sprung vorbei kommen, hat von dem verstorbenen Gatten die Message bekommen, dass er sich freut, wenn sie auf Besuch kommt, am Grab. Obschon er längst in anderen Sphären weilt. Eine Art Space Base, wahrscheinlich. Und wie oft empfindet selbst der verwirrte Zeitgenosse eine überraschende Ruhe am Grab von Menschen, die er gern hatte.

Immer mehr wollen das nicht mehr, wegen dem Dreck, der Arbeit, den Würmern, es kommt sowieso keiner, und wenn, was nützt es wem? Eine unbewohnte Adresse, die Bewohnerin längst verzogen, ausgeflogen. Die alten Frauen in Schürzen, die früher pünktlich ihre Männer gossen, die immer was zu rupfen und zu zupfen fanden, sind längst selber den Weg allen Fleisches gegangen, die neuen alten Frauen sind gerade voll beschäftigt, mit Leben. Was ist prähistorischer oder auch absurder als so ein Trauertrüppchen hinter einer mehr oder weniger dekorativen Kiste, die bald eingebuddelt wird, als so eine Elefant_innenherde, die sich betrübt betroffen schart, um was? Abgesehen von dem alljährlichen Hype sind die Gottesäcker leer, eine vollkommene Verlassenheit geht von ihnen aus. Aber selbst dieser Hype ist keiner mehr, es gibt einfach zu viele Strände, Städte, Museen, das bisschen Gemurmel am Friedhof kann da nicht mithalten. Ein soziales Event ist es schon lang nicht mehr, das Kirchhofs-Matriarchat mit seinen Zerguttsert-Kriterien hat das Feld geräumt, die soziale Kontrolle tobt sich an anderen Hot Spots aus. Ob man hin geht oder nicht, bleibt einer selbst überlassen, es lauert nicht mehr ewige Verdammnis oder der Verstoß aus der Familienbande, die gibt es nicht mehr. Oder sie ist tolerant, flexibel, global, offen, alle sind verstreut auf der Welt wie die Asche der cooleren Toten, oder sie sind im Fitness Studio, oder es ist ihnen nicht danach. Die, die dann da sind, sind die Freiwilligen, nicht mehr die Statist_innen früherer Familienaufstellungen rund ums Grab.

Expats, Migrant_innen, Flüchtlinge, die neuen globalen Menschen, die Nomad_innen der Neuzeit. Das, was man Heimat nennt, von dem sie selber vielleicht nicht wissen, was es ist, so tief ist es in ihnen verschüttet, macht sich plötzlich bemerkbar, ein Geruch, ein Laut, eine plötzliche Leere, eine Abwesenheit, wovon? An Totengedenktagen zündet eine Migrantin mit ihren Kindern Kerzen auf verwaisten Gräbern an, sie kommt sich vor, als würde sie Tote adoptieren, eine Gedenkminute lang. Sie hat nicht nur Lebende zurück gelassen, sie hat auch Verstorbene zurück gelassen.

Die archaische Herde, die sich rituell um einen Hügel, um seine Vorgangster_innen schart, sammelt sich, ist in Touch mit ihren Wurzeln, sich selber. Das Ritual der Rückbesinnung stärkt den Zusammenhalt der Gruppe, den Einzelnen. Beinahe ein Akt des Widerstands in einer Welt, in der die Asche volatil ist wie das Kapital. Ein Kraftakt an einem Kraftort.

Michèle Thoma
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