Polemik um die Rifkin-Mission

Platin-Partner der Zukunft

d'Lëtzebuerger Land du 02.10.2015

Über zehn Monate und vier Phasen zieht sich die Zusammenarbeit von Regierung, Handelskammer und dem Expertenteam von Jeremy Rifkin. Die 450 000 Euro – „ein Schnäppchen“, wie Rifkin sagt, teilen sich Regierung und Handelskammer. Die Beteiligung an der Finanzierung steht Privatunternehmen über eine Art Sponsoring offen, Post und Energiekonzerne, aber auch andere seien daran interessiert, so Wirtschaftsminister Etienne Schneider. Mit ein wenig Humor könnte man sagen, sie wollen Silber-, Gold- oder Platin-Partner der Luxemburger Zukunft werden.

Humor sollten die Beteiligten allemal mitbringen, sonst riskieren die zehn Monate eine sehr anstrengende Zeit zu werden. Denn kaum hatten Etienne Schneider, Jeremy Rifkin und Handelskammer-Generaldirektor Carlo Thelen die Zusammenarbeit bei der Suche nach einem neuen Wirtschaftsmodell angekündigt, sagte Handelskammer-Präsident Michel Wurth im Luxemburger Wort, es sei „naiv“ Rifkis Ideen einfach so auf Luxemburg übertragen zu wollen, denn sie würden auf niedrigere Wachstumsraten hinauslaufen. Die Initiative 2030.lu habe ein ganzes Buch mit Zukunftsideen für Luxemburg zusammengetragen, so ein über das geringe Echo merklich enttäuschter Wurth.

Wurth war nicht der einzige, der kritisierte, dass man Rifkin Geld für Zukunftsideen geben würde, wenn die eigenen, umsonst zur Verfügung gestellten Konzepte nicht beachtet würden. Auch der ehemalige OGBL-Präsident und Vorsitzende der Arbeitnehmerkammer Jean-Claude Reding beschwerte sich im Wort. Die Konstellation ist also ein wenig anders als beim letzten Mal, als ein bekannter Wirtschaftsexperte zu Rate gezogen wurde. Die Arbeitnehmernehmerseite allein war es, die den Wettbwerbsfähigkeitsguru Lionel Fontaigné kritisierte. Regierung und Patronat gehörten zu den Fans des französischen Ökonomen. Nun sind sich ausgerechnet Michel Wurth und Jean-Claude Reding einig, dass die dritte industrielle Revolution keine so gute Idee sei. Vielleicht liegt es daran, dass der ehemalige Arcelor-Mittal-Manager sich fragt, wie in der „kohlenstofffreien“ Zukunft, die Rifkin ausmalt, noch Stahl produziert werden soll? Ob Jean-Claude Reding die sharing economy“ im Verdacht hat, ein Feigenblatt für die Auflösung geregelter Arbeitsverhältnisse zu sein?

Michel Wurth jedenfalls wird den Prozess beeinflussen können, denn als zahlender Partner der Studie sitzen die Mitarbeiter der Handelskammer, unter anderem Marc Wagener, der auch die treibende Kraft hinter 2030.lu war und der Fondation Idea ist, mit im Boot. Wie und wann sich die Gewerkschaften und andere Vertreter der Zivilgesellschaft am Prozess beteiligen dürfen, ist derzeit noch nicht klar.

Das ist eine bewusste Entscheidung, sagt Tom Eischen vom Wirtschaftsministerium, weil man den Ablauf des Projekts nicht vorwegnehmen und zusammen mit dem Experten-Team von Rifkin aufstellen wolle. Das schließe aber keinesfalls aus, dass sie an den expert sessions teilnehmen, der dritten Phase, in der das in der zweiten Phase erarbeitete Strategie-Projekt diskutiert und geprüft werden soll, bevor in der vierten Phase die definitive Strategie festgelegt wird. In der ersten, der Datenfindungsphase, unterstreicht Eischen, gehe es vor allem darum, den ausländischen Experten die Besonderheiten der Luxemburger Wirtschaft zu erklären und dafür zu sorgen, dass Luxemburg nicht das gleiche Konzept angeboten werde, wie anderen Regionen, die mit Rifkin zusammengearbeitet haben. Das Fontaigné-Trauma sitzt tief.

Michèle Sinner
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