Der Limpertsberg in der Hauptstadt ist eine begehrte Wohnadresse für EU- und höher stehende Beamte. Andere können sich das Viertel kaum leisten

Schlafstadt

d'Lëtzebuerger Land vom 17.06.2010

Schnell, schnell. Sonst kommt er zu spät. „Ich habe gleich Sport“, entschuldigt sich Eric*, als er atemlos über den provisorischen Zebrastreifen zur Sporthalle an der Victor-Hugo-Halle hastet. Seit zehn Jahren wohnt der Sekundarschüler auf dem Limpertsberg, seine Eltern, die Mutter Französin, der Vater Luxemburger, haben sich in dem Viertel der Hauptstadt ein Haus gekauft. Was er vom Bauprojekt vor seinem Lycée hält? Eric zuckt mit den Schultern. „Weiß nicht“, murmelt er. Aber einen zentralen Platz, wo er sich mit seinem Kumpels auch nach der Schule treffen könnte, findet er okay. Sonst sei im Viertel nämlich „nix los“.

Nichts los, das würde Frau G.* so nicht unterschreiben. Seit dem um die Jahrhundertwende die ersten Oberschulen auf dem Limpertsberg gebaut wurden, gehören Jugendliche zum Straßenbild dazu. Wer in dem Viertel wohnte, war bei den Pfadfindern aktiv oder traf sich zum Spielen an der nächsten Kreuzung. „Heute ist Limpertsberg noch immer ein Schulviertel, aber das übrige Leben anonymer, zurückgezogener“, meint die 60-Jährige.

Sie kennt das Viertel gut. Ihre Eltern wohnten auf dem Limpertsberg, dort ist sie aufgewachsen. „Damals gab es hier noch eine Metzgerei, zwei Bäcker und zwei Epicerien“, erinnert sie sich. Heute muss die Luxemburgerin zum Einkaufen das Auto nehmen oder 500 Meter zum nächsten Supermarkt zu Fuß gehen, was aus Zeitgründen für die Berufstätige häufig nicht in Frage kommt. Der letzte portugiesische Bäcker um die Ecke machte vor drei Jahren den Laden dicht, weil er die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Nun ist in einem Teil des Gebäudes ein Büro eingezogen.

Die Agenturen freut es, das Viertel steht unverändert hoch im Kurs. „Limpertsberg gehörte schon immer zu den begehrteren Vierteln, daran haben Verkehrsaufkommen und Schulen nichts geändert“, sagt eine Agentin in der Avenue de la Liberté. Waren es vor 50 Jahren überwiegend Händler, Handwerker und einfache Beamte, die es auf den Limpertsberg zog, so hat sich das Bild mit der Ansiedlung der europäischen Institutionen ab 1952 gewandelt: Es sind nicht mehr Luxemburger, sondern EU-Ausländer, die zuziehen. Mit über 60 Prozent Nicht-Luxemburger ist der Stadtteil nicht grad so bunt wie Bonneweg-Süd, aber bunter als Belair und Cents. Die Beamten aber kommen nicht mehr aus der Stadt, sondern zunehmend aus Belgien, Frankreich, Italien oder anderswo. Rund 44 Prozent der Limpertsberger, so die Studie Ville de Luxembourg la ségrégation à travers les mouvements migratoires des Instituts für regionale Sozialforschung von 2008, sind Beamte, gegenüber 15 Prozent beispielsweise im Pfaffenthal.

„Die Europabeamten und die Banker sind die einzigen, die sich die verrückten Preise hier noch leisten können“, ärgert sich eine Passantin. Derzeit häufen sich Schilder mit dem Verweis à vendre und à louer, von Entspannung auf dem Wohnungsmarkt kann trotz Wirtschaftskrise aber keine Rede sein. Mit Preisen für Eigentumswohnungen ab 450 000 Euro und Häusern ab einer Million aufwärts, gehört das einstige Naherholungsgebiet zu den Edel-Adressen der Stadt. Wer es sich leisten kann, lässt lieber eine Wohnung leer als mit dem Preis runterzukommen. Pokern für Reiche, nennt die Passantin das. Für ein Apartment muss, je nach Komfort und Lage, 1 400 Euro monatlich und mehr berappt werden. Das kann nicht jeder, die ziehen dann weiter nach Bonneweg oder Gasperich, wo sie ihrerseits die Einkommenssschwächeren verdrängen. Das Mieterkarussell dreht sich hier besonders schnell. Ältere Alleinstehende und Wohlhabende bleiben, Urbanisten haben ein Wort dafür: Monacoisierung.

Daraus eine besondere Nähe der Limpertsberger zur DP zu schließen, „Monaco“-DP, wie die LSAP im Wahlkampf 2004 polemisierte, wäre allerdings voreilig: In einer Analyse der Gemeindewahlen von 1987 des (Limpertsberger) Soziologen Fer-nand Fehlen beschreibt der Forscher folgendes Phänomen: Die DP hatte damals mit 37 Prozent der Stimmen vor der CSV (30,5 Prozent) und der LSAP (16,2) gelegen. Das sei bei den Nationalwahlen aber umgekehrt, meint Pierre Gehlen, Leiter des Hauptwahlbüros von 2009. Dann hätten die Christlich-Sozialen die Nase vorn.

„Der Limpertsberg war schon immer heterogen“, sagt Paul Margue. Der pensionierte Historiker war als junger Lehrer am Jongen-Lycée tätig, bevor er an das Athenäum wechselte. Sein drei Ar großes Grundstück kauften er und seine Frau 1951 – für unglaubliche 220 000 LUF. „Für mich war das damals viel Geld, betont Margue.“

Die „echten“ Limpertsberger, das seien damals Bewohner der Avenue Pasteur, der Schefferallee, der Avenue de la Faïencerie. Wer es sich leisten konnte, zog weiter nordöstlich. Die soziale Hierarchie lässt sich an den Baustilen ablesen: in der Rue d’Ermesinde, an deren Ecke sich das bis vor kurzem verloren geglaubte, heute modernisierte Café des Tramways befindet, stehen dicht gedrängte Einfamilienhäuser, westlich sind die Häuser stattlicher. „Das war damals alles Grünfläche“, erinnert sich Margue und zeigt aus dem Fenster seines Hauses. Hinter hohen Hecken hatte ein Ingenieur eine schmucke Villa gebaut, „um Ruhe zu haben“, wie Margue ironisch sagt. Heute liegt das Haus an einer von drei Haupt­verkehrsachsen: Grenzgänger, die auf den Kirchberg wollen, und Eltern, die ihre Kinder zur Schule ­bringen, kommen über den Pabeierbierg; die Buslinien 2, 4 und 19 biegen dort ab.

Die Schefferallee am Glacis ist einem riesigen Bürokomplex gewichen, in dem heute hunderte Angestellte arbeiten. Wo im Nikloseck einst Krüge knallten und Limpertsberger sich über lokalen Klatsch austauschten, sitzen nun Herren in Maßanzügen, um in durchgestyltem Designer-Ambiente mit Champagner anzustoßen. Für die anliegenden Restarants bedeutet das gute Geschäfte, für die Anrainer Parkplatzsuche und Dauerstau: Am Abend geht es für die meisten Bankangestellten mit dem Auto wieder nach Hause, nach Frankreich, Belgien oder Deutschland.

Die Sorge vor noch längeren Blechlawinen war es, warum das Limpertsberger Anwohnersyndikat sich gegen die Bankenmeile wehrte. Jeden Morgen wälzt sich ein Autokorso in Richtung Glacis und Kirchberg. Wie wird es erst werden, wenn die Wohnungen in der Rue de l’Avenir fertig sind, fragen sich manche Anwohner besorgt. Auch in der Rue Léandre Lacroix und der Avenue Joseph Sax soll neuer Wohnraum entstehen.

Das Argument der besseren Lebensqualität ist noch nicht verbraucht, wenn es auch nicht mehr so vorbehaltlos gilt. „Ich mag die Nähe zur Stadt“, sagt Rima*, „und dass die Busse alle sieben Minuten fahren“. Die Lettin und ihr englischer Freund Barnie* sind Dinks, double income no kids, und wohnen in einer Mietwohnung mit großem Garten. Barniefürchtet schlechtere Zeiten für Luxemburg. „Die Steuern werden für uns alle steigen“, prophezeit er. Die Kritik, die Regierung schröpfe vor allem die Grenzgänger, lässt er aber nicht gelten. Es zwinge sie ja niemand, im Ausland wohnen zu bleiben, dort profitierten sie zudem von niedrigeren Lebenshaltungskosten.

Neben den Dinks gibt es noch eine andere Bevölkerung, die zunehmend in den Blickfeld rückt: Rentner und Rentnerinnen, die in üppigen Häusern wohnen. Der nationale Wohnungsbericht spricht von „Versorgungsdisparitäten“ und empfiehlt der Regierung, die Bewohner mit finanziellen Anreizen dazu zu bewegen, ihre Häuser für junge Familien zu räumen. Bisher hat das CSV-Ministerium aber nichts dergleichen angekündigt. Rima und Barnie würde das ohnehin nichts nützen. Die EU- und der Bankangestellte verdienen gut. Aber ein eigenes Haus, so viel steht fest, könnten sie sich auf Limpertsberg nicht leisten. Kommt das erhoffte Kind, werden sie, wie so viele vor ihnen, umziehen müssen. Ins lebendigere Bonneweg vielleicht, oder ganz raus aus der Stadt.

Dabei schätzen sie das internationale Flair. Ein paar Freunde wohnen gleich um die Ecke. Und trotzdem verstehen sie, wenn alteingesessene Limpertsberger sich über den Wandel hin zum teuren Schlafquartier beklagen. „Jeder lebt für sich. Morgens fährt man los zur Arbeit, abends geht es heim“, bestätigt Rima. Sich im Viertel engagieren, kommt für die 34-Jährige aber nicht in Frage: „Ich spreche kein Luxemburgisch und Vereinsarbeit interessiert mich nicht“.

Auch Emanuela* aus Milano will sich erst einmal einleben. „Es gibt zu wenig Spielplätze“, findet die Mutter von zwei Kindern, die ihre Tochter in der neu eröffneten Maison relais in der Rue Willmar untergebracht hat und gerade mit ihren Kleinen Halt auf dem Spielplatz am Waassertuerm macht. Sollten sie und ihr Mann, ein amerikanischer Angestellter, in Luxemburg bleiben, will sie ihre Kinder in der nahe gelegenen Grundschule anmelden. Die wird es freuen, denn ihr gehen die Schüler aus: Die Kinder der EU-Beamten gehen meist in die Europaschule, die International School oder das Lycée ­Vauban.

Emanuela war einmal in der Sankt-Nikolaus-Kirche, um vielleicht Kontakte zu knüpfen. Die französischsprachige Messe dort gibt es seit rund 30 Jahren, seit einiger Zeit bemüht sich der Kirchenrat verstärkt um ausländische Gläubige. Mit mäßigem Erfolg, wie Pater Paul Goeres zugibt. Von den EU-Beamten sind zwar einige katholisch. Aber, da unterscheiden sich Luxemburger und Ausländer kaum, Kirche ist nicht mehr angesagt. Vorbei sind die Zeiten, in der die Pfarrei den Kitt der Limpertsberger Gesellschaft bildete und sich regen Besuchs erfreute. Sogar das traditionelle Fest der katholischen Guiden a Scouten lockte vergangenes Jahr außer den Pfadfindern und Freunden nur eine Handvoll Neugieriger. Der renovierte Auguste-Laurent-Platz mitsamt Kinderspielecke soll Aktivitäten wie diese im alten Glanze erstrahlen lassen. Ob dann wieder richtig was los ist?

* Die Namen sind der Redaktion bekannt
Ines Kurschat
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