DVD

Vum Bopebistro an d’Bopestuff

d'Lëtzebuerger Land du 29.08.2014

Serge Tonnar und seine Band Legotrip gondeln mit ihrem Wohnmobil durch schlängelnde Straßen vorbei an grünen Feldern, Hügeln und Felswänden, bis sie schlussendlich vor dem Cafe Schaack-Graas in Mersch ankommen. Dies ist das erste von vielen Bopebistroën, das die Musiker in Yann Tonnars Film De Bopebistro Tour besuchen. Es handelt sich hierbei um eine ungewöhnliche Mischung aus Musikvideo und sozialkritischem Dokumentarfilm, der die akustische Tour, die die Band 2012 unternahm, so auf den heimischen Bildschirm bringt. Vom Bopebistro in die Bopestuff, sozusagen.

Besucht hat die Gruppe einige der letzten überlebenden Dorfkneipen, die uriges Design und feucht-fröhliche Stimmung gemeinsam haben. Wenn Tonnar und seine Kumpanen zwischen Massivholzmöbel und Jagdtrophäen ganz ohne Verstärker losrocken (was die Band „vun der Long op d’Zong“ nennt), wird gelacht, getrunken und mitgesungen, ganz egal, ob man den Liedtext kennt oder nicht. Yann Tonnar, Serges Bruder, fängt gekonnt kleine Momente vom großen Kneipenglück ein: Freunde, die mit ihren Humpen anstoßen, dass das Bier aus den Gläsern schwappt, träumend schunkelnde „Bopen“ oder die Wirtsfrau, die sich ein wenig genervt mit zwei Klenschen durch die Menge drückt, dann aber doch über die Situation schmunzeln kann – denn so gerammelt voll war das Lokal schließlich lange nicht mehr. Die feucht leuchtenden Augen sieht man allerdings nicht nur bei Gästen. In Bopebistro zum Beispiel sind die beiden Wirtsfrauen, denen die Musiker den Song widmen, sichtlich gerührt, als die ganze Kundschaft laut mitjohlt über „Bopen“, die mit Bier und Schnapps dem Tod von der Schippe springen.

Tonnars wehmütige Liedtexte und melancholische Melodien sind stets mitreißend, ungeschliffen und mit ganzem Herzen gespielt. Jede Note sitzt, und auch wenn die Stimme sich einmal überschlägt, geschieht dies am richtigen Zeitpunkt: Man hat es hier mit talentierten und gestandenen Musikern zu tun. Doch die Lieder haben immer auch eine bittere Prise von Früher-war-alles-besser. Die nostalgische Sehnsucht nach einfacheren Zeiten, die sich durch den Film zieht, wirkt manchmal ein wenig aufgesetzt, was wohl gewollt ist: Für Konzerte schlüpfen die Musiker nämlich in Bopen-Kostüme, die eigentlich niemand im Kneipenpublikum oder hinter der Theke trägt, und kochen in ihrem Wohnmobil auf dem Knuedler bescheiden einen Topf Kartoffeln.

Die Band sieht im Fortschritt den Grund für das Kneipensterben, so die Beschreibung des Produzenten der DVD Maskénada. Fortschritt hieße nicht immer, „dass wir vorankommen,“ und führe unvermeidlichen zu „allgemeiner Unkultur, globale(r) Anpassung und uniforme(r) Langweile“. Dies klingt dramatisch, vor allem weil in verschiedenen Dorfkneipen immer noch eine intolerante Stammtischmentalität herrscht, der man selbst Unkultur, Anpassung und uniforme Langweile vorwerfen könnte. Der Film behandelt die dunkle Seite der Nostalgie allerdings nur kurz, als Befragte bedauern, dass „so viele Chinesen und Portugiesen“ alte Lokale übernehmen. Der Staminee ist also letzte Bastion für alles Ur-Luxemburgische — multikulturelle Cafés, Bars und Kneipen, in denen es auch „Bopen“, Geselligkeit und Stammtische gibt, werden nicht weiter zur Kenntnis genommen. Das Anliegen des Films ist Nos-talgie pur, der Blick bleibt nach hinten gerichtet.

Die Gespräche, die Tonnar, der sich als neugieriger und einfühlsamer Interviewer entpuppt, mit den verschieden Wirtsleuten führt, gewähren seltene Einblicke in einen längst vergangenen Alltag, mit oft skurrilen Geschichten. Man erfährt zum Beispiel über durstige Belgier, die das Branntweinverbot in belgischen Lokalen über die Grenze und an die Tresen luxemburgischer Schenken trieb, wo der starke Tropfen ganz legal floss. Die persönlichen Geschichten der älteren Wirtsleute sind ergreifend, der Tanz zwischen Luxemburgs ältester Wirtsfrau und einem tätowierten jungen Mann in Unterhemd, während Tonnar und Legotrip De leschte Slow spielen, rührt zu Tränen.

Nach der sehr erfolgreichen Tour veröffentlichte die Band mit dem Künstlerkollektiv Maskénada das Bopebistro Buch, in dem verschiedene Schriftsteller und Fotografen das Leben in lokalen Kneipen behandeln. Nach der Bopebistro-Tour folgte eine erfolgreiche Bomebistro-Tour. Diese „Events“ und Veröffentlichungen rund um das Kneipenleben genoss eine Vermarktung und Aufmerksamkeit, die in Luxemburg sonst eher selten vorkommt. Wenige lokale Gruppen genießen einen Bekanntheitsgrad, der es ihnen erlaubt, verschiedene Produkte um das gleiche Thema und in relativ kurzer Zeit an die Leute zu bringen. Serge Tonnar und seine Mitmusiker brachten Dorflokale mit ihren Konzerten zum Bersten und weckten noch einmal den wilden Kneipen-Spirit. Ob seine Kampagne die Stammgäste der Zukunft angelockt hat und vielleicht sogar den Trend des Kneipensterbens bremsen konnte, bleibt abzuwarten. Die Bopebistro-DVD, vor allem die Interviews im Film, ist jedenfalls ein wertvolles Dokument lokaler Geschichte, das gerne auch etwas länger hätte sein können.

Yann Tonnar: De Bopebistro-Tour kostet 20 Euro und ist im Internet unter www.maskenada.lu erhältlich.
Claire Barthelemy
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