Werden Ideen zu „Smart Cities“ in erster Linie als business-freundliche Projekte realisiert, statt auf alle Bürger bezogen, können sich soziale Probleme verschärfen. Wofür es vor zehn Jahren schon Beispiele gab

Rifkin in der Stadt

d'Lëtzebuerger Land du 17.11.2017

Auf einem vielleicht anderthalb mal einen Meter großen Touchscreen in Tischform ist eine Karte von Luxemburg-Stadt und Umgebung zu sehen. Man kann mit einem Fingerwischen hinein und heraus zoomen, aber nicht nur das: Die Software hat Zugriff auf ein Reservoir an topografischen und Verkehrsdaten. Sie kennt die Resultate von Luftmessstationen, sie kennt die Emissions- und Verbrauchskennziffern von LKW, sie weiß Bescheid über die Verkehrsregeln auf den Straßen und nicht zuletzt über die Materialflüsse, die an ausgewählten Baustellen im Stadtgebiet benötigt werden.

Success lautet der ziemlich verpflichtende Name eines EU-Forschungsprojekts, an dem Computerwissenschaftler des Luxembourg Institute of Science and Technology (List) in Belval beteiligt sind. Es geht um Logistik, um die Optimierung der Materialflüsse zu Großbaustellen bei gleichzeitig möglichst wenig LKW-Verkehr und möglichst wenig Schadstoffemissionen. Der Zugriff auf die vielen Datensätze soll es erlauben, die beste Entscheidung zu treffen: Welche Materialien wann und über welche Straßen transportiert werden. Ob man eher große oder kleine Laster dafür nutzt und welcher Euro-Schadstoffnorm sie genügen sollen. Nicht zuletzt soll die Konfiguration mit dem großen Tisch-Touchscreen es ermöglichen, dass verantwortliche Personen gemeinsam die beste Entscheidung treffen, ähnlich wie Stabsoffiziere bei einer taktischen Lagebesprechung. Dazu werden LKW, aber auch Material wie Spielfiguren über den Bildschirmtisch geschoben. Durch einen eingebauten Chip werden sie erkannt; dreht man sie, lassen sie sich konfigurieren. Anschließend lässt sich simulieren, was die Entscheidung für Auswirkungen hätte.

Diese Anwendung gehe in Richtung „Smart City“, sagt Projektleiter Francesco Ferrero, Computerwissenschaftler am List. Er sagt das vorsichtig, denn die schlaue Stadt ist zurzeit noch eher ein Hype, ein ähnlich wenig fassbarer Begriff wie das „Internet of things“ oder die „Sharing Economy“, die nach der „dritten Industriellen Revolution“ Einzug halten soll. Absehbar sei aber: „Es werden immer mehr Daten gewonnen.“ Sei es zum Beispiel, dass das in Städten ganz gezielt erfolgt. Oder sei es, dass Internet-Firmen Daten sammeln – etwa, wenn Smartphone-Nutzer zustimmen, ihre Position weiterzugeben.

Dann fragt sich natürlich, was mit den Daten geschieht. Doch das ist nicht nur eine Frage von Datenschutz. Francesco Ferrero beschäftigte sich schon, ehe er ans List kam, am Politechnico in Turin mit dem Konzept „Smart City“. Nicht nur mit dessen technischen Umsetzungsmöglichkeiten, sondern auch mit soziologischen und ideologischen Implikationen. „Smarte Städte“ werden manchmal auch „intelligente Städte“ genannt. Den Begriff „digitale Stadt“ gibt es ebenfalls. Zuvor war die „elektronische Stadt“ angesagt, aber auch die „unternehmerische Stadt“. Soll heißen: Oft heften gerade dort, wo der Wandel von der verarbeitenden Industrie zur Dienstleistungswirtschaft besonders ausgeprägt ist, Städte sich ein solches Etikett an, versuchen IT-Firmen, neue Technologiebetriebe und hochqualifizierte Fachkräfte anzulocken, winken mit Steuergeschenken und Beihilfen, bringen lokale Universitäten ins Spiel und möchten ein „Ökosystem“ zum Gedeihen bringen. Welches smarte Produkte und Lösungen hervorbringen soll, die nicht zuletzt ökologisch nachhaltig wären, indem sie Verkehr vermeiden, Energie sparen oder Ressourcen schonen helfen. Die wissenschaftliche Literatur sei allerdings voller Beispiele, bei denen das nicht so klappte wie gehofft. Schon deshalb weil, wenn jeder smart sein will, sich der altbekannte Konkurrenzkampf einstellt, und findet privates Kapital anderswo bessere Verwertungsbedingungen, zieht es in die nächste smarte Stadt.

Dabei ist „Datennutzung in der Stadt“ aber ohne Zweifel ein Synonym für Fortschritt. Das habe sich schon Mitte des 19. Jahrhunderts in London gezeigt, erklärt Francesco Ferrero: Dort kam 1854 der Arzt John Snow den Ursachen einer Cholera-Epidemie auf die Spur, nachdem er auf einer Karte der Stadt auftrug, wo die Todesfälle sich ereignet hatten, und herausfand, dass die Cholera-Erreger nicht durch die Luft übertragen wurden, sondern von einer Wasserpumpe ausgingen, die mit infiziertem Abwasser belastet war.

Was das für heute heißt? Zum Beispiel, dass die Gewinnung von Daten und ihre Auswertung die Grundlage für eine „evidenzbasierte Kommunalpolitik“ sein können. So ähnlich wie die kollaborative Suche nach der besten Lösung an dem Touchscreen-Tisch zum Thema Verkehr und Materialfluss von und zu Baustellen. Oder wie eine andere Anwendung des List es demonstriert – eine 3D-Simulation von Baustellen großer Gebäude. Sie erlaubt, sämtliche Planungs- und Realisierungsschritte vorwegzunehmen und Bauherrn, Architekten, Ingenieure und Handwerksbetriebe in Dialog miteinander zu bringen. Die Luxemburger Branche interessiere sich dafür schon, denn „Dialog am Bau“ sei eher nicht die Regel. Aber wenn es Nerven schont und Geld spart, wieso nicht?

Die Kollaboration von Entscheidern aus Wirtschaft und Verwaltungen dank neuer Technologien zu verbessern, ist allerdings nicht alles, wenn es um „Smart Cities“ geht. Francesco Ferrero gehört zu jenen Theoretikern, die finden, Konzepte dafür müssten die Bürger als Bewohner und Nutzer der Stadt und als politische Subjekte in den Mittelpunkt rücken. Noch gebe es keine Beispiele für geglückte Smart-City-Konzepte abseits vom Standort-Marketing, sagt Ferrero, nur „Ansätze“ dafür. In Barcelona gebe es interessante Ideen, in Amsterdam auch, und dass die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo vor Jahren entschied, einen Teil des kommunalen Haushalts als „Budget participatif“ der Mitsprache der Bürger zu übergeben, gehe prinzipiell ebenfalls in diese Richtung, weil das auf mehr Bürgerbeteiligung abziele.

Smarte Stadt Luxemburg?

Smart-City-Ideen klingen natürlich wie ein Teil der laufenden Rifkin-Debatte. Dass sie nicht bloß Zukunftsmusik sind, wird dadurch klar, dass die potenziell nutzbare Datenmenge wächst. Auch in Luxemburg-Stadt ist „Smart City“ kein unbekannter Begriff, wenngleich er noch nicht zum Marketing benutzt wurde – vielleicht, weil die Stadt als weiterhin prosperierender Finanzplatz das nicht nötig hat. Im neuen Schöffenrat aber wird Serge Wilmes von der CSV, der künftige Erste Schöffe, das Ressort Digitales übernehmen; darauf hat er ausdrücklich bestanden. Was damit verbunden sein soll, wird die Schöffenratserklärung von DP und CSV enthüllen. Bislang ist DP-Schöffe Patrick Goldschmidt für den Bereich zuständig. Er habe, sagt er, darauf gehalten, dass neue informationstechnische Ansätze zwischen den Fachdiensten der Stadtverwaltung koordiniert werden.

Und obwohl die Hauptstadt bislang offenbar noch kein umfassendes Konzept dafür hat, gewinnen verschiedene Fachdienste schon seit längerem eigene Daten: Im Verkehrsbereich, aber auch in der Wasserversorgung sei man schon „ziemlich weit fortgeschritten“, erklärt Corinne Pommerell, die IT-Chefin der Stadtverwaltung. Und die Entwicklung geht weiter: Der Busbetrieb AVL betreibt nicht nur seit 2010 ein computergestütztes Leitsystem. „Wir zählen mittlerweile über Sensoren in den Bustüren die Fahrgäste in den Bussen“, sagt Lex Bentner, Chef de service beim AVL. Weitere Anwendungen seien möglich: Stimmten die Passagiere zu, sich über ihre Smartphones orten zu lassen und das an den AVL zu übermitteln, ließe sich in Echtzeit erfassen, welche Busse in Spitzenzeiten besonders voll sind. „Dann könnten wir kurzfristig Verstärkung bereitstellen. Oder, wenn die Verkehrslage besonders angespannt ist, den Leuten per Push-Mitteilung alternative Routenvorschläge machen.“

Eine eigene App namens VDL, die nicht nur, aber vor allem Mobilitätsinformationen liefert – von den Bussen über die Belegung der Parkhäuser bis hin zu freien Fahrradleihplätzen oder den wartungsbedingten Schließzeiten des Lifts zwischen Oberstadt und Pfaffenthal –, hat die Stadt programmieren lassen. Bisher sei sie 40 000 Mal installiert worden, berichtet Corinne Pommerell, und sie werde im Schnitt 2 250 Mal am Tag aufgerufen. Dass die Stadt für die App noch kaum Werbung gemacht hat, liege daran, „dass wir sie erst einmal testen wollten“, räumt Patrick Goldschmidt ein. Aber weitere Informations angebote seien möglich. Er kann sich auch vorstellen, dass die Stadt Daten „offen“ zur Verfügung stellt. Wie etwa jetzt schon das Solarkataster, auf dem Solarstrom-Interessenten die Energie-Ergiebigkeit ihrer Dachlage prüfen können. Vielleicht kämen ja demnächst Handwerksbetriebe auf die Idee, die besten Sonnenstandorte aus dem Kataster zu ermitteln, um die Hausbesitzer aufzusuchen und ihnen Angebote zu machen. Oder vielleicht meldet ein großes Internetunternehmen sich und nutzt die Stadt als „Testbed“. Er denke jedoch nicht in erster Linie an „Business Opportunities“ in einer „smarten“ Stadt, versichert Patrick Goldschmidt auf Nachfrage. „Vor allem muss das eine Entwicklung sein, die den Bürgern zugute kommt und ihre Lebensqualität verbessert.“

Ein wenig klingt das nach dem letzten DP-Wahlprogramm, aber wahrscheinlich sollten verantwortungsbewusste Kommunalpolitiker das so sehen. Es ist zwar schon fast zehn Jahre her, dass der britische Soziologieprofessor Robert G. Hollands 2008 in einem absichtlich polemisch gehaltenen Wissenschaftsartikel1 die Ansätze zu „Smart Cities“ vor allem in Nordamerika, Großbritannien und Australien Revue passieren ließ. Und anhand zahlreicher Beispiele aus unter anderem Ottawa, San Diego, Brisbane, Leeds oder Newcastle zeigte, welche Auswirkungen es haben kann, wenn versucht wird, „smart“ und „digital“ allein als neue Art von business-freundlicher Ausrichtung von Städten zu verwirklichen: Neue Branchen können sehr wohl enstehen und internationale Talente angezogen werden. Mehrwert wird geschaffen und eine hippe Alltagskultur kommt auf; zumal, wenn ICT und anderen neuen Technologiebranchen auch die „Kreativindustrie“ nachfolgt. Doch nicht jeder Bürger wird damit erreicht. Dann besteht die Gefahr, dass Wohnen immer teurer wird, die Gentrifizierung der Stadt einen Extraschub erhält, Kulturangebote bis hin zum Nachtleben sich derart polarisieren, dass alles Neue für „nicht-smarte“ Bürger uninteressant oder unerschwinglich wird. Die von der vermeintlich nachhaltigen Entwicklung Abgehängten finden sich dann als Dienstboten der ebenfalls vermeintlich fortschrittlichen Klasse wieder – und die sozia-
len Probleme einer Stadt werden größer als vorher.

1 Robert G. Hollands (2008): „Will the real smart city please stand up?“, City: analysis of urban trends, culture, theory, policy, action, 12:3, 303-320

Peter Feist
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