Berufsausbildung in der Logistikbranche

Rosige Aussichten

d'Lëtzebuerger Land du 25.01.2007

Von Null auf hundert. Wer vor wenigen Jahren nach der Schule einen Beruf in der Logistikbranche erlernen wollte und darunter mehr verstand als das Be- und Entladen tonnenschwerer LKWs, schaute in die Röhre. Obwohl der Logistikmarkt im Zuge der Globalisierung europaweit seit Jahren boomt - einer aktuellen Studie zufolge zählt die Logistikwirtschaft beim deutschen Nachbarn mit 170 Milliarden Euro zum drittgrößten Wirtschaftssektor, im französischen Großraum Île-de-France liegt Europas größter Logistikflächenmarkt. - Im Luxemburger Ausbildungswesen war davon nichts zu sehen. Jugendliche, die sich für Lagerung, Verteilung und Transport von Gütern, aber auch für Verwaltung und Organisation interessierten, mussten sich entweder als Lagerist bewerben und hoffen, als Quereinsteiger in die tieferen logistischen Geheimnisse der Firma eingeweiht zu werden, oder sich im Ausland ausbilden lassen.

Damit ist jetzt Schluss. Seit Sommer vergangenen Jahres gibt es erstmalig auch in Luxemburg die Möglichkeit, sich zum Fachlogistiker oder zur Fachlogistikerin ausbilden zu lassen. 19 Mädchen und Jungen haben die dreijährige CATP-Ausbildung am Lycée technique Bonnevoie (LTB) angetreten. "Der Bedarf war eigentlich schon länger erkannt, aber erst nach der Studie der Handelskammer haben wir mit den konkreten Vorarbeiten begonnen", erinnert sich LTB-Lehrer Georges Beck, der gemeinsam mit dem Kollegen Alain Kieffer für den theoretischen Teil der Ausbildung verantwortlich ist. In ihrer Untersuchung vor knapp drei Jahren hatte die Handelskammer nicht nur festgestellt, dass in Luxemburg durchaus Nachfrage nach Fachpersonal im Logistikbereich besteht. Es erklärten sich zudem mehrere Betriebe bereit, eine Berufsausbildung im Logistikbereich zu unterstützen und dafür auch Ausbildungsplätze bereitzustellen. Flugs bildete sich eine Arbeitsgruppe, bestehend unter anderem aus Vertretern der Initiatoren-Betriebe Cactus, Husky Injection Molding Systems, der Luxair, sowie der Handelskammer und des Unterrichtsministeriums. Ihre Aufgabe war es, zu ermitteln, was genau sich die verschiedenen Betriebe von einer Logistikausbildung erwarten, und daraus ein Konzept für das duale System zu entwickeln. Reisen ins nahe gelegene Ausland (Deutschland und die Schweiz) schlossen an.

Im Sieben-Millionen-Einwohnerstaat wurde man dann fündig: Die Schweizerische Vereinigung für die Berufsbildung in der Logistik (SVBL) stellte den Luxemburgern ihre Unterlagen und Lehrbücher zu deren dortiger Ausbildung zum Logistikassistenten zur Verfügung. "Die Schweizer waren für uns exzellente Partner, denn sie arbeiten ebenfalls zweisprachig. Wir haben praktisch sämtliche Unterlagen von ihnen übernehmen können", freut sich Georges Beck. Nach rekordverdächtigen zwei Jahren Vorbereitungszeit konnte Unterrichtsministerin Mady Delvaux-Stehres Ende April 2006 die neue Ausbildung zum Fachlogistiker (Gestionnaire qualifié/e en logistique) der Öffentlichkeit vorstellen.

Die Schweizer waren aber auch darüber hinaus eine große Hilfe, denn weder Beck noch sein Kollege sind vom Fach. Vor allem über Gespräche mit den schweizerischen Kollegen, mit Kennern aus der Branche in Luxemburg und schließlich durch die Lektüre entsprechender Fachliteratur haben sich die beiden das nötige Know-how angeeignet. Alain Kieffer hat immerhin berufliche Erfahrungen im Bereich der Entsorgungswirtschaft, die er nun auch im theoretischen Teil der Ausbildung einbringt. Wie gefährliche Stoffe, so genanntes Gefahrengut, richtig gelagert und fachgerecht entsorgt werden, ist einer von neun Themenschwerpunkten der Ausbildung. Die anderen sind Produktion, Distribu-tion, Lagerung, Transport, Sicherheit und Umwelt, Kommunikation und Informatik sowie Kundendienst. Letzterer wird bei den meisten Logistikanbietern groß geschrieben, denn die Arbeit des Logistikers besteht in erster Linie aus Kontakt mit wechselnden Kunden. Nicht introvertierte Spezialisten, sondern kommunikationsfreudige, flexible und stressresistente Allrounder sind gefragt.

"Teamfähigkeit, Konfliktmanagement und Kommunikation sind enorm wichtig", sagt Walter Berettini von Husky Injection Molding System. Die luxemburgische Niederlassung des kanadischen Anbieters von Spritzgießsystemen mit Sitz in Bettemburg bildet zurzeit vier Fachlogistiker aus. Es könnten noch mehr werden. "Die Nachfrage nach geeigneten Fachkräften steigt, nicht nur bei uns", ist sich Berettini sicher. Nicht zuletzt vom Logistikzentrum, das die Regierung zur Diversifizierung der Luxemburger Wirtschaft in Bettemburg auf dem ehemaligen WSA-Gelände plant, erhofft sich die Branche einen neuen Schub. Einer Studie der Ratingagentur Moody's and Standard [&] Poor von 2005 zufolge hatten in den vergangenen Jahren die Beneluxstaaten, eigentlich Vorreiter bei Logistikdienstleistungen, zugunsten anderer Länder, wie Deutschland, kräftig Federn lassen müssen. Rund zwei Jahre ist es her, dass die Deutsche-Post-Tochter DHL entschied, ihre Europazentrale für Expressdienst-Logistik von Brüssel ostwärts nach Leipzig zu verlegen.

Die angehenden Fachlogistiker bei Husky, Cactus, Panalpina und anderswo lernen aber nicht nur Gabelstapler fahren und wie man Frachtscheine korrekt ausfüllt. Das A bis Z des Gütertransports zu kennen, bedeutet auch, unzählige Bestimmungen von Zoll und Lagerung tagtäglich anzuwenden. Touren müssen geplant und Lieferungen punktgenau berechnet werden - damit möglichst keine Umwege gefahren werden und der vorhandene Lagerplatz in LKW und Halle optimal ausgelastet wird. "Für den Schüler heißt das, die ganze Kette zu kennen: von der Produktion über die Lagerung und den Transport bis hin zum Verkauf", sagt Benoît Majerus. Der Verantwortliche der Cactus-Logistikabteilung in Windhof hat einen Lehrling eingestellt, "mehr ist für den Anfang nicht drin". Dem 18-jährigen Kevin Drui gefällt an der Arbeit vor allem ihre Vielseitigkeit und der "Kontakt mit den Kollegen", Pluspunkte, die auch sein Klassenkamerad David Boccaperta als Hauptmotive für seine Bewerbung bei Husky nennt.

Doch nicht alle sind von der neuen Ausbildung überzeugt. Die klassischen Logistikfirmen Post und Bahn, die in der Schweiz die größten Nachfrager der Logistikausbildung stellen, bieten in Luxemburg bisher keine Ausbildungsplätze an. Dass die CFL Cargo nicht mit von der Partie ist, hat aber nur teilweise damit zu tun, dass sich das neue Tochterunternehmen der CFL noch im Aufbau befindet. "Ich wüsste gar nicht, wo wir einen CATPisten gebrauchen könnten. Der wäre doch höchstens für Hilfsarbeiten einzusetzen", wehrt Jean Kraus aus der Personalabteilung von CFL Cargo ab. In der Tat verzeichnet die Logistikwirtschaft im deutschsprachigen Ausland längst einen starken Trend hin zur Höherqualifizierung. Die größte Lücke, das stellte jüngst eine Studie fest, klaffe bei den höher qualifizierten Fachkräften. "Logistik und Wirtschaft", "Materialwirtschaft und Distribution" oder "Logistikmanagement" heißen die Studiengänge in Berlin, Köln oder München. So groß ist der Personalmangel, dass deutsche Logistikunternehmen wie die westfälische Rhenus AG lernwillige Nachwuchslogistiker mit Stipendien für ein Logistikstudium zu locken versuchen. Besonders gesucht sind in der Branche internetversierte Logistiker. Die Schweiz hat vor kurzem einen weiteren Ausbildungsgang ins Leben gerufen: der Logismatiker beziehungsweise die Logismatikerin soll gemeinsam mit anderen IT-Spezialisten logistikbezogene Anwender- Software entwickeln und testen.

Vor diesem Hintergrund klingt die vom linken Internet-Newletter goosch.lu geäußerte Kritik, nur Schüler mit bestandener 9e polyvalente seien zur luxemburgischen Fachlogistiker-Ausbildung zugelassen, während Schüler der 9e pratique oder der 9e modulaire leer ausgingen, zunächst etwas weltfremd. Die Schweizer Post zeigt aber, dass es auch anders geht. Mit ihrem zweijähriger Ausbildung "Logistikpraktikerin/Logistikerpraktiker" richtet sie sich ausdrücklich an Schulabgänger, die "aufgrund von Lernschwierigkeiten oder aus anderen Gründen keine drei- oder vierjährige Lehre absolvieren können". Einsatzbereiche sind das Brief- oder Paketzentrum, wo die Absolventen dann einfachere Arbeiten wie das Sortieren von Briefen übernehmen.

Für Luxemburg sind derlei Überlegungen noch Zukunftsmusik, obschon mit der Reform der Berufsausbildung eine mit Modulen bis zur Zulassung zum Hochschulstudium erweiterte Logistikerausbildung denkbar wäre und der beigeordnete Direktor des LTB, Jean-Marie Wirtgen, einen Technikerabschluss begrüßen würde. "Wir müssen erst einmal die erste Generation erfolgreich unterbringen", sagt Beck. An guten Aussichten dafür mangelt es jedenfalls nicht.

Ines Kurschat
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