Manfred Howey ist Schausteller in der dritten Generation. Seit 36 Jahren tourt er mit dem Happy Sailor von Volksfest zu Volksfest

Eine Seefahrt, die ist lustig

d'Lëtzebuerger Land du 22.08.2014

Montag, 15 Uhr. Auf dem Glacis heben Kräne schwere Teile, Lastwagen manövrieren in Zeitlupe zentimetergenau durch die engen Budengassen, piepen im Rückwärtsgang. Osteuropäische Arbeiter, in Kletterausrüstung gesichert, schlagen in luftiger Höhe Bolzen ein, während andere am Boden mit dem Maßband den Stellplatz ausmessen und Keile setzen. Kilometer an Stromkabeln und Wasserleitungen werden verlegt und angeschlossen. Am Happy Sailor werden Springbrunnendüsen entkalkt, die Rahmen der sternförmigen LED-Lichter werden neu lackiert, ein Goldstreifen aufgetragen. „Bitte! Mein Geschäft ist noch jung mit 36 Jahren“, sagt Manfred Howey spöttisch entrüstet auf das Alter seines Karussells angesprochen. Er selbst ist 71. „Ich fühl‘ mich auch noch nicht alt.“ Howey, sportlich elegant gekleidet, im leichten kamelfarbenen Wollpullover, einen feinen Schal um den Hals geknotet – die Mikrofondurchsagen strengen die Stimmbänder an – begann seine Schaustellerkarriere mit 16.

Zehn Tage hat die Happy-Sailor-Mannschaft bei der Schobermesse Zeit für den Aufbau. Das ist großzügig. Zwei Tage sind das Minimum, das Howey und seine Männer brauchen. Nach der Schobermesse kommt der schnellste Umzug dieses Jahr: 40 Stunden, um in Luxemburg abzubauen und zur Eröffnung des Wurstmarktes in Bad Dürkheim mit rheinland-pfälzischen Politikgrößen genau neben seinem Stellplatz „spielfertig“ zu sein. „Das haben wir bereits zweimal geschafft. Auch mit gewaschenem Fußboden und gelederten Chaisen. Aber wir müssen richtig ochsen.“ Deshalb nutzt Howey die Zeit in Luxemburg, um Wartungsarbeiten durchzuführen und Reparaturen vorzunehmen. Am Montagnachmittag bauen seine Mitarbeiter einen Teil der bereits montierten Oberlichter wieder ab. Der Chef ist nicht amüsiert. Vergangenes Jahr hat er mehrere tausend Euro in die LED-Ausstattung investiert, aber das Licht läuft nicht im Kreis ums Karussellinnere wie es soll, sondern ist statisch. „Chinesische Ware.“ Deshalb fährt sie einer seiner Mitarbeiter zum Austauschen nach Oberhausen. Am Donnerstag sollen sie zurück sein, um rechtzeitig für die Eröffnung am Freitag eingebaut zu sein. Howey sucht nach den richtigen Fahrzeugpapieren – die Flotte zählt fünf überlange Transporter –, zahlt Tankgeld aus, gibt Fahranweisungen, „gegenüber von dem großen Mercedes-Händler“. Den Stadtplan von Oberhausen hat er anscheinend auswendig im Kopf. Die der anderen zwölf bis 14 Städte, auf deren Volksfesten der Happy Sailor jedes Jahr präsent ist, wahrscheinlich auch.

Acht feste Mitarbeiter beschäftigt Manfred Howey, der dienstälteste von ihnen ist seit 25, der Vorarbeiter seit 15 Jahren dabei. Der Vorarbeiter verfügt über seinen eigenen Wohncontainer, die anderen sieben Beschäftigten teilen einen Wohnwagen. Acht Mitarbeiter seien vergleichsweise viel für ein Fahrgeschäft dieser Größe, bemerkt der Chef. Aber der Happy Sailor sei sehr pflegeintensiv. Die 20 Gondeln in Form von Segelbooten, die verchromten Teile, sagt Howey, müssten jeden Tag gepflegt werden. Im Innern des Karussells zwischen Meerjungfrauen und Piraten gibt es einen Springbrunnen, der den Fahrgästen einen leichten Wasserfilm ins Gesicht sprüht. „Ein bisschen Gischt erfrischt, sagen wir.“ Aber die Gischt greift auch die Verchromung an, daher der tägliche Einsatz. Der Arbeitstag auf der Kirmes beginnt gegen acht, auch wenn die Geschäfte meist erst gegen 14 Uhr für den Betrieb öffnen. Jeder Mitarbeiter hat sein Ressort, Gondeln prüfen, Chaisen wischen, Kassen putzen, Springbrunnen einstellen, Lichter checken. Tägliche Einträge ins Wartungsbuch. „Safety first, sagt der Amerikaner.“ Howey auch. Dieses Jahr wurde der Happy Sailor fünfmal vom Tüv abgenommen. Das kostet, aber das stört den Schausteller nicht. Im Gegenteil. Seine Fahrgäste sollen die Gewissheit haben, dass alles sicher ist. „Die Eigenverantwortung dafür nimmt uns keiner ab.“ Dass alles stimmt, ist Howey wichtig. „Sauberkeit und Akkuratesse habe ich schon in der Muttermilch mitbekommen“.

Manfred Howeys Mutter ist auch nach ihrem Tod sehr präsent in seinem Leben. In seinem Wohnwagen, eine Spezialanfertigung, 30 Quadratmeter Wohnfläche, serviert Manfred Howey Mineralwasser in verzierten Bechern auf Untersetzern und Macadamianüsse – „Essen Sie, das ist gut für die Nerven“–, in einer Lalique-Schale mit Silberlöffel, darauf ein Segelmasterdetail. Von der Wand blickt die Mutter aus dem mit schwarzer Schleife geschmückten Ölportrait und aus Fotos heraus. Der kleine Mischlingshund Amor, der den Wohnbereich knurrend verteidigt, hat ihr gehört. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, er ist an der Front gefallen. Manfred Howey ist Schausteller in der dritten Generation. Die Großeltern mütterlicherseits stammen aus der Eisdynastie Manke, verkauften ab 1920 mit einem Karren auf der Straße Eis. Eisspezialitäten von H. Manke & Sohn verkaufen die Nachkommen auch heute noch auf norddeutschen Volksfesten. Väterlicherseits geht die Schaustellertradition bis zum Anfang des 19. Jahrhunderten zurück. Die Familie betrieb ein Dampfkarussell mit Pferden und Gondeln. „Später haben sie das einmal in eine Raupe umgebaut, mit Verdeck. Das ist so ein Tunnel, wo die Fahrgäste dann eine Minute im Dunkeln knutschen können“, lacht er.

Dass Karussellfahren eine Erfahrung sein soll, die alle Sinne reizt und Sehnsüchte weckt, sagt Howey nicht direkt. Aber es ergibt sich aus der Summe seiner norddeutsch faktuellen Aussagen. Der Happy Sailor ist sein ganzer Stolz. Das Fahrgeschäft ist eine Spezialanfertigung der Firma Mack aus Waldkirch im Breisgau, die vor 230 Jahren mit dem Bau von Fuhrgeschäften begann, heute Achter- und Wasserbahnen herstellt und den Europapark in Rust betreibt. Als es gebaut wurde, war Howey mit den Mitarbeitern selbst 13 Wochen in der Fertigungshalle vor Ort, um sich in die Technik „reinzufuchsen“. Er legt selbst Hand an, wenn nötig. Gebaut wurde das Karussel als „Seesturmbahn“. Den Namen fand Howey so „hausbacken“, dass er es sofort in Happy Sailor umtaufte. Happy Sailor klingt nach großer Seefahrt, fremden Ländern und Exotik. 1,25 Mil­lionen D-Mark kostete die Seesturmbahn 1979, damals eine Stange Geld. Im Schnitt investiert Howey 100 000 Euro im Jahr. Über 70 000 einzelne Leuchtioden funkeln am Happy Sailor. Die Bugfiguren, die das Geschäft außen dekorieren – verschiedene davon spucken Wasser –, hat er nach tatsächlichen Vorbildern anfertigen lassen. Die Laternen sind in Glitzer-Optik, „in Swarowsky-Look“ lackiert. Ein Kleinmädchentraum. Ins Stoffdach sind Seefahrtmotive eingenäht, die ursprünglich weißen Segel der Schiffsgondeln hat er durch farbige ersetzen lassen – „das beschäftigt das Auge während der Fahrt“. Die Gondeln selbst tragen Namen, wie „Nina“, „Ralf“, „Anny“, was die Ninas, Ralfs und Annys beim Vorbeispazieren zur Mitfahrt animiert. Acht drei Viertel Umdrehungen pro Minute macht der Happy Sailor. „Das ist eine angenehme Karussellfahrt für alt und jung“, sagt Howey über die Geschwindigkeit. Italienische Musik spielt er dazu, Latino-Rhythmen. Im WM-Jahr gerne auch brasilianische Klänge. „Und natürlich Atemlos, von der schönen Helene. Da singen alle mit. Den Text kann jeder. Sie ist ja auch eine todschicke Frau, die Helene Fischer.“ Der Einsatz zahlt sich aus. „Dieses Jahr hab ich den Award als bestes Fahrgeschäft auf der Cranger Kirmes bekommen.“ In Internetforen loben Volksfest-Enthusiasten die detailreiche Verzierung und dass das Karussell aussehe, als komme es frisch aus der Fertigungshalle.

Wie viel Umsatz er macht, will Howey nicht verraten. „Kosten fallen jährlich zwischen 480 000 und 490 000 Euro an“, erklärt er stattdessen. Früher betrieb seine Mutter ihr Karussell, er parallel seines. Mal auf der gleichen Kirmes, mal auf verschiedenen. Als die Mutter und Geschäftspartnerin krank wurde, verkauften sie das zweite Geschäft. „Der Stress war zu groß.“ Das ständige Hin- und Herfahren, um den gleichzeitigen Auf- und Abbau in unterschiedlichen Teilen Deutschlands zu überwachen, wurde Howey zu viel. „Die Verantwortung dafür wollte ich nicht an Fremde abgeben. Wegen der Sicherheit. Da muss man selber das Kreuz für hinhalten.“ Ein größeres, „spektakuläreres“ Geschäft wollte er nie anschaffen. „Diese extremen Fahrgeschäfte haben ja das Problem, dass sie von der Attraktivität her kurzlebig sind. Schneller, höher, weiter. Wenn man da erst mal drin ist, hat man das eine Geschäft noch nicht bezahlt und muss das andere schon wieder kaufen. Daran sind schon manche Schausteller finanziell in die Knie gegangen.“ Mit seinem Happy Sailor, der das Familienpublikum anspricht, hatte er „immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel“.

Dass er finanziell auskommt, gibt er ohne falsche Scham zu. „Ich hab ja die Handelsschule besucht.“ Er führe ein „gutbürgerliches“ Leben. Eine „Villa an der Côte d’Azur und eine Yacht davor“ gehöre dazu nicht. Für den Stellplatz in Luxemburg zahlt er rund 5 500 Euro, und noch einmal rund 1 200 Euro für die Werbung. Ein Preis, der für 20 Tage „Ok“ ist, findet er. Sein Stellplatz auch. An einer Gassenecke gelegen, gibt er an drei Seiten freie Sicht auf das Karussell, an der zentralen Gasse gibt es viel Durchlaufverkehr. Ein anderer Veranstalter, der ihn für höheres Standgeld am Ende einer Sackgasse platziert hatte, hat Post vom Anwalt erhalten.

Howey mietet in seiner Heimatstadt Bremen, wo er stationär die Schule besuchte, bevor die Mutter den drängelnden Sohn mit 16 endlich voll ins Geschäft einsteigen ließ, für den Winter eine 1 000 Quadratmeter große Halle in der Nähe seiner Wohnung. Während zehn Tagen bauen er und die Mitarbeiter dort im Herbst den Happy Sailor für den Bremer Weihnachtsmarkt um, statt Gischt und Meerjungfrauen gibt es dann den Weihnachtsmann auf seinem Rentierschlitten, statt Papageien, Piraten und Hula-Mädchen musizierende Engelchen. Der Bremer Weihnachtsmarkt, der am 23. Dezember endet, ist die letzte Station der Saison. Auf die Weihnachtsdekoration ist Howey besonders stolz. Er liebt das Weihnachtsfest. „So wie alle Schausteller“, sagt er, „weil es das einzige Fest ist, an dem wir zuhause sind.“ Heiligabend feiert er allein, obwohl ihn Freunde und Bekannte immer wieder einladen. Nach dem Abbau zahlt er die Mitarbeiter aus, holt das Essen beim Feinkosthändler ab, geht zum Friedhof. Dann legt er sich auf die Couch und macht Mittagschlaf. „Darauf freue ich mich das ganze Jahr“, sagt er mit Nachdruck und macht eine ausladende Geste, die den Wohnwagen, den Rummel, auf dem er steht, die Geschäftigkeit, den Lärm mit einbegreift, der dort herrscht. „Das kann ich ja sonst nie machen, wenn wir unterwegs sind.“ Je nachdem, wie Ostern fällt, sind er und seine Mitarbeiter zwei bis drei Monate zuhause bei Freunden und Familien. Richtig Urlaub haben sie ungefähr vier Wochen. Für die Osterkirmes, die karfreitags eröffnet, ist der Happy Sailor wieder spielfertig. Dazwischen wird er in der Halle einmal in alle Einzelteile zerlegt und von Grund auf durchgecheckt und frisch lackiert.

An die Rente denkt Manfred Howey nicht. Bis 79 will er weiter machen. Dann aufhören und „noch einmal richtig Gas geben“. Was er darunter genau versteht? „Ein paar schöne Reisen zum Beispiel.“ Wohin weiß er noch nicht so genau. Das soll das letzte Mal sein, dass er unterwegs ist. „Mit 80“, sagt er, „möchte ich sterben.“

Michèle Sinner
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