Eine Baustelle

d'Lëtzebuerger Land du 07.09.2018

Wir gehen, hatten sie gesagt. Gestern nach einem Abend, an dem sie sich getroffen hatten, wie immer. Sie hatten sich etwas angeschaut aus Farben, Bewegungen, Geräuschen. In einem dafür vorgesehenen Gebäude. Etwas getrunken. Kalt und alkoholhaltig.

Heute durch die Auswüchse der Stadt, die sich dehnen, aufpumpen, treiben, immer weiter hinein, geht er, in den Gedanken verloren. Er sucht nach einem Anfang.

Ein plötzlicher Schnee. Schnee im Sommer. Er mittendrin, sieht seine Freunde ungläubig. Wir gehen, sagen sie. Wörter fallen. Er sieht nicht wohin. Versucht sie aufzufangen. Mit dem Mund, mit dem Verstand, hält die Hand drunter, ein Ohr. Dabei ist es zu warm. Viel zu warm. Wenn er sie hat, für Sekunden hat, schmelzen sie dahin. Egal. Er versucht trotzdem zu verstehen und auch nicht. Abwechselnd. Er fühlt sich wieder klein. Die anderen raffen den Schnee vom Boden, spielen damit, formen Kugeln, bewerfen sich, lachen. Er steht daneben und versteht nichts. Erstens nicht, wie es denn Schnee im Sommer geben kann. Und zweitens schon mal gar nicht, wie man sich darüber freuen kann. Das hat er dann auch gesagt. Wir gehen, sagten sie. Und dann sind sie auch gegangen. Das war gestern.

Seine Limonade und sein Omelett will er sich jetzt nicht nehmen lassen. Wegen zwei Wörtern. Er geht in die Rue des Bains, durch die große Straße, weiter in die Rue Aldringen, wie immer. Wie jeden Tag. Wie jeden Sommer.

Um 10.34 Uhr steht er da. Am 27. August. In der Rue. Im zweiten Winkel der vierten Seite abgegrenzt, durch Pfeiler genau abgemessen. Die Baustelle ist begrenzt.

Das ist ein Sommer. Mit den Geräuschen dazu. Das Bohren, das Graben. Das Umreißen. Männer schaffen, reißen nieder. Tragen Sand ab. Vermischen sich mit Staub. Es ist so laut, so dumpf, alles auf ein Mal. Staub mit Tauben. Ein Schleier mit bewegten Elementen. Mit Tieren, die sich im Dunst immer wieder ausdehnen. Durch und drüber.

Hier fliegt uns alles um die Ohren.

Hatten sie so gedacht? Hatten sie gedacht, jetzt wo gebaut wird, gehen wir. Irgendwann kommen wir wieder. Wenn’s fertig ist. Wenn’s steht. Wenn’s glänzt und man sich spiegelt im Vorbeigehen. Wenn man sich plötzlich erkennen kann. Sich oben auf dem Dach ins Grüne setzt. Wenn man lange gelaufen ist und sich ausruhen will. Wenn’s so einfach wäre, wie manche Menschen sich’s machen. Gerade sie. Die es besser wußten. Seine Freunde. Künstler wie er.

Auf der Terrasse bestellt er sein Essen. Zum Essen zu unruhig, hört er nach ein paar Bissen auf. Es hat gepasst. Immer. Mit ihnen. Er braucht etwas Abstand zum Teller. Er drückt sich zurück in den Stuhl.

Wir gehen, hatten sie gesagt. Endgültig. Aber so wie man sagt, einkaufen gehen. Kaufen dort ein bisschen Butter, Milch, Eier. Man vergisst eine Ware, geht zurück, schreibt die Liste neu, kommt zurück, vergisst das Geld, kommt zurück, streicht ein Wort, das Rezept ändert sich, kauft etwas anderes, kommt an, sieht etwas Neues, kauft es dazu, lässt etwas weg. So in etwa hatten sie es gesagt. Man geht über die Straße, durch den Park, durch das Grün, das Wasser, die Hecke, den Fluss. Die Grenzen, eine der dreien. Egal welche.

Vor den Wörtern hatte er sie noch gekannt. Wir, hatten sie gesagt. Er war nicht gemeint. Er nimmt einen Schluck. Er meint sich ja selber nicht mehr. Von weiter entfernt beobachtet er. Unter der aufgewühlten Stelle liegt ein Teppich, den er nie mehr sehen wird. Aber gehen? Sein Kopf und er sind einer Meinung. Diese Meinung ist mehr ein Gefühl. Ein Gefühl, mit dem die Stadt einverstanden ist. Er starrt ins Nichts. Der warmen Luft fügt er seinen Atem hinzu. Seine Lippen formen ein kleines Tor zu seiner Welt. Leise, ganz leise in dem Moment. Ich bleibe. Der ausgesprochene Hauch breitet sich in ihm aus. Als könne er davon leben. Fast schwebt er schon. Tiefe Befriedigung seines Andersseins. Nein, anders waren sie. Schon fremd. Vielleicht immer schon fremd gewesen. Ja so war es. Ausgesprochen, was schon jahrelang zwischen ihnen lag. Unter ihnen. Zwischen den Baustellen. Überall. Vergiftet, dort wo Platz war.

Er möchte sein Essen zurückgehen lassen. Jetzt. Hier kennt man ihn. Das ist ihm noch nie passiert. Es schmeckt nicht. Nichts wird mehr so sein. Die Kellnerin weiß, dass etwas nicht stimmt. Blicke wandern diskret zu ihm. Er will sagen, dass es zu heiß ist. Das Essen oder vielleicht auch das da draußen. Dass dies vielleicht ein Grund ist. Eine Möglichkeit. Ein Angebot, aus der Sache heraus zu kommen. Mit einem Lächeln. Nein, ein richtiges Lachen. In das man sich verliert, um sich Peinlichkeiten zu ersparen. Er hat gestern nichts gesagt. Nichts erwidert. Keine Regung gezeigt. Er glaubt sich zu erinnern, dass er weggeschaut hat. Es ist zu heiß. Ja, er hat weggeschaut. Er blickt auf den Tisch. Sein Teller ist weg.

Wie wird der nächste Sommer aussehen. Der darauf folgende. Wo wird er sitzen. Vor allem wie. Worauf. Worauf schauen. An was wird er denken. Aus welcher Höhe. Aber worauf wird er schauen. Und wer wird neben ihm sitzen. An welche Worte wird er sich erinnern, an welche nicht.

Er denkt, dass er vielleicht immer an diesen Sommer denken wird. Immer, dass es der Sommer davor gewesen war. Dann der Sommer vor zwei Jahren. Der Sommer vor drei. Dass sie weg sind und mit ihnen ein Ort, den es nicht gegeben hat, von dem er nur geglaubt hatte, dass es ihn gibt. Ein Ort, den es nur gegeben hat, weil er daran geglaubt hatte. Und er hatte geglaubt, weil sie da waren. Worin wird er rühren, was wird er trinken. Vielleicht, denkt er. Vielleicht wird er nicht mehr hierher kommen. Sondern den Sommer einfach verreisen. Anderes sehen. Irgendwohin gehen, wo er nicht sehen würde, was es vorher gegeben hat. Sondern alles sehen wie sein erstes Mal. Eine kurze freie Zeit zwischen zwei Jahreszeiten. Auch er kann gehen. Nicht endgültig. Sondern eintreten in das, was man Ferien nennt. Was macht es denn überhaupt für einen Unterschied, ob man eine Woche, drei Monate oder Jahre geht. Das Davorstehen ist immer gleich. Man weiß es nicht. Später vielleicht. Nur vorher nicht. Genau das war es, was ihn aufgeregt hat. In dem Satz lag die Arroganz eines Wissens über eine kommende Zeit. Diese Endgültigkeit für lange Zeit. Und doch wusste auch er, was ein Urlaub ist und was ein Leben.

Er denkt an die, die vor ihm kamen. An seinen Vater, seine Mutter. An seine Großmutter. Natürlich würde er bleiben. Hier. Wo seine Ahnen ihn finden würden, wenn sie noch suchen könnten. Wo er war, als die letzten Worte gesprochen waren. Wo er blieb, als sie gingen. Und dort auch, wo sie ihn mit ihren eigenen Augen als letztes gesehen hatten. Dies war der Ort. Er schaut ins Nichts.

Er will nichts überqueren. Sondern am Fluss sitzen, bis das Wasser abfließt. Das Eis taut vielleicht schon. Gehen kann jeder. Bleiben ist eine Kunst. Hier zu bauen, zu mauern. Ja es war nichts gut. Wo war es das schon. Das kann nichts werden. Wenn alle gehen. Es wird schwieriger. Zu säen. Zu ernten. In der Hitze. Freunde waren es keine. Er hatte es ein Mal geglaubt. Flüchtige Bekannte jetzt. Auf der Flucht. Aus dem Land. Nach drüben.

Er sieht die Kellnerin, sie räumt einen Tisch frei. Schafft Platz für Touristen, die gerade angekommen sind. Jetzt Gäste, schauen sie auf die Tauben an der Leinwand, regen sich über den Lärm auf. Trotzdem zu müde, um weiter zu gehen. Er blickt ins Nichts. Bewegungen, das Umrühren, ein Löffel im Mund, er bricht den Keks, schiebt sich ihn unter die Zunge, kratzt sich im Gesicht, streicht sich Haare aus der Stirn, bewegt seinen Fuß, der mittlerweile eingeschlafen ist.

Er lässt den Nachmittag los. Ein Nachmittag. Ein Sommer. Ein Hauch streift ihn. Er ist in den Gedanken verloren. Ein Hauch streift ihn. Er schreckt hoch. Wundert sich. Fragt sich, was gewesen ist. Vergeblich. Der Moment vorbei.

Er sieht das Haus. Das dort noch steht. Jeden Tag. Wie er. Haus 49. Er denkt an eine Oase in der Wüste. Er denkt nur an eine Wüste. Er bestellt noch eine Limonade. Das Haus und er. Nach der Limonade will er rüber gehen und klingeln.

Seine Blicke suchen nach einem Anfang. Alles muss aufgepumpt werden. Das Herz der Stadt. Alles durchpumpen so, dass es boomt und pocht und pocht und lebt und immer weiter pumpen und pumpen. Sein Körper ist schlaff. Er will nichts mehr verteidigen, das man nicht verteidigen kann. Er will keine Angreifer bekämpfen und sich nicht schreiend auf Mauern werfen. Keine Festung schützen, die niemand mehr einzunehmen versucht. Es ist auch zu heiß.

Er lacht und schaut geradeaus.

Sieht Wolken und Staub.

Gestern ein zarter Anflug von Leichtigkeit in den Worten seiner Freunde.

Heute liegen sie dumpf.

Es bleibt ein Hauch.

Katharina Bintz
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