Bildungsministerin Mady Delvaux (LSAP) über die Grundschulreform

"Das muss sich einspielen"

d'Lëtzebuerger Land vom 05.11.2009

d’Land: Die liberale Opposition hat in einer parlamentarischen Fragestunde vergangene Woche die Umsetzung der Grundschulreform scharf kritisiert. Haben Sie das Ausmaß der Schwierigkeiten unterschätzt??

Mady Delvaux-Stehres: Ich meine nicht. Dass es Probleme geben würde, war bei einer solch großen Reform zu erwarten. Das Einzige, was mich überrascht hat, sind die Schwierigkeiten mit den Remplaçants, den Vertretungen. Ich verstehe jetzt, warum viele Gemeinden das Dossier lieber abgeben wollten. Es ist schwierig, sich einen richtigen Überblick über den Bedarf zu verschaffen, zumal national. Aber die Grundschulreform scheitert sicher nicht an der Frage der Vertretungen.

Aber vielleicht an der Information? Lehrer klagen über mangelnde Auskünfte und „Reunionitis“. Sie eilen von einer Besprechung zur anderen, um Zyklen aufzubauen, Teams zu bilden, Unterrichtsmethoden zu verbessern.

Ich weiß ehrlich nicht, wie ich noch mehr informieren soll. Wir schicken Broschüren in die Schulen, machen Versammlungen mit den Inspektoren und den Präsidenten der Schulkomitees, sprechen mit den Eltern.

Es geht nicht um Broschüren, sondern zum Beispiel darum, dass Weiterbildungen, die sich inhaltlich mit der Reform befassen, überlaufen sind...

Nur die Hälfte aller Lehrer, die sich angemeldet haben, haben dies im Bereich der Reform-Schwerpunkte, also Teambuilding, Bewertung, Portfolio und so weiter, getan. Das verstehe ich nicht. Sicher wundert es mich nicht, wenn Lehrer über eine hohe Belastung klagen. Das war beim Modellversuch der Écoles en mouvement im ersten Trimester ganz ähnlich. Das muss sich einspielen. Einige Schulen haben einen gewissen Vorsprung, weil sie schon im Team gearbeitet haben, andere nicht. Außerdem ist nicht jeder Lehrer gleichermaßen belastbar. Ganz sicher aber müssen wir die Präsidentinnen und Präsidenten der Schulkomitees bei der Post und den vielen Anfragen, die an sie herangetragen werden, entlasten.

Auch die Inspektoren bekommen zum Teil schlechte Noten: Während sich einige Schulen vom Inspektorat sehr gut gebrieft fühlen, fühlen sich andere allein gelassen.

Es ist klar, dass der Ansturm derzeit am größten ist. Es ist Aufgabe der Inspektoren, ihre Schulen zu informieren. Da gilt es, den hierarchischen Weg einzuhalten, andernfalls hieße es, wir würden die Stellung der Inspektoren nicht respektieren. Wie sie das organisieren, ist ihnen weitgehend überlassen. Wir stellen ihnen jedenfalls alle nötigen Informationen zur Verfügung. Unsere Ressourcen sind aber nicht unendlich.

Schon auf Ihrer Tour durchs Land vor den Wahlen äußerten Lehrer und Eltern ihre Sorgen über die neue Bewertung. Weil viele Lehrer sie noch nicht kennen und weil nicht alle Schulen die Bilans intermédiaires erhalten haben, fordert die Lehrergewerkschaft SEW, die neue Bewertung nicht schon im ersten Trimester einzuführen. Zu Recht??

Es ist wichtig, dass sich Lehrer fortbilden, aber das reicht nicht. Die neuen Zeugnisse wurden den Inspektoren vorgestellt, damit sie sie zusammen mit den Schulen besprechen können. Mir liegt viel daran, dass Inspektoren die nötigen Hilfen zur Verfügung stellen und die Vorgehensweise homogen ist. Schließlich sollen die Schüler überall nach derselben Methode bewertet werden. Von Lehrern, die bereits mit dem neuen Instrument arbeiten, höre ich aber auch, dass sich jeder die neue Bewertungsmethode individuell aneignen muss. Ein anderer Zündstoff ist die Beteiligung der Eltern. Frisch gewählte Elternvertreter beklagen sich darüber, ihre Mitspracherechte nicht zu kennen.

Mit der Partnerschaft zwischen Schule und Eltern betreten wir Neuland in Luxemburg. Das darf man nicht vergessen. Die Eltern spielen eine wichtige Rolle beim Erstellen der Analysen für den Plan de réussite scolaire ...

... wobei nicht jede Schule dieses Jahr einen solchen Entwicklungsplan aufstellen wird.

Nein, aber 35 Schulen haben in einer ersten Phase schon damit begonnen. Die Elternvertreter haben außerdem bei den Budgetberatungen ein Mitspracherecht. Ich will aber daran erinnern, dass zur Partizipation auch Selbstinitiative und Selbstbestimmung gehören, ein Gesetz allein kann das nicht erreichen. Der Elterndachverband Fapel organisiert übrigens im Februar ein Forum zu dem Thema. 

Beteiligt werden die Religionslehrer, nämlich an den Teambesprechungen in der Grundschule. Wozu??

Die Religionslehrer kennen die Kinder, ihre Beobachtungen können bei Besprechungen hilfreich sein.

Obwohl es sich um nicht-staatliches, sondern kirchliches Personal handelt??

Im Mittelpunkt steht für mich die Betreuung des Kindes. Es macht mir Sorgen, dass wir in Luxemburg immer nur über das Statut reden. Es muss möglich sein, sich über Berufsgrenzen hinweg zusammenzusetzen. Das gilt auch für die außerschulischen Betreuungsstrukturen, den Maisons relais. Wir brauchen mehr Vernetzung, das Statut darf inhaltliche Fragen nicht überlagern.

Im Sozialalmanach 2009 fordert die Caritas, einer der größten Anbieter im Bereich Maison relais, Précoce und Krippen abzuschaffen. Sie haben stets die Bedeutung der Frühförderung betont. Rächt sich nun, dass Sie und ihre Amtsvorgängerinnen den Précoce nie ausgewertet haben?

Die Frühförderung wird einer un serer Schwerpunkte in dieser Legislaturperiode, da gehört die Auswertung dazu. Wir müssen, und das steht so im Gesetz, die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Maisons relais verbessern. Ich weiß, dass Lehrer über Reunionitis klagen. Aber wir brauchen den Austausch zwischen beiden Systemen.

Aber wie? Es gibt erhebliche Abstimmungsprobleme. Sogar in Modellschulen wie den Écoles en mouvement oder der Jean-Jaurès-Schule in Esch müssen Zuständigkeiten mühsam definiert und Rollen neu gefunden werden.

Das stimmt. Und dabei hatten beide Schulen die besten Voraussetzungen, ihre Rollen im Vorfeld zu definieren. Aber das sagt sich leicht. Erzieher sind eher gewöhnt, im Team zu arbeiten, viele Lehrer nei- gen dagegen zum Individualismus. Ich bin aber nicht so pessimistisch, zu meinen, dass sich das nicht ein- spielen wird. Das hat im Neie Lycée nach einer Anlaufzeit auch geklappt.

Offensichtlich gibt es nicht nur mit der organisatorischen Umsetzung der Reformen Probleme. Auch mit der Uni läuft die Zusammenarbeit nicht optimal, siehe die Pannen bei der ICCS-Studie oder den Épreuves communes: Haben wir die Grenze der Belastbarkeit erreicht?

Ich möchte hier nicht über die Uni reden. Aber wir stoßen immer wieder an Grenzen, die mit der Größe unseres Landes zu tun haben. Für die Entwicklung von Bildungstests wie den Épreuves standardisées stehen dem deutschen Institut für Qualität im Bildungswesen hunderte von Lehrern zur Seite. Wir sind froh, wenn wir sechs finden, die dazu oft nur stundenweise oder halbtags für das Ministerium arbeiten. Wir haben vielleicht den Vorteil, näher an der Praxis zu sein, dafür spüren wir Friktionen und Beschränkungen stärker.

Auf der Rentrée-Pressekonferenz sagten Sie, externe Evaluationen würden große Summen kosten. Der Posten der Weiter- bildung hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht. Auch die Gehälteranpassung der Grundschullehrer kostet. Wie viel Handlungsspielraum bleibt, um beispielsweise den Lehrermangel effektiv anzugehen?

Wir hatten bisher das Glück, dass budgetäre Engpässe keine allzu große Rolle gespielt haben. Aber das wird nicht so bleiben. Wir können uns nicht noch 50 Großstudien leisten. Das heißt, wir müssen stärker prüfen, welche Untersuchungen für uns Sinn machen und ob wir Synergien nutzen können. Im Englischunterricht können wir mit Parametern arbeiten, die von der Uni in Cambridge ausgearbeitet wurden. Das ist enorm hilfreich.

Ein weiterer bildungspolitischer Schwerpunkt im Regierungsprogramm ist die Reform des obersten Zyklus im Secondaire. Was sind deren Kernpunkte?

Es scheint mir logisch zu sein, dass wenn Kinder aus der Grundschule in den Sekundarunterricht wechseln, sie an ähnliche Strukturen anknüpfen sollten. Im unteren Zyklus wurden mit dem kompetenzorientierten Unterricht erste Anknüpfungspunkte geschaffen. Wichtig wird sein, mehr Übergänge zwischen Technique und Classique vorzusehen und das System durchlässiger zu machen. Dazu müssen wir das Gesetz über die Lyzeen ändern.

Das ist doch die Gelegenheit, den Schulen mehr Autonomie bei den Inhalten und bei der Personalauswahl zuzugestehen, wie sie Schulleitungen fordern.

Ich denke schon, dass es mehr Freiheit geben sollte. Wir brauchen mehr Angebote für behinderte Kinder, wir müssen die Jungen, die frisch von der Grundschule kommen, men, noch besser betreuen. Dabei kann Autonomie helfen – das war ja auch das Ziel der letzten Reform des Lyzeums-Gesetzes. Was die Personalplanung angeht, die Frage ist brisanter. Die Gewerkschaften sind da- gegen. Das größte Problem für mich ist aber, überhaupt genügend Lehrer zu finden.

Sie sprechen sich für mehr Allgemeinbil- dung und weniger Spezialisierung am Gymnasium aus und begründen das da- mit, dass Luxemburger Hochschulan- wärter an Schweizer Unis wegen der fehlenden Allgemeinbildung abgelehnt wurden. Die Schweiz allein rechtfertigt doch kaum einen solchen Einschnitt?

Nein, die Richtung kann man auch in anderen europäischen Ländern beobachten. Zunächst muss es darum gehen, die Situation in Luxemburg zu analysieren. Dazu haben wir sämtliche Schuldirektionen angeschrieben, um in den Lyzeen Arbeitsgruppen zu gründen. Sie sollen noch in diesem Monat zusammenkommen. Mit Hilfe von Fragebögen wollen wir herausfinden, was die Schulen unter Studierfähigkeit und Allgemeinbildung versteht. Im Februar, hoffe ich, werden wir einen ersten Leitfaden haben, der dann öffentlich diskutiert werden soll. Ich glaube nicht, dass die Vorstellungen, was unsere Schüler für ein Studium brauchen, so grundverschieden sind. Anders als in der Schweiz, wo die meisten Studenten im eigenen Land studieren, wird es für Luxemburg aber nicht so leicht: einfach weil unsere Studenten im Ausland studieren.

50 Prozent Hochschulberechtigte und mehr Jugendliche mit Schulabschluss lauten Ihre Bildungsziele. Gleichzeitig steigt die Zahl der jugendlichen Arbeits- losen. Selbst wenn die Schule größte Anstrengungen unternimmt, ihr Ein- fluss auf den Arbeitsmarkt ist begrenzt. Braucht es nicht ganz andere Ansätze?

Wir sind dabei, die berufliche und schulische Orientierung zu verbes- sern. Da haben wir ein viel verspre- chendes Pilotprojekt. Unser größtes Problem aber bleibt die hohe Zahl der Schulabbrecher und Neuankömmlinge. Allein im Septem- ber hatten wir 700 Primo-arrivants über zwölf Jahre, denen wir auch eine Ausbildung bieten müssen. Bald wird es die Schule der zweiten Chance geben, aber wir brauchen neue Strukturen, um diese Schüler aufzufangen. Das macht mir wirklich Sorgen.

Über die Reform der Berufsausbildung spricht niemand mehr. Weil sie so kom- plex ist – oder weil so wenig geschieht?

Die Modernisierung der Berufsaus bildung ist eine Heidenarbeit. In- tern läuft einiges, wir kommen vor- an. Im Januar-Februar werden wir eine Informationskampagne dazu starten.

Ihre Pläne, im Sprachenunterricht differenzierte Niveaus zuzulassen, wurden von Gewerkschaftsseite heftig attackiert...

Wir haben die verschiedenen Gewerkschaften ins Ministerium eingeladen. Und wenn wir dann diskutieren, sind die Positionen gar nicht so weit auseinander. Wer an die Uni oder Fachhochschule gehen will, muss immer noch eine Sprache sehr gut, das ist das Niveau C1 nach dem europäischen Referenzrahmen für Sprachen, und mindestens eine zweite Sprache gut können.

Wenn Sie all diese Baustellen sehen, und wenn man bedenkt, wie lange Bildungsreformen brauchen, bis sie wirken, verlässt Sie da nicht manchmal der Mut?

Doch, aber immer nur für kurze Zeit, vor allem weil der politische Handlungsspielraum auf nationaler Ebene insgesamt eher kleiner wird. Aber Bildung ist wichtig und ich bin deshalb froh, die Reformen umsetzen zu können. Es geht darum, allen Kindern eine faire Chance zu geben, sie aufs spätere Leben vorzubereiten. Wir können sie nicht einfach hängen lassen.

Ines Kurschat
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