Die kleine Zeitzeugin

November Rehabilitierung

d'Lëtzebuerger Land vom 17.11.2017

Ich verliebe mich gerade in den November, er macht es einer nicht leicht. Er ist keiner auf den ersten Blick. Eher auf den letzten. Er gilt als unattraktiv, hat wenig Fans, keine Lobby, kaum Likes, wer zählt schon die Tage bis November? Gedichte gibt es, sie sind immer schwermütig, mit Tod. Die Unbeliebtheit ist verständlich, die Düsternis, in die er uns verbannt, jetzt nachdem er uns auch noch die großmütig geliehene Stunde erbsenzählerisch wieder abknöpft, ja, wer denkt im Frühling an so was? Nicht einmal der Oktober kann sich den November vorstellen. Die, die können hauen ab, die andern schauen in die Glotze oder ins Glas. Licht- oder Alkohol­therapie, gibt ja allerhand Tricks. Dieser Monat des Nichts fängt schon tödlich an, rette sich, wer kann! Die Trümmer einer Sippe verkrümeln sich ins Ausland, der Tod bleibt denen, die sich nichts Besseres leisten können.

Seine elf Rivalen schneiden im Ranking wesentlich besser ab. Außer vielleicht der schmuddelige Februar, der ist aber wenigstens kurz und es ist schon Frühling im Kopf und sonst wo. Die Kinder des Februar, die Wassermänner gelten als interessant, freiheitsliebend, individualistisch, Eigenschaften, die derzeit gut ankommen, das Zeitalter wurde gar nach ihnen benannt. Wer hingegen möchte im Skorpio-Zeitalter leben? Oute dich bei der heiteren Tischgesellschaft als Skorpionin, und man zuckt zurück und beginnt, dich streng ins Auge zu fassen. Hat man es doch

geahnt! Wird dein Partner ein Scorpio sein, Gott behüte! Nachtragend, von finsteren Leidenschaften beseelt, unerbittlich, grausam, frau kann nicht früh genug warnen. Die machen eine fertig!

Vielleicht muss man selber schon ein bisschen November sein, um den November zu lieben. Natürlich nicht leidenschaftlich, das wäre vollkommen unpassend. Der graue Monat, wie er oft genannt wird, wie viele Grautöne gibt es, all diese schimmernden oder matten Graus, Perlgrau, Taubenflügelgrau, oder ist es Taubenflügelblau? Rauchblau und Zuckerwatterosa. Nicht das fiebrige Dezemberpink, wenn die Engelchen backen, es ist viel viel stiller. Raschelhour statt Rushhour, die rostigen Blätter haben eine rosige Aura, die Wandererin im Novembernichts hat plötzlich die rosa Brille auf. Um dann langsam ins Dunkel zu wandern, von einem Baumgerippe zum andern, sie stehen hingegeben im Dunkel, hingegeben, klingt komisch 2017, beinahe suspekt. Hingegeben, vertrauensvoll, erwartungsvoll. Beinahe feierlich. In diesem Dunkel, das sie gerade befällt und sie schluckt, auch die Wandererin schluckt. Na und, wird immer vertrauter, trauter … Das Lichtlein am Ende ...

Man braucht keine schamanischen Sitzungen, man braucht nur Nacht- und Nebel- Trips im November. Wenn die Krähe mal wieder Tacheles geredet hat, kann man immer noch mit gesträubtem Haar in die Glühweinnacht flüchten, diese Refugien gibt es ja schon Mitte des Monats. Oder in die Kultur, die Menschen lesen und tanzen und singen sich jetzt besonders gern tröstlich was vor.

Das Beste am November aber ist, was man alles nicht tun muss. Für leidenschaftliche Nichtstuerinnen ist es der beste Monat. Man muss nicht dauernd zwanghaft raus, weil es so schön ist, dass es nicht mehr auszuhalten ist, weil die Sonne so scheint oder der Schnee so glitzert, man kann in der Stube hocken, es ist weder Ostern noch Weihnachten noch irgend was Besonderes, die Gräber zählen nicht mehr, weil die sind ja tot dort, wie die meisten behaupten, oder fort, und die Lebenden sowieso, also auch kein Stress. Außer sein Brot verdienen und seine Brut versorgen muss man im Monat des Nichts nichts. Man muss nicht jauchzen wegen einem Frühling, der einen nur fertig macht mit seiner hysterischen Hyperaktivität und seinen Exzessen, als hätte man eine Überdosis, von was auch immer.

Im November kriegt man keine Überdosis Leben. Man muss nichts, nur sterben, wie die ultimative Kinderweisheit bzw. Weisheit lautet. Und das auch nur höchstens ein Mal.

Und dann kommt das Christkind!

Michèle Thoma
© 2017 d’Lëtzebuerger Land