"Du machst das schon!"

d'Lëtzebuerger Land vom 07.09.2006
Pierre B.* ist Briefträger im Süden des Landes, ein Titulaire mit einer festen Tour. Seit dem 10. Juli hat sich einiges geändert an seiner Arbeit: „Es herrscht Chaos“, sagt er.

Dabei hatte der 10. Juli ein Datum sein sollen, an das die Mitarbeiter im Postdienst, aber auch ihre Kunden sich gern erinnern würden: In Bettemburg, in der Industriezone Krakelshaff, nahm das neue Centre de tri seinen Betrieb auf – größer als das frühere Sortierzentrum im Bahnhofsviertel der Hauptstadt und mit einer modernen Sequenziermaschine deutscher Fertigung ausgestattet, die die Postsendungen weitaus besser sortieren soll als die alte Anlage es tat. Gleichzeitig wurde in einem Teil der Südregion der Zustelldienst ab 10. Juli umfangreich reorganisiert. Die Zustellung nach Esch, Schifflingen, Düdelingen, Kayl, Rümelingen und Bettemburg erfolgt nun von einem einzigen Verteilzentrum aus, das sich in Bettemburg befindet. Von dort geht die Post in Autos weiter. Vor Ort wurden die Touren für die Briefträger verlängert. Wer vor dem 10. Juli 500 Haushalte zu beliefern hatte, kann jetzt für 900, in Esch für bis zu 1 000 zuständig sein.

Für Pierre B. bedeutet das seit zwei Monaten mindestens eine Überstunde pro Tag. Seinem Kollegen Roland S.* geht es ähnlich: „Die Postdirektion sagte uns vor der Reform, die längeren Touren würden kein Problem, weil die Post vom neuen Centre de tri besser sortiert ankäme. Das ist aber nicht so, es muss genauso viel per Hand nachsortiert werden, wie vorher.“

Roland S. „tun die Jungen leid“, die Remplaçants, die Neulinge im Beruf, die noch keine Titulaires sind und noch keine feste Tour haben. „Was morgens liegen bleibt, liefern sie mittags in einer zweiten Tour nach. Das heißt, sie absolvieren neben ihrer ersten Tour, die häufig wechseln kann, eine zweite für einen Titulaire“. Entsprechend höher sind für sie die Überstunden seit der Juli-Reform: „Ich habe diese Woche schon zweimal eine zweite Tour machen müssen“, sagt Jerôme A.*. Dann dauert der Arbeitstag nicht von 6 bis 14 Uhr, sondern bis 17 Uhr. Entschieden werden kann über die Ersatztouren schnell. Auch Ersatz-Briefträger Joël M.* hatte diese Woche schon zwei zu absolvieren. „Auf einer war ich vorher noch nie gewesen. Angelernt wurde ich nicht. Ich bekam einen Plan und gesagt, du machst das schon!“

Man könne reden, mit wem man will, „unsere Leute sind mit Murks und Hektik konfrontiert“, sagt Eugène Kirsch, Präsident der Bréifdréieschgewerkschaft. Die Postdirektion habe noch Anfang August gemeint, es handle sich um „Startschwierigkeiten“.
Aber es habe sich seitdem noch immer nichts geändert. Viel zu viel auf einmal sei reformiert worden. „Wir hatten empfohlen,
in Etappen vorzugehen.“

Tatsächlich scheinen im Raum Esch-Düdelingen-Bettemburg die Probleme dem Lawinenprinzip zu gehorchen. Da wäre zunächst die Sortiermaschine, die zurzeit nur 40 Prozent Leistung bringe, so Kirsch. Da müssten Arbeiter von Hand nachsortieren. Weil das unzureichend klappe, entstehe bereits dort Zeitverzug, Briefe blieben liegen. „Das ist kein Wunder, in Österreich erreichte man mit der gleichen Maschine nach zwei Jahren 80 Prozent Zuverlässigkeit. Unsere Direktion meinte, hier gelinge das sofort.“

Diese Minderleistung betrifft das ganze Land, führt aber zu besonderen Problemen im reorganisierten Zustellraum im Süden, für den man davon ausgegangen war, dass die Sortierung funktionieren werde, von 427 Briefträger-Touren 62 strich und die übrig gebliebenen verlängerte.

„Gleichzeitig aber müssen die Briefträger dort neuerdings auch wieder Pakete zustellen“, sagt Eugène Kirsch. Dabei hatte das Postunternehmen nach der EU-weiten Paketmarktliberalisierung ab Ende des Jahres 2000 die Zustellung an einen von ihm zu hundert Prozent übernommenen Privatbetrieb gegeben. „Nun kommt ein Teil zu den Briefträgern zurück.“ Die aber werden der Zustellung nicht immer Herr. „Heute zum Beispiel“, sagt Ersatz-Briefträger Joël M., hatten wir beim besten Willen keinen, der die Pakete ausfahren konnte. Dann liegen sie da.“

Dass es dazu kommt, hat unter anderem auch damit zu tun, dass zwischen Esch und Bettemburg die Post in Autos weiterverteilt wird. Ehe die Briefträger sie benutzen können, sind die Fahrzeuge allerdings für die Messagerie postale gebunden – die dritte Teilreform, die das Postunternehmen ab dem 10. Juli umgesetzt hat. Seitdem stellt sie landesweit neben den Tageszeitungen
Lëtzebuerger Journal und Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek nun auch Tageblatt und Quotidien, d’Wort und La Voix zu. Ab drei Uhr nachts werden die Zeitungen verteilt, und das sollte bis gegen sechs, sieben Uhr abgeschlossen sein. Dass das klappt, ist im Süden besonders wichtig, damit die Fahrzeuge gegen acht Uhr von den Briefträgern genutzt werden können. „Aber heute“, sagt Roland S., „fehlte um acht Uhr die Hälfte der Autos. Das ist nicht selten. Da bleiben dann Pakete liegen.“ Und mitunter könnten die Touren erst um zehn Uhr beginnen.

Das Grundproblem besteht für den Präsidenten der Bréifdréieschgewerkschaft darin, dass die Postdirektion versuche, „von einem Minimum an Arbeitskräften ein Maximum an Arbeiten erledigen zu lassen“. Die Reorganisation der Touren und Dienste zwischen Bettemburg, Düdelingen und Esch sei „sehr komplex“, betreffe nicht nur Briefträger, sondern auch Arbeiter. Nun aber zeige sich, dass nicht nur für die Zustellung von Briefen und Paketen Personal fehlt, sondern auch für die Füllung der Postfächer oder die Leerung der Briefkästen. „Das ist Missmanagement. Dabei ist jetzt noch Ferienzeit und Sommer – was soll erst nach der Rentrée werden, und was in der kalten Jahreszeit?“

Postdirektor Paul Peckels kann aus terminlichen Gründen auf die Feststellungen der Bréifdréieschgewerkschaft nicht eingehen. Am heutigen Freitag wird sich die Postdirektion mit den Gewerkschaftlern erneut treffen. Ihre Kritiken hatten sie der Direktion in einem Brief Mitte August mitgeteilt. Die Lösung liefe für die Gewerkschaft auf die kurzfristige Einstellung zusätzlichen Personals
hinaus. Die Direktion, sagt Eugène Kirsch, habe das abgelehnt.

Denn eigentlich beginnen die Restrukturierungen im Postdienst erst jetzt richtig. Die Reorganisation, wie sie zwischen Bettemburg und Esch vorgenommen wurde, soll bis 2012 etappenweise landesweit vollzogen werden; von einst 44 regionalen
Verteilzentren soll es dann noch zwölf geben. Dass „die alten Zeiten vorüber“ seien und „unsere Leute sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass wir nur noch ein Distributionsunternehmen sind“, meinte schon im Herbst 1999 der damalige Direktor der Postdivision, als die Gewerkschaft der Briefträger bereits über „immer schlechtere Arbeitsbedingungen“ ihrer Basis klagte (d’Land, 26.11.1999). Unterdessen wurde der Postsektor europaweit, ähnlich wie Eisenbahn, Telekommunikation und Energiewirtschaft, schrittweise immer weiter liberalisiert. Anfang 2003 fiel in Luxemburg das Monopol der EPT für Briefsendungen über hundert Gramm Gewicht, Anfang dieses Jahres das 50-Gramm-Limit, und spätestens 2009 dürfte der EU-Briefmarkt
vollständig für die Konkurrenz geöffnet sein. Für den Paketmarkt ist das bereits seit 1999 der Fall. „In absehbarer Zukunft“, erklärte Postdirektor Peckels am 15. Juli in einem Tageblatt-Interview, sehe man „natürlich keine Möglichkeit, massiv Leute einzustellen. Die Zeiger in dieser kompetitiven Zeit stehen eher auf Rationalisierung und Effizienzsteigerung“. Die Post müsse ihre „aktuellen Kräfte optimal einsetzen, um kostendeckend zu arbeiten“. Auch für die Zustellung von Briefen unter 50 Gramm existiere das Monopol der Post „nur noch auf dem Papier“.

Doch wenn die Verhältnisse seit dem 10. Juli so sind, wie von der Bréifdréieschgewerkschaft und ihrer Basis beschrieben, dann riskiert die Post nicht nur, unter ihren aktuellen Kräften immer unzufriedenere Mitarbeiter zu haben, sondern auch an Dienstleistungs-Qualität zu verlieren.

2004 betrug die Erfüllung des J+1-Kriteriums (der Anteil der am Tag nach der Absendung zugestellten Briefsendungen) 97,36 Prozent und 97,8 Prozent im vergangenen Jahr. Der Anteil der berechtigten Reklamationen der Postkundschaft lag 2005 im Brief-Bereich bei 0,00027 Prozent, im Paketdienst bei 0,12 Prozent. Nicht nur Eugène Kirsch fürchtet, dass diese Qualitätskennziffern
sich 2006 verschlechtern werden, auch die Briefträger im Reform-Bezirk sorgen sich um das Image ihres Betriebes, „vor allem, wenn der Winter kommt“, sagt Roland S.

Interessieren müssten diese Zusammenhänge allerdings auch die Regierung, denn der Staat ist hundertprozentiger
Anteilseigner an der 1992 in ein Établissement public umgewandelten früheren Postverwaltung und schreibt ihr gesetzlich die Erfüllung eines flächendeckenden postalischen Universaldienstes vor. Wie mit den aktuellen Kräften kostendeckend zu arbeiten sich in der Praxis auf Qualität und Arbeitszufriedenheit reimt, entscheidet nicht nur der Markt, sondern auch der für den Postsektor zuständige Wirtschaftsminister – und der Finanzminister.

Nach Ablauf des Geschäftsjahrs 2005 genehmigte sich der Staat aus den Einnahmen der gewinnbringend wirtschaftenden EPT eine Dividende von 35 Millionen Euro. Der EPT-Verwaltungsrat hatte weniger vorgeschlagen, zur Aufbesserung der Einnahmenseite des Staatshaushalts wollte das Finanzministerium jedoch mehr haben.

Und in einem Punkt hat offenbar auch Wirtschaftsminister Jeannot Krecké es versäumt, die organisatorischen Probleme bei
der Zustellung abzuwenden: Erwiesenermaßen macht die Übernahme der Anlieferung sämtlicher Luxemburger
Tageszeitungen durch die Messagerie postale der Post die Probleme noch größer. Umso mehr, da in der Zwischenzeit Mitarbeiter der Messagerie gekündigt haben und die EPT-Postdivision über Zeitungsannoncen seit letzter Woche neue Austräger sucht. „In Gesprächen mit uns“, erinnert sich Eugène Kirsch, „hatte der Wirtschaftsminister die Zustellung aller Tageszeitungen durch die Post bis 6.30 Uhr für unzumutbar für den Betrieb gehalten. Am Ende aber verteidigte er die Pläne.“

Mit den organisatorischen Änderungen der Vergangenheit sind für Kirsch die Reformen vom 10. Juli nicht zu vergleichen. „Die Briefträger machen nicht erst seit heute Überstunden. Der Unterschied besteht darin, dass die Arbeit mit dem vorhandenen Personal nun einfach nicht mehr zu bewältigen ist.“ Sehe die Postdirektion das bei den Gesprächen am heutigen Freitag nicht ein, sehe die Gewerkschaft sich zu Aktionen gezwungen, notfalls bis hin zur Einleitung der Streikprozedur.
* Namen von der Redaktion geändert
Peter Feist
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