Arlon is Punk

d'Lëtzebuerger Land vom 17.08.2018

Punk is not dead – aber wohl hinkt er. Könnte meinen, wer am Dienstagabend sich nach Arlon ins Entrepot am Bahnhof begeben hat, um dort das Summer End Punk Festival mit ordentlich Bier und Dezibel zu feiern. Die angereisten Fans sehen aus, als hätte ein Punker-Altersheim einen Ausflug gemacht: Ältere Männer mit schlohweißen Bärten, Frauen mit hennarot-gefärbten Haar, zwei am Stock. Ältere – meint nicht etwa die Gruppe der Berufsjugendlichen ab 30 plus, die sich im öffentlichen Raum sonst so peinlich aufdrängen, sondern 50 Jahre und älter. Sie machen das Gros der Besucher aus.

Jede Subkultur hat ihre eigenen Erkennungszeichen und Codes. Bei Punks darf auf keinen Fall das schwarze T-Shirt mit Motiv der Lieblingsband fehlen, in dieser Altersgruppe wahlweise UK Subs (40 Jahre dabei), Sex Pistols (Sänger schon tot) oder Bad Religion (getrennt und wieder vereint). Und weil man nichts mit rechten Skins oder Nazischweinen am Hut hat, taucht an der Klamotte irgendwo das Anarcho-A auf. Es ist bemerkenswert, wie das Genre, das sich als antibürgerliche Protestform gegen die westliche Wohlstandsgesellschaft per se versteht, seine Rituale, Reliquien und Gewohnheiten so liebevoll pflegt wie die katholische Kirche.

Da sind die Fetischisten, die Stunden vorm Spiegel verbringen, um ihren Irokesen auf pieksige Höhe zu trimmen, die mindestens drei Nietengürtel zu gepiercten Ohren und Mund tragen. Oder der hübsche Herr im Schottenrock, mit D.I.Y. (Do it yourself)-Tattoo im Nacken und kunstvoll gezwirbeltem Bart. Nicht in Kaiser-Wilhelm-Manier, das wäre rechts, sondern raffinierter in Shaolin-Stil (steil und spitz). Das Kopfhaar darf verwuschelt und strähnig sein – wenn noch etwas da ist. Die Punker im fortgeschrittenen Alter sehen auf dem Kopf aus wie Brian aus Das Leben des Brian von Monty Python. Die sind auch irgendwie punk.

Hier wird der Poor Look hochgehalten, nicht zu verwechseln mit dem Pure Look der Autonomen oder der Mods, die in der Retro-Version immer noch aussehen wie aus dem Ei gepellte dauerdeprimierte Mittelstandssöhne, die statt Scooter heute Mini fahren. Dass es auch bei den Punks mit der Arbeiterklasse außer zerschlissener Workwear nicht weit her ist, sieht man am Fuhrpark, der zum Konzert vorfährt: Golf, Volvo, Mercedes-Van. Die anderen kommen zu Fuß.

Einige verdächtige Vögel sind nicht in klassischer Punk-Montur aufgetaucht. Sie stehen im Abseits. Wie der kleine Hans auf dem Schulhof, der wegen seiner Zahnspange keine Freunde findet. Oder Laura, die neu ist und die Codes nicht kennt und sich deshalb unbeholfen in die Unsichtbarkeit drückt. Nur dass Hans und Laura schon längst im Rentenalter sind. Sie können auch nicht mehr Pogo tanzen, lieber wird das schütterne Haupt geschüttelt. Besonders Verwegene springen in die Luft.

Die paar jungen Punks haben den Habitus offensichtlich von den Eltern erlernt, manche sind sogar mit Mutter und Vater angereist. Es fragt sich: Wenn schon die Eltern die Wangen zerstochen, Drogen genommen, Häuser besetzt und Arbeit verweigert haben, wenn H & M den Poor Look von der Stange verkauft, was bleibt der Jugend noch zur Rebellion? Das Feuilleton schwafelt von Normcore der heutigen Teenager, akzentuierte Normalität. Wenn Abgrenzung zur Selbstfindung nicht mehr taugt, warum nicht gleich die Erwachsenen kopieren?

Dass der Habitus mühsam erlernt werden muss, und es nicht mit einem T-Shirt und zerfetzter Hose getan ist, belegen die zwei Luxemburger, die es an den Abend nach Arlon verschlagen hat: „Wat mengs de? Wir déi Al net eppes fir Dech?“, lästert der verschwitzte Teenie mit Baseballkappe dem Nachbarn ins Ohr und merkt gar nicht, dass ihn die Umstehenden böse taxieren. Der Dreikäsehoch hat nichts verstanden: Die „Alte“ auf der Bühne ist Veronica Märtinez, Sängerin von Frau Blücher and the drünken horses, und ist mit ihrer gelben Riesenschleife in der dunklen Mähne mindestens 40 Mal so cool wie das junge Pickelgesicht mit schwerem Bieratem.

Denn Punks mögen dem Establishment den Mittelfinger und andere nackte Körperteile zeigen, Manieren haben die meisten wohl. Zotige Altherrenwitze sind jedenfalls verpönt: Punkmusik mit politischer Attitüde ist spätestens seit Auftauchen der Riot Grrrls auch feministisch unterwegs. „Is my pen a penis?“, fragt Blücher-Frontfrau Märtinez ironisch. „Now it’s ladies first!“, stellt wenig später Lauren Tate von Hands off Gretel fest. Beim Line-up an diesem Abend können sich Musikveranstalter der Großre-gion in Sachen Gender eine Scheibe abschneiden: zwei Männer- und drei Frauenbands. Und mit Hands off Gretel und den Schwestern von Maid of Ace zwei von jungen Frauen geführte Bands, die dafür sorgen werden, dass Punk weiterhin eine Zukunft hat.

Ines Kurschat
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