Der Notfallplan für Cattenom wird überarbeitet. AKW-Gegner sehen darin eine Verharmlosung, Katastrophenschützer eine Pflicht

Schwieriger Schutz

d'Lëtzebuerger Land vom 22.08.2014

In einer Woche, am 30. August, läuft die Frist ab. Nach zweimaliger Verlängerung geht die Online-Petition gegen die Verlängerung der Laufzeiten des französischen Atomkraftwerks (AKW) Cattenom dem Schlussspurt entgegen. Rund 2 250 Unterstützer hat die Unterschriftenaktion bisher sammeln können – und ist damit trotz Sommerpause eine der populärsten der vergangenen Monate. Ebenfalls nach der Sommerpause wird sich die Regierung mit Cattenom beschäftigen. Am 18. Juli, kurz vor den Ferien, hatte Staatsminister Xavier Bettel beim Pressebriefing angekündigt, dass die Cellule de crise, der Krisenstab bei Nuklearkatastrophen, reorganisiert würde. Die bürokratisch klingende Änderung steht in engem Zusammenhang mit dem neuen Notfallplan für Atomunglücke, an dem schon die Vorgängerregierung feilte und der im Herbst fertiggestellt werden soll.

Nach Fukushima wurden EU-weit die nationalen Atommeiler per Stresstest unter die Lupe genommen. Die Stresstests wurden unter viel Anteilnahme der Bevölkerung durchgeführt, mit dem bekannten Ergebnis, dass die französische Atomaufsicht Cattenom wie auch den 57 weiteren französischen Atommeilern bescheinigte, weiter betrieben werden zu können – eine Einschätzung, die die Regierungen in Deutschland und Luxemburg zurückweisen. Weniger bekannt ist, dass etwa zur selben Zeit in vielen europäischen Ländern Vorbereitungen anliefen, um den Schutz der Bevölkerung im Falle eines schweren Atomunglücks zu überdenken. Der Prozess zieht sich in die Länge: In Deutschland zog die von der Bundesregierung eingesetzte Strahlenschutzkommission erst in diesem Frühjahr, fast drei Jahre nach dem Unglück im japanischen Kernkraftwerk Fukushima 1, offiziell Lehren aus Fukushima. Ihr Bericht sieht verschärfte Vorgaben für den Katastrophenschutz im Falle eines Reaktorunfalls vor. Die Hauptmaßnahmen sind dieselben: Zuflucht in Gebäuden, die Einnahme von Jod, damit der Körper kein radioaktives Jod aufnimmt, und die Evakuierung der Bevölkerung, um diese aus der radioaktiv verseuchten Gefahrenzone zu bringen. Allerdings, so die Empfehlung der Strahlenschützer, müssten die Sicherheitszonen um die AKWs vergrößert und auch die Jodversorgung verstärkt werden.

Das klingt zunächst nicht nach viel. „Für uns bedeutet eine Verdoppelung der Sicherheitszonen eine Vervierfachung der Fläche und mehr Menschen, die wir in unserem Katastrophenschutz berücksichtigen müssen“, verdeutlicht Volker Meyer, bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Rheinland-Pfalz zuständig für die Notfallplanung rund um die Kernkraftwerke Biblis, Philippsburg und Cattenom den logistischen Kraftakt. Die Pfälzer sind dabei, die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission umzusetzen. „Das geht nicht von heute auf morgen. Es müssen viele Faktoren berücksichtigt werden“, gibt Meyer zu bedenken.

Neben den Katastrophenschützern von Polizei, Feuerwehr (in Luxemburg Protection civile), Krankenhäusern und Radiologen sind auch Verkehrs-, Wasserschutz- und Lebensmittelexperten in die Planungen einbezogen. In Arbeitsgruppen wird über mögliche Krisenszenarien und ihre Auswirkungen auf Transport- und Fluchtwege, medizinische Hilfe sowie Trinkwasser- und Lebensmittelversorgung beraten. „In Luxemburg läuft das Grundwasser von Norden nach Süden. Wenn aber die Mosel verseucht würde, können wir nur wenig machen“, sagt Jean-Paul Lickes, Direktor vom Wasserwirtschaftsamt.

Rheinland-Pfalz hätte, was Cattenom betrifft, Glück im Unglück: Im Nahbereich von 20 Kilometern wären im Falle eines schweren Reaktorunfalls bei Cattenom nur knapp 2 400 Menschen zu evakuieren. Im acht Kilometer entfernten Thionville wären es über 50 000. „Wir gehen über die Bundesanforderungen hinaus und ziehen den Radius bei 25 Kilometern“, so Meyer. Um die Bevölkerung im Katastrophenfall künftig im Umkreis von 100 Kilometern statt wie bisher 50 Kilometern mit Jodtabletten zu versorgen, würden gegenwärtige Bestände neu erfasst und geprüft, ob neues Jod hinzugekauft werden soll – und wie viel. „Das kann dauern“, sagt Meyer.

Die Luxemburger Strahlenschutzkommission hat keine eigene Post-Fukushima-Expertise durchgeführt, doch auch hierzulande werden bestehende Notfallprozeduren überdacht und reorganisiert, dies teils in enger Zusammenarbeit mit den Nachbarn jenseits der Grenzen. Dabei werden die Erfahrungen aus den grenzüberschreitenden Reaktor-Katastrophenschutzübungen von den vergangenen zwei Jahren berücksichtigt. Noch sind keine Details bekannt, aber Patrick Breuskin von der Strahlenschutzkommission sagte dem Land, unter anderem werde es Änderungen bei der Jodversorgung geben. Diese hatte in der Vergangenheit für Negativschlagzeilen gesorgt, weil etwa Bestände nicht aktuell waren oder nicht immer eindeutig war, wo die Tabletten gelagert waren. Künftig soll das straffer organisiert werden. Dass die jeweiligen Länder trotz EU unterschiedliche Sicherheits- und Gesundheitsstandards haben, macht die Arbeit der Planer nicht leichter. Anders als in Deutschland, wo nur Personen zwischen null und 45 hoch dosierte Jodtabletten einnehmen sollen, sind die Jodbestände in Luxemburg für eine Vollversorgung angelegt.

Das war eine von mehreren Erkenntnissen der Katastrophenschutz-Übungsreihe, die Belgien, Deutschland und Frankreich gemeinsam durchgeführt hatten: Unterschiedliche Bestimmungen in den jeweiligen Ländern, wer wie viel Jod bekommt, erschwerten die Abstimmung und Koordination; im Falle eines Gaus, eines größten anzunehmenden Unfalls, könnten sich die Verantwortlichen Unklarheiten auf keinen Fall nicht leisten. In Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass der Katastrophenschutz föderal organisiert ist, für die Strahlen-Nachversorgung aber der Bund zuständig ist. Was bedeutete, dass bei der Übung in Frankreich im vergangenen Jahr neben Pfälzern und Saarländern Vertreter der Bundesministerien in den Übungsteams saßen. Dass mitten in einem Katastrophenszenario die Einsatzleitung ändern würde, kritisieren auch deutsche Experten. Wegen einer neuen Vorschrift auf EU-Ebene könnte dies jedoch bald der Vergangenheit angehören.

In der Großregion kommt ein anderes Problem hinzu: die Sprache. Französisch und Deutsch gelten beim Reaktor-Katastrophenschutz in der Großregion als Verkehrssprache. In Luxemburg sind die Verwaltungen auf ihre Mehrsprachigkeit stolz, bei grenzüberschreitenden Telefonkonferenzen fungieren die Luxemburger Strahlenschützer schon mal als Übersetzer, berichtet Patrick Breuskin. Das Saarland hat einen Übersetzungsdienst eingerichtet, um amtliche Anweisungen und technische Daten binnen Stunden aus dem Französischen übersetzen zu können. Rheinland-Pfalz hat sich dem Dienst angeschlossen. Für den Ernstfall steht zudem ein Pool von französischsprachigen Freiwilligen zur Verfügung, die im Katastrophenfall übersetzen sollen. „Das sind aber keine ausgebildeten Radiologen”, gibt Meyer zu.

Doch kann selbst der ausgeklügelste Notfallplan bei einer Kernschmelze wie in Fukushima echten Schutz bieten? Elisabeth Quaré vom Anti-Atom-Netz Trier verneint dies ausdrücklich: „Die Evakuierungsradien wurden erweitert. Das kann man als ein Fortschritt sehen, im Ernstfall sind die aber immer noch zu klein.” In Fukushima wurden zunächst Einwohner aus der unmittelbaren Umgebung evakuiert, dann in 20 Kilometern Entfernung und später in weiteren Distanzen. Die Windbewegung hatte die Radioaktivität viel weiter getragen als von Experten ursprünglich berechnet.

Solche Faktoren seien in der Atomunfall-Broschüre, die die Trierer Bevölkerung von der Landesregierung ausgeteilt bekam, nicht vorgesehen gewesen. „Da stand praktisch nichts drin“, ärgert sich Quaré. Der größere Teil der Broschüre, die wegen der vielen Kritik überarbeitet wird, ist Nebensächlichkeiten gewidmet, statt überlebensnotwendige Tipps zu geben, was zu tun ist im Falle eines Reaktorunfalls. Noch dazu klingen die Empfehlungen widersprüchlich. Wie sollen Einwohner, die in einem radioaktiven Gebiet liegen und in ihren Häusern bleiben sollen, ihre Jodpillen abholen? Strahlenexperten gehen allgemein von einer Frühwarnzeit von mehreren Stunden aus, innerhalb derer jeder Einwohner Jodtabletten bekommen soll. Die Atomkraftgegner sind skeptisch: „Informa-tionen über Ausmaß und Zeitpunkt eines Störfalls kamen in der Vergangenheit oft zu spät oder waren unvollständig“, mahnt Quaré.

In Luxemburg und in Deutschland loben offizielle Stellen wie die Strahlenschutzkommission die gute Informationspolitik. Die ASN, die französische Atomaufsicht, veröffentlicht ihre Prüfberichte regelmäßig einmal im Monat, anders als die Deutschen. „Wir wollen mit einer transparenten Informationspolitik punkten“, beteuert Volker Meyer. „Falsche Informationen fallen negativ auf uns zurück.“ Doch die Erfahrung lehrt auch: Im Katastrophenfall kommt zur nuklearen Panne eine ganze Reihe von Kommunikationspannen hinzu, häufig werden Informationen bewusst zurückgehalten, um Negativberichte zu vermeiden und Verantwortlichkeiten zu vertuschen. In Fukushima hatte die Betreiberfirma Tepco der Atomaufsicht wiederholt falsche Informationen gegeben, so dass die japanische Regierung schließlich von Täuschung sprach.

„Katastrophenschutzübungen gehen von einer statischen Situation aus. In der Realität läuft vieles anders, als man denkt und geplant hat“, kritisiert Quaré. Bei den Übungen wählen die Organisatoren selbst die thematischen Schwerpunkte, spielen das Szenario nach strenger Regie durch. Abläufe können so getestet werden, aber wie nahe das dem Ernstfall kommt, weiß niemand. Zumal der Faktor Mensch schwer zu berechnen und bei einem Atomunfall in einer so dicht besiedelten Region wie dem Dreiländereck mit Massenpanik sicher zu rechnen ist, oder wie es im Pfälzer Risikoplan von 2002 heißt: mit „spontanen Bevölkerungsbewegungen“. Was geschehen kann, wenn eine Bevölkerung in Angst gerät, zeigte der Vorfall in Metz im Juni 2006. Aufgrund erhöhter Strahlenwerte hatte ein Mitarbeiter informell mehrere Schulen in Metz angerufen und die Direktionen aufgefordert, die Kinder in Sicherheit zu bringen. Das Gerücht breitete sich in Windeseile aus, Polizei und Feuerwehr waren von den Anrufen besorgter Bürger schier überwältigt, binnen kurzer Zeit waren die Straßen verstopft und ein Verkehrskollaps bahnte sich an.

„Notfallübungen umfassen einige wenige hundert gut gebriefte Teilnehmer, nicht aber tausende panische Menschen, von denen jeder an seine eigene Rettung zuerst denkt“, warnt Elisabeth Quaré. Sie ist ehrenamtliches Mitglied bei Maus, einer Arbeitsgruppe, die die Ergebnisse offizieller Messstationen überprüft. Vor einigen Jahren meldete eine Station bei Konz außergewöhnliche hohe Strahlenwerte. „Das ging über Wochen.“ Als sie und ihrer Mitstreiter auf einer Stadtratssitzung auf das Problem aufmerksam machte, habe „erstmal betroffene Stille geherrscht“, erinnert sich Quaré. „Wir haben darauf hingewiesen, dass wir die Messungen für unrealistisch halten. Das zeigt aber, wie fehleranfällig das System ist.“ Das Bürgermeisteramt bedankte sich später schriftlich bei den aufmerksamen Beobachtern. Während Katastrophenschützer wie Volker Meyer qua Amt „mit dem Fakt Cattenom umgehen müssen“ und ihre Notfallmaßnahmen „so gut wie irgend möglich“ planen, gibt es für Quaré und ihre Mitstreiter nur einen wirksamen Schutz gegen die nukleare Gefahr: Der marode Meiler in Cattenom müsse, wie all die anderen Atomkraftwerke, endlich abgeschaltet werden.

Ines Kurschat
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