Die kleine Zeitzeugin

Fürchtet euch (nicht)!

d'Lëtzebuerger Land du 10.11.2017

Steigen wir Frauen jetzt nicht mehr in einen Aufzug voller Anzugmänner, sie könnten anzüglich werden, es käme zu direkten oder indirekten Berührungen, zu verbalen Entgleisungen, vielleicht würde einer seine Augen nicht im Zaum halten und es käme zu etwas Zügellosem? Noch schlimmer, wenn frau jetzt allein mit so einem im Aufzug ist? Bis zum 17. Stock?

Und sollen Männer noch in einen Aufzug alias Löwinnenkäfig steigen, in dem sie allein mit einer, huch! schluck!, Frau sind? Wie soll Mann sich diesem andersartigen Wesen nähern? Es ist so komisch. Unverständlich, auf romantisch heißt das rätselhaft. Aber jetzt wollen diese Wesen nicht mehr in Rätselhaft sein. Sie legen alles offen. Transparent. Bis hierher und nicht weiter. Rote Linien, zu den Grauzonen und Dark Rooms wird noch gearbeitet. Dieses Geschlecht ist von der Venus, hieß es um die Jahrtausendwende. Aber sag’ jetzt bloß nicht Venus, du Mars-Mensch! Es könnte je nach Cons-Text fehlinterpretiert werden. Aber warum darf ich nicht Venus sagen, das ist doch was Schönes? Will denn nicht jede Frau eine Venus sein? Warum nicht mehr? Darf ich ihr nicht mehr anerkennend zuzwinkern, wenn sie die Topfpflanze im Büro gießt, Anmut anbeten ist doch nichts Schlechtes? Und Rücken klopfen, wenn sie hustet? Auch nicht? Ist es wie bei den Wölfinnen, kein Augenkontakt und bloß nicht streicheln? Schoßhündinnen scheinen ja out zu sein.

Also was jetzt, wenn einer von uns Männern, als Männerversteherin schlüpfe ich kurz in das Bärenfell, in einem Aufzug mit einer Frau allein ist? Feuchte Hände nur? Oder überall Hände? Und dann Hände hoch! So schnell kann es gehen, von der Top-Etage ins Verlies und durch die Medien gepeitscht. Ach, ach, Ungemach, all die Ungeschicklichkeiten, die uns Männern seit jeher auflauern, dieses Tölpelhafte, wenn unsere Nase in einem Ausschnitt landet, jemanden in den Schoß fallen, mein

Gott. Diese pedantischen Puritanerinnen! Mea Culpa! Du hast im Jahr 1956 im Cessinger Kindergarten ein Mädchen am Pferdeschwanz gezogen, sie ist bis heute traumatisiert. Es war ihre erste gewalttätige Begegnung mit dem anderen Geschlecht, vielleicht wäre ihr Leben anders verlaufen ... Aber das ist doch verjährt! Nein, moralische Vergehen verjähren nicht.

Wenn sich jetzt alle präpotenten Potentate bekennen und bereuen und die Wüstlinge der Kunstszene und die charmanten Chefärzte und die lustigen Altachtundsechziger, die mal gegen die alten Säcke waren, wenn Klerus, Kunst und Karriere in der Hölle schmoren, wer übernimmt dann interimsmäßig? Bis die Anständigen eingeschult sind oder die Frauen alles übernehmen und dann, schluck, alles machen müssen? Wir können sie ja nicht alle richten oder hinrichten, ist ja auch wahnsinnig viel Arbeit.

Und wer weiß, ob das Imperium nicht zurückschlägt? Was kommt nach dem Graue- Köpfe-(G)Rollen? Nach der Französischen Revolution kam Napoleon, auch Zombie- Filme sind lehrreich. Die smarten Jungs, die jetzt überall in Europa anrücken, sind sicher nicht so blöd, sich auf frischer, ranziger Tat ertappen zu lassen.

Rechtsanwälte empfehlen Body-Cams. In den USA wird Studierenden geraten, vor einem Date die Grenzen potenziell erotischer Handlungen per Unterschrift auszuhandeln. Grenzkontrollen im nicht-beruflichen Verkehr? Altachtundsechzigerin, geprägt von einem lustvollem Grenzüberschreiten und Kontrollverlust huldigendem Zeitgeist, gerät ins Gr-Übeln.

Warum dann nicht gleich wieder Geschlechtertrennung? Schulen für Buben und Mädchen, Apartheid im öffentlichen, huch!, Verkehr, und in Lokalen und Schwimmbädern getrennte Bereiche für Kinder und Frauen? Wenn es so aussichtslos ist, Alpha-Männchen, Silberrücken, Primatenpräsidenten, renitente Rüden zu unterrichten, zum Beispiel in Körpersprache? All diese Kniekehlen und Ellbögen, die sich unsittlich berühren, wie es jetzt immer öfter in Zeitungen steht, wer soll das alles dokumentieren, Handyfotos von all dem machen? Und wer es auswerten?

Alte Katholikin erlebt Katechismus-Flashback. Von damals, als alles so geregelt und so furchtbar geheimnisvoll war. So geheimnisvoll wie die Welt unter der Burka.

Michèle Thoma
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