Streit um die Lehrergehälter

Kein Club der Visionäre

d'Lëtzebuerger Land vom 27.03.2008

Ist es die Ruhe vor dem großen Sturm – oder werden sich die Verhandlungspartner am Ende doch noch einigen? Das ist die Preisfrage nach den gescheiterten Verhandlungen zwischen Lehrergewerkschaften und Regierung am Karfreitag. Die letzte Konzertierungsrunde über eine Aufwertung der Laufbahn der Grundschullehrer war nach 20 Minuten ergebnislos abgebrochen worden. Zuletzt hatte auf dem Verhandlungstisch eine 4+2-Variante gelegen: Lehrer hätten insgesamt sechs Stunden zusätzlich zur reinen Unterrichtszeit in der Schule sein müssen, davon vier für Beratungsgespräche mit anderen Kollegen und mit den Eltern, für die Weiterbildung und für den neuen auf Kompetenzen aufbauenden Bewertungsmodus – und zwei für die unmittelbare Betreuung der Kinder, sei es in Form von Hausaufgabenhilfe, Förderkurse, Tutoriat oder ähnliches.

Für die Lehrergewerkschaften SNE und SEW ein unakzeptabler Vorschlag. „Das geht über unsere Schmerzgrenze hinaus“, entrüstet sich SNE-Präsident Michel Cloos gegenüber dem Land. Man sei der Regierung mit vier Stunden zusätzlicher Präsenzzeit schon enorm entgegengekommen. Eine „Verlängerung der 40-Stunden- Arbeitswoche“ könne man aber nicht dulden. Der Streit um die Lehrergehälter geht somit in die nächste Runde, nun muss das Schlichtungsverfahren eine Lösung bringen. Sollte auch das nicht gelingen, stünden die Zeichen endgültig auf Streik. Keine rosigen Aussichten für eine schwarz-rote Regierung, zu deren größeren Reformvorhaben die Überarbeitung des Grundschulrahmengesetzes gehört. Um es umsetzen zu können, braucht sie die Unterstützung der Lehrer – und deren Vertretungen drohen nun, anderthalb Jahre vor den nächsten Wahlen, mit einem Reformboykott, sollten ihre Gehaltsforderungen kein Gehör finden.

Dass die Lehrerforderung, in der Gehältertabelle hoch gestuft zu werden, berechtigt ist, bestreitet die Regierung nicht. Auch wenn sie lieber den Grad E5 statt des geforderten E6 in der höheren Staatsbeamtenkarriere bewilligen will. Ihr bleibt schon aus Gerechtigkeitsgründen kaum etwas anderes übrig: Die Lehrerausbildung hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten von zwei, auf drei und schließlich auf vier Jahre verlängert. Neben der verlängerten Ausbildungsdauer führen die Gewerkschaften gestiegene Anforderungen an den Beruf an. Um ihre Argumentation zu untermauern, will die OGBL-nahe Lehrergewerkschaft SEW eine Umfrage bei ihren Mitgliedern starten. Unter sew@ogb-l.lu können sich Interessierte für die Arbeitsgruppe „L’enseignant face au stress“ anmelden. Ob das allerdings Aufschluss in punkto reale Belastung liefert, darf bezweifelt werden. Eine Langzeitstudie, für die 10 000 baden-württembergische Lehrer befragt wurden, ergab kürzlich, dass zwar innerhalb der ersten vier Jahre bereits jeder zehnte Lehrer überfordert ist. Die Ursachen dafür liegen jedoch weniger in zu viel Stress am Arbeitsplatz, sondern in einer falschen Berufswahl und geringer Motivation der Betroffenen. 

In Luxemburg sind die Arbeitsbedingungen im Vergleich zum Ausland ohnehin günstiger, und damit ist nicht die Bezahlung gemeint. Kommen auf einen Luxemburger Lehrer im Primärschulunterricht rund 12 Kinder, sind es beim französischen 19 und beim belgischen Nachbarn 13 Schüler. Die Präsenzzeit wurde vom damaligen Unterrichtsminister Fernand Boden (CSV) von 27 auf 23 Stunden gesenkt. Was eigentlich als verdeckte Gehaltsaufbesserung durch einkalkulierte Überstunden gemeint war, entpuppt sich im Nachhinein als schweres Erbe: Die Zeit, die für die Umsetzung der geplanten Reform des Grundschulgesetzes dringend gebraucht würde, fehlt jetzt. Denn sollte die Reform gestimmt werden, würden sich die Anforderungen an die Lehrer in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß ändern. Die Umstellung von Jahrgangsklassen in zweijährige Lehrzyklen, die landesweite Einführung von Sockelkompetenzen – das geht nicht ohne zusätzliches Engagement. Lehrer sollen verstärkt differenzieren, ihren Unterricht besser auf die vielfältige Schülerschar einstellen. Dafür sollen sie enger zusammenarbeiten – und mehr Zeit für die Betreuung und Förderung bekommen. 

So jedenfalls will die sozialistische Unterrichtsministerin Mady Delvaux-Stehres ihre Pläne verstanden wissen. Es gehe nicht darum, mehr zu arbeiten, „sondern anders“, sagt sie im Gespräch mit dem Land. Die 4+2-Variante meint sie damit nicht. Der Vorschlag stamme entgegen anders lautender Pressemeldungen „nicht aus unserem Haus“ und sei ohnehin pädagogisch schwer zu rechtfertigen. Ihre „Lieblingsvariante“ habe sie zu Beginn der Konzertierungsgespräche vorgestellt: Die Lehrer sollten ebenso lange in der Schule bleiben wie die Schüler. Das wären, sieht man vom Moral- bzw. Religionsunterricht ab, 26 Stunden. Die drei zusätzlichen Präsenzstunden böten genügend Zeit für Beratung und weiterer Förderung. Statt arithmetisch genau festzulegen, wie viel Minuten oder Stunden für Förderungskurse, Teambesprechungen,  Elterngespräche und ähnliches zu nutzen sind, müsse es darum gehen, den Schulen und Lehrern mehr Autonomie einzuräumen. Wie sie die zusätzliche Zeit einsetzen, bliebe dann „ihrer Freiheit überlassen“, so Delvaux-Stehres.

Bei den Gewerkschaften stößt der Vorschlag dennoch auf wenig Gegenliebe. Grundsätzlich habe man „nichts gegen mehr Präsenz“, so Michel Cloos von SNE/CGFP. Man sei jedoch strikt dagegen, den Grundschullehrer zusätzliche Belastungen aufzubürden. Der Botschaft der Ministerin, mit einem anderen Arbeitszeitmodell die pädagogische Flexibilität erhöhen und mehr Zeit für andere Aufgaben schaffen zu wollen, traut Michel Cloos nicht. „Wie soll das gehen, wenn zur jetzigen Tâche noch neue Aufgaben hinzukommen?“, fragt er ungläubig. Differenziert unterrichten, anders benoten, das alles sei ohne mehr Lehrkräfte – oder Mehrarbeit – nicht machbar. Letztere aber sei ausgeschlossen. 

Die Antwort zeugt nicht nur von einem begrenzten Vorstellungsvermögen, was neue Lehrmethoden und organisatorische Synergien anbetrifft, sie ist zudem ein typisch gewerkschaftlicher Reflex. Entsprungen einer Arbeitskampflogik, bei der sich „Siege“ in der Regel in Form von besseren Lohnabschlüssen oder mehr Freizeit ausdrücken. Denn tatsächlich kann niemand genau sagen, inwiefern das gewerkschaftliche Schreckensbild der „Mehr-als-40-Stunden-Woche“ auf die große Mehrheit der Luxemburger Lehrer zutrifft. Und ob sich mit besserem Zeitmanagement, Synergien aus Teamarbeit, neuen Programmen, weniger Hausaufgaben und ergo weniger Korrekturen nicht doch Zeiträume freischaufeln ließen, die den Schülern, um die es ja eigentlich gehen sollte, in anderer Weise zugute kommen könnten.

Die Argumentation der Lehrer und ihrer Vertreter zeigt zudem, dass größere, pädagogische Innovationen mit Gewerkschaften nur begrenzt zu haben sind. Als das hauptstädtische Comité de cogestion dem blau-grünen Schöffenrat vor anderthalb Jahren einen Vorschlag für eine Ganztagsschule vorlegte, wurde die Regelunterrichtszeit nicht angetastet. Auf neue Stundenmodelle jenseits vom sorgsam geregelten Sonderfall wollen sich die Lehrervertretungen partout nicht einlassen, das könnte ja Schule machen. 

Studien wie die dritte Zürcher LCH-Studie über die Berufszufriedenheit Schweizer Lehrer, wonach mit der Teamarbeit auch die Zufriedenheit steigt, werden in der Debatte ebenso ausgeblendet wie die wenigen, aber markanten Ergebnisse über die Luxemburger Lehrerschaft. Die Frage in der Pisastudie 2003, ob sich Lehrer für ihre Lernfortschritte interessieren und sie unterstützen, bejahten in Luxemburg jeweils fünf Prozent weniger Sekundarschüler als im OECD-Durchschnitt. Der Aussage, das Lernen der Schüler werde beeinträchtigt, weil Lehrer „nicht auf individuelle Bedürfnisse der Schüler eingehen“, stimmten 56 Prozent der Schulleiter zu,  der OCED-Durchschnitt liegt dort bei 33 Prozent! Die Situation ist in den Grundschulen nicht viel besser. Laut Lesestudie Pirls 2006 schätzt ein Großteil der Eltern und der Schüler das Schulklima als schlecht ein. Auch die didaktische Praxis und die Methodenvielfalt der Lehrer lassen Wünsche offen: Der großen Schülerheterogenität begegnen die meisten mit klassischem lehrergelenktem Frontalunterricht.

Anstatt nun diese Befunde ernsthaft zu analysieren, herrscht in weiten Teilen des Lehrer- und Gewerkschaftsmilieus jedoch betretenes Schweigen. Lieber wird mehr Gehalt gefordert, über zu viel Stress geklagt – und in Leserbriefen und Pressemitteilungen mit dem Finger auf die anderen gezeigt: auf Schüler, die nicht lernen, Eltern, die sich zu wenig für die Bildung ihrer Kinder interessieren, Politiker, die keine (oder die falschen) Visionen haben oder Forscher, die angeblich Äpfel mit Birnen vergleichen. Selbst der SEW wettert in seiner Mitgliederzeitung lieber gegen die Resonnaz internationaler Bildungsstudien wie Pirls oder Pisa als „Tanz um das goldene Kalb“ statt konstruktive Vorschläge zur Förderung schwacher Schüler zu machen; dabei bestätigen auch nationale Daten den dringenden Handlungsbedarf. 

In der Resolution, die rund 1 700 Lehrer auf der Protestversammlung von SEW und SNE am 11. Dezember  beschlossen hatten, erklärten sie sich bereit, „qu’ils acceptent les nouveaux défis et les responsabilités accrues résultant du projet de loi portant réforme de la loi scolaire de 1912 pour autant qu’ils contribuent à améliorer la qualité de l’enseignement. Was aber ist ein Ja zu Reformen wert, wenn im nächsten Atemzug bereits das große Aber folgt und jede andere Form der Arbeitszeitgestaltung von vornherein verteufelt wird? Ernsthafte Überlegungen über strukturelle Bildungsreformen werden so ihrer Substanz beraubt. Eine selbstkritische und öffentliche Reflexion darüber, wie viel die Lehrer durch eine veränderte Unterrichtspraxis zu besserer Schulqualität beitragen könnten, findet im gewerkschaftlichen Rahmen kaum mehr statt. Die pädagogische Reflexion, Grundvoraussetzung für Schulentwicklung, geschieht andernorts, in Arbeitsgruppen reformwilliger Lehrer wie dem Glen (Groupe luxembourgeois d’éducation nouvelle), in „pädagogischen Cafés“  von innovativen Modellschulen, an der Uni, im Unterrichtsministerium. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet unter einer sozialistischen Ministerin linke wie rechte Gewerkschaften gemeinsam mit einem Reformboykott drohen.

Sollten sie die Streikdrohung wahr machen, haben aber auch die Gewerkschaften etwas zu verlieren. Das wäre dann womöglich der Funke, der das Fass endgültig zum Explodieren bringt. 600 Anmeldungen verzeichnet die neue Laborschule Eis Schoul, die im Sommer ihre Türen öffnet. So groß ist der Ansturm, dass sich die Initiatoren bereits Gedanken machen, wie ähnliche Modelle landesweit angeboten werden könnten. In der integrativen Laborschule beträgt die Anwesenheitspflicht der Lehrer 30 Stunden, Team- und Elternberatungen eingeschlossen. Auch sonst werden Eltern aktiv. Beim Rundtischgespräch auf der Generalversammlung des Elterndachverbands Fapel vorvergangene Woche warfen erboste Eltern den anwesenden Ministern Francois Biltgen und  Mady Delvaux-Stehres vor, nicht genügend gegen den Reformstau, die hohen Schulabbrecherquoten und die wachsende Jugendarbeitslosigkeit zu unternehmen. Die Stimmung sei „kurz vorm Kippen“ gewesen, so Fapel-Präsidentin Michèle Retter. Offiziell hat die Fapel zu der Streikdrohung noch keine Stellung bezogen, das soll in den nächsten Wochen geschehen. Doch es sei höchste Zeit, dass endlich inhaltlich in der Schule etwas geschehe, so Retter: „Die beste Reformidee bringt nichts, wenn sie nicht bei den Kindern ankommt.“

Ines Kurschat
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