Unfug

Nationale Verhütung

d'Lëtzebuerger Land du 16.06.2011

Heute loben wir den blühenden Unfug. Wir sind heilfroh, dass es den Grünen nicht gelungen ist, das Te Deum am Nationalfeiertag madig zu machen. Auf dieses wunderbare Variété möchten wir nämlich nicht verzichten. Einmal im Jahr haben wir Bürger doch wohl Anrecht auf öffentlichen Firlefanz. Eine repräsentative Feier außerhalb der Kathedrale hätte sofort den gravierenden Nachteil, dem Volk eine tragende Rolle zuzumuten. Diese Alternative würde also unter ihrer eigenen Ernsthaftigkeit leiden. Warum sollten wir ausgerechnet am Nationalfeiertag ernst sein, wo der Staat uns doch das ganze Jahr über nicht ernstnimmt?

„Wenn es ernst wird, muss man lügen“, sagt der Premier. Diese endlich offenbarte Staatsphilosophie trifft voll ins Schwarze. Beim Te Deum zeigt sich der verlogene Staat in voller Pracht. Er spielt Volk und will uns weismachen, er sei die Nation. Irgendwie wird hier etwas verwechselt. Es heißt doch „Nationalfeiertag“ und nicht „Staatsfeiertag“. Doch warum so pingelig? Auf eine institutionelle Lüge mehr oder weniger kommt es längst nicht mehr an. Beim Te Deum können wir Plebejer lernen, wie man effektvoll lügt. Und zwar mit Trara und Haute Couture. Dieses Verlogenheitstheater sollten wir auf uns wirken lassen. Damit wir ungeschickten, kleinen Lügner lernen, vielleicht auch einmal beim Lügen voll auf die Pauke zu hauen.

Geben wir es zu: unsere Repräsentanten sind sich für keine Täuschung zu schade. Sie haben alle Hemmungen über Bord geworfen und beeindrucken uns mit ihrer Unverschämtheit. Ist das nicht schön und erbaulich? Wir sind also rundum zufrieden mit dem bunten Gotteszauber am Nationalfeiertag. Das heißt, eine kleine Beanstandung möchten wir hier schnell noch anbringen. Es geht um das Ungleichgewicht der Hüte in der Kathedrale. Wie immer sind die Frauen tapferer als die Männer. Sie führen öffentlich vor: Was nicht im Kopf drin ist, muss auf dem Kopf drauf sein. Diese bombastischen Hüte wollen wir loben. Sie sind ein Ausdruck entwaffnender Ehrlichkeit. Unehrlich sind nur die Männer, die keine Hüte tragen. Sie tun so, als bräuchten ihre Köpfe keine verlogene Dekoration. Mit dieser Diskriminierung muss dringend aufgeräumt werden.

Obwohl wir in der Regel jeden Zwang ablehnen, sind wir doch klar und deutlich für den verallgemeinerten Hutzwang beim Te Deum. Die Modeschöpfer werden sich die Finger lecken nach einer solch hehren Aufgabe. Allein die Herausforderung, dem Premier endlich einen Hut zu verpassen, könnte alle kreativen Ateliers der Nation ein Jahr lang voll auslasten. Wieso nur bewegt sich der Premier ständig unbehütet durch die Welt? Wieso setzt er seinen nackten Kopf so unbedacht allerlei schädlichen Einflüssen aus? Seien wir doch ehrlich, das heißt verlogen: die größte Sensation beim Te Deum wäre des Hut des Premiers. Das ganze Volk würde beben vor freudiger Erwartung. Was trägt er dieses Jahr? Wird es überhaupt gelingen, seinen Hut durch das Eingangsportal der Kathedrale zu manövrieren? Muss der Premier nicht horizontal ins Gotteshaus hineingeschoben und erst im Kirchenschiff aufgerichtet werden, damit sein europäisch gigantischer Hut sich voll entfalten kann? Sozusagen bis zur Empore, bis in die unmittelbare Nachbarschaft der Orgelpfeifen?

Es darf doch nicht wahr sein, dass allein der Erzbischof mit einem phänomenal erigierten Hut durch die Kathedrale läuft. Seit wann ist der Erzbischof die Gallionsfigur der Männerwelt? Zugegeben, ein Bischofshut ist nicht einfach zu übertrumpfen. Diese Kopfbedeckung ragt buchstäblich in den Himmel, in ihrem geräumigen Innern könnte man vermutlich einen ambulanten Tabernakel unterbringen. Das soll aber nicht heißen, dass die Minister und Abgeordneten in Hutfragen einfach kapitulieren müssen. Bitte etwas Mut, ihr Herren! Ist unser Außenminister nicht Dauergast in Afrika? Was spricht denn dagegen, dass er sich selbstbewusst mit einem innovativen Bananenhut ziert? Ja, die schmückenden Bananenbündel könnte er sogar über beide Schultern drapieren, beim Kopfschmuck darf die Phantasie ruhig über die Stränge schlagen. Ja, es könnte auch ein Kokospalmenhut sein. Mit turnenden Äffchen aus Plüsch.

Vielleicht haben wir die Grünen zu Beginn dieser Verhütungsglosse etwas unsanft angepackt. Das möchten wir jetzt wieder zurechtbiegen. Natürlich sollte die naturschützende Partei beim Kammerpräsidenten eine Motion hinterlegen. Das Te Deum muss unbedingt ökologischer werden. Auch Firlefanz braucht das nationale Bio-Label. Wir plädieren hier mit aller Entschiedenheit für den multifunktionellen Hanfhut. Vielleicht lässt Herr Armani ja mit sich reden. Der Hanfhut ist ein revolutionäres Kleidungsstück. Er verlagert die Weltanschauung buchstäblich auf die alleroberste Etage des Denkapparats. Darunter steckt immer ein kluger Kopf. Das ist die Botschaft. Hoffentlich sind uns die Grünen jetzt wieder grün.

Übrigens: Herr Gott ist ganz sicher ein Hutfetischist. Er hat am Nationalfeiertag noch nie einen Blitz in die Kathedrale fahren lassen. Hut ab, Meister!

Guy Rewenig
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