Grundsätzlichere Überlegungen zu den luxem­burgischen Pisa-Ergebnissen 2009/2010 im Bereich Lesekompetenz

Sein, Bewusstein und Lesen

d'Lëtzebuerger Land vom 16.06.2011

Die Kommentare zu den erneut schlechten Pisa-Ergebnissen der luxemburgischen Schüler vermitteln den Eindruck einer gewissen Hilflosigkeit. Da gibt es die altbekannten Statements über die „Proffen” oder Lehrer, über die durch unsere multikulturelle Gesellschaft bedingte Sprachensituation, über das überteuerte System, über den nicht passenden Test, die böse OECD und die Ellbogengesellschaft, das Eingeständnis, dass wir der Heterogenität unserer Schülerpopulation nicht gerecht werden, undsoweiter. Das mag ja alles zutreffen, trotzdem bleibt fast nur noch das kollektive Schämen und eine, angesichts der in den letzten Jahren durchgeführten Reformen, etwas unheimlich anmutende Ratlosigkeit. Um sie zu überwinden, soll an dieser Stelle der Versuch gemacht werden, nach tieferen Ursachen zu forschen.

Diese Analyse beschränkt sich auf die Lesekompetenz und stellt sie in einen größeren luxemburgischen Rahmen.

Wichtige Ergebnisse der Pisa-Studie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

– Die Leseleistungen der luxemburgischen Schüler, auch der besten, liegen unterhalb des OECD-Durchschnitts.

– Die Unterschiede zwischen den einzelnen Schülerkategorien (ES, EST) sind sehr groß.

– Der Zusammenhang zwischen der Leseleistung und dem Migrations- sowie sozioökonomischen Hintergrund ist frappierend.

Zur Erinnerung sei die OECD-Definition von Lesekompetenz an dieser Stelle noch einmal zitiert:

„Die Fähigkeit einer Person, geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen, über sie zu reflektieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Lesekompetenz beinhaltet neben dem Entschlüsseln und wörtlichen Verständnis auch das Interpretieren und Reflektieren sowie die Fähigkeit, Lesen zur Erfüllung der eigenen Ziele im Leben zu nutzen.”

Lesen stellt offensichtlich eine komplexe Kompetenz dar, die eine Auseinandersetzung mit dem Text auf verschiedenen Niveaus bedeutet, die aber auch der persönlichen Entwicklung sowie der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben dient. Wenn Lesen sich zwischen diesen drei Polen (Textverständnis- Sinnkonstituierung, eigene Lebensentwicklung und sozia­le Teilnahme) abspielt, dann sollten wir auch unsere Überlegungen in diese Richtungen lenken.

Der eigentliche Pisa-Lesetest untersucht nur die Fähigkeiten und Kompetenzen der Schüler in Bezug auf die verschiedenen Niveaus des Textverständnisses. Er kann nicht den persönlichen Gewinn, den die Schüler aus der Lektüre ziehen, evaluieren, noch kann er Aussagen über ihre Teilnahme am gesellschaftlichen Leben treffen.

Da wir davon ausgehen müssen, dass die luxemburgischen Schüler im Durchschnitt nicht weniger intelligent und die luxemburgischen Lehrer nicht weniger gut ausgebildet und engagiert sind als ihre jeweiligen Kollegen in der OECD stellen sich eine ganze Reihe von Fragen:

– Was wäre, wenn zu viele Jugendliche gar nicht erst gut werden wollen in den Bereichen, in denen sie bei Pisa getestet werden?

– Warum gäbe es denn möglicherweise soviel bewusste und vor allem unbewusste Indolenz und Leistungsverweigerung?

– Gibt es Indikatoren dafür, dass viele Jugendlichen Gründe haben könnten, nicht zu wollen?

– Wenn das luxemburgische Schulsystem den weniger Bemittelten und denjenigen mit einem nichtluxemburgischen Hintergrund zu wenig Aufstiegschancen bietet, warum sollten diese sich dann anstrengen?

– Wie kann es sein, dass auch unsere besten Schüler unter dem OECD-Durchschnitt liegen?

In der Zeit zeigt sich der deutsche Verantwortliche für die Pisa-Studien 2003 und 2005, Manfred Prenzel, über das relativ gute aktuelle deutsche Ergebnis erfreut: „Wir können aber jetzt die positive Rückmeldung geben, dass sich die Anstrengung der Lehrer, der Politik, der ganzen Gesellschaft gelohnt hat.” (Die Zeit, Nr 50 vom 9.12. 2010, S. 71) Der jetztige deutsche Verantwortliche Eckard Klieme erwähnt den weiteren entscheidenen Aspekt, dass laut der Shell-Jugend-Studie „eine positivere Einstellung zu Bildung und Leistung” besteht. (a.a.O.)

Da womöglich vielen Jugendlichen in Luxemburg diese positive Einstellung zu Bildung und Leistung fehlt, stellt sich die Frage nach dem Warum.

In diesem Zusammenhang bedeutet das Diktum von Karl Marx: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein” nur eine partielle Wahrheit. Zu dieser Dualität kommt mindestens ein Drittes: das Lesen. Dass das Lesen unser Bewusstsein und damit unsere Interpretation unseres Seins auch bestimmt, dürfte unumstritten sein. Genauso gilt, dass unser Sein unsere Einstellung zum Lesen konditioniert.

So wäre es denkbar, dass die Jugendlichen aus den benachteiligten sozia­len Verhältnissen nicht nur deshalb wenig schulischen Ehrgeiz an den Tag legen, weil sie aus diesen Verhältnissen kommen, sondern weil sie in der mehr oder weniger expliziten Bewusstheit leben, dass sie sowieso wenig Chancen haben, ihre Situation zu verändern. Also würde eines der Studienergebnisse gleichzeitig auf seine tiefere Ursache hindeuten. Lesen hat ohne Zweifel etwas mit Konstituierung von Sinn zu tun. Wenn einem nicht klar wird, wie man aus seinem relativen sozia­len Gefängnis heraus kommen kann, bleibt die Motivation eher gering, dementsprechende Versuche zu unternehmen. Wer keine begründete Hoffnung hat, sich verbessern zu können, unternimmt auch kaum etwas in dieser Hinsicht.

Dass es diese soziale Benachteiligung im reichen Luxemburg gibt, belegen manche Untersuchungen.

Internationale Unicef-Studien aus den Jahren 2005 und 2007 zur Frage der Kinderarmut stellten Luxemburg kein gutes Zeugnis aus. So galten 2005 12,4 Prozent der Kinder in diesem Lande als arm, Tendenz steigend.

Eine Studie der Unicef aus dem Jahre 2007 untersuchte unter anderem die materiellen Lebensbedingungen, etwa das Familieneinkommen und die Wohnsituation, die Schulbildung sowie der Gesundheitszustand der Kinder in 24 Mitgliedsländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Und in allen diesen Kategorien schneidet Luxemburg schlecht ab. Im Ranking der Unicef liegt das Großherzogtum bei den materiellen Lebensbedingungen mit Platz zwölf nah am OECD-Durchschnitt; bei der Schulbildung erreicht das Großherzogtum den 16. Platz und bei dem Gesundheitszustand Platz 19 (Quelle: L’essentiel vom 3. 12. 2010 und Unicef-Studie Child Poverty in Rich Countries 2005).

Wenn unterpriviligierte Schüler wenig Lesekompetenz zeigen, so bedeutet das also nicht nur, dass die Schule ihrer Aufgabe der Sicherstellung der Chancengleichheit nicht gerecht wird, sondern man kann vermuten, dass sich dahinter eine soziale Kastensituation versteckt, die recht undurchlässig scheint.

Dass aber auch die sozial priviligierten luxemburgischen Schüler vergleichsweise wenig Lesekompetenzen zeigen, deutet vermutlich auf ein andersartiges Sinnproblem hin. Möglicherweise verspüren relativ viele gut situierte Jugendliche nicht das Bedürfnis, ihre Talente auszuschöpfen. Der Ehrgeiz, ein möglichst hohes Bildungsniveau zu erreichen, ist im Vergleich zu anderen OECD-Ländern in Luxemburg weniger ausgeprägt. So studieren nur 25 Prozent eines Jahrgangs bei den 20-24-jährigen Jugendlichen in Luxemburg an einer Hochschule, was im Vergleich den OECD-Ländern (56 Prozent) stark unter dem Durchschnitt liegt (vgl. Quelle OECD-Veröffentlichung Bildung auf einen Blick).

Die oben erwähnten Studien werden bestätigt durch die Position Luxemburgs im Human Development Index der Vereinten Nationen. Der 24. Rang bedeutet, dass sich die Einwohner des Großherzogtums in den Bereichen Gesundheit, Schulbildung und Hygiene bei 169 untersuchten Ländern nicht im Spitzenbereich befinden.

Das Ergebnis dieser Studie korreliert positiv mit den Pisa-Ergebnissen. Es existieren einige Befunde über Teile oder die Gesamtheit der luxemburgischen Gesellschaft, denen vor allem mit Verdrängung begegnet wird. Das Land mit dem weltweit höchsten Pro-Kopf-Einkommen, das aber zu einem beträchtlichen Teil von Grenzgängern beisgesteuert wird und deshalb nicht mit dem anderer Staaten verglichen werden kann, sollte verstärkt den Tatsachen ins Auge sehen und die Testergebnisse ernst nehmen.

Offensichtlich existiert ein großer Graben zwischen dem durchschnittlichen Wohlstand der Bürger Luxemburgs und ihrem subjektiven seelisch-geistigen Wohlbefinden.

Dass die Suizidraten in Luxemburg recht hoch sind, wird immer wieder vermutet, ohne dass genaue Zahlen bekannt wären. Dies mag auch als Symptom dafür gelten, dass die Lebenssituation in unserem Land längst nicht immer einladend ist.

In einem gesamtgesellschaftlichen Kontext spielen natürlich die Eltern der Jugendlichen eine große Rolle. Studien zur Lesesozialisation verdeutlichen die Vorbildfunktion der Eltern in der Lesebiografie der Kinder, erst später kommt die Rolle der Schule hinzu. So spricht Susanne Limmroth-Kranz von „relativ früh erworbenen Prägungen für das Leseverhalten (Unterhaltung oder Wissensaneignung)”, die „als Grundmuster häufig ein Leben lang erhalten bleiben” (Quelle: Lesesozialisation und Lesen im Lebenslauf nach Susanne Limmroth-Kranz 1997).

Die Bestsellerlisten der Buchhändler outen die Bibliophilen dieses Landes als Interessierte an Justizskandalen und Luxemburgischkenntnissen. Daneben sind Populärwissenschaft und Kochbücher sehr gefragt. Diese Verkaufslisten verraten selbstverständlich nicht, was die Menschen in Luxemburg wirklich und insgesamt lesen, trotzdem geben sie einen Hinweis auf die geistige Situation des Landes. Da sich kaum belletristische, geschweige denn populärphilosophische oder soziologische Werke auf diesen Listen befinden, kann man vermuten, dass die Auseinandersetzung mit Lebensentwürfen, Sinnfragen oder sozialpolitischen Themen keine große Rolle spielt.

Auch der Sozialalmanach 2011 der Caritas Luxemburg stellt die Frage nach einem zukünftigen gesellschaftlichen Projekt Luxemburgs, das notwendigerweise die persönlichen Projekte der Jugendlichen generieren würde. Im Vorwort schreibt Erny Gillen Folgendes:

„Dieses Jahr geht es um die Frage nach der Zukunftsvorstellung und -kraft Luxemburgs im Horizont der 2020-Strategien. Es steht die Frage im Raum, ob Luxemburg noch in der Lage ist, eine politische Vision zu formulieren und diese mit den Menschen, mit denen wir zusammenleben und -arbeiten, umzusetzen! (…) Der Luxemburger Konsensualismus hat sich hinsichtlich des sozialen Friedens bewährt. Hat er sich aber hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit bewährt? Hier fällt die im Sozialalmanach vorgelegte und belegte Antwort recht bescheiden aus”.

Auf die Pisa-Frage bezogen, bedeutet das: Nur wenn ein möglichst großer Teil der gesamten luxemburgischen Gesellschaft es schafft, eine realistische Utopie zu entwerfen, an deren tendenziellen Verwirklichung möglichst viele mitarbeiten wollen, werden auf Dauer auch die Pisa-Ergebnisse im Bereich Lesekompetenz unserer Jugendlichen besser. Lesen kann behilflich sein, Lebenspläne zu entwerfen, kann sogar therapeutische Wirkung haben.

Wenn das Motto des Schuljahres 2009-2010 „wëssen, kënnen, wëllen“ zutrifft und die Jugendlichen aber zu wenig wollen, dann werden die weiteren Tests so oder so ähnlich ausfallen. Es geht also darum, dem Willen der Jugendlichen ein positives Ziel anzubieten.

Die Schlussfolgerung kann nur lauten:

– Die Schulreformen müssen weitergehen im Sinne einer größeren Chancengleichheit für alle Schüler. Insbesonders die Alphabetisierung der Kinder muss möglicherweise dichotomisch erfolgen, das heißt die einen werden weiterhin sofort Deutsch lernen, während die anderen gleich mit Französisch beginnen.

– An der Motivation, es besser zu machen, müssen alle mitarbeiten: die Schüler, die Eltern, die Lehrer und die Politiker.

– Ganz Luxemburg muss an einer nachhaltigen Zukunftsvision arbeiten, die vor allem auch die Jugend überzeugt. Sie kann nicht nur in einem reinen Nutzendenken bestehen, sondern es muss auch Platz für Kunst, Kultur und Persönlichkeitsbildung bleiben.

Nico Wirth
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