Bilanz der Gemeindewahlen 2005

Totgesagte leben länger

d'Lëtzebuerger Land vom 13.10.2005
Paul Helminger, der brillante Sieger des kommunalpolitischen Doppelduells in der Hauptstadt, hat einen Sinn für schwarzen Humor. Am Donnerstag vor den Wahlen überschrieb er mit "Totgesagte leben länger" eine Replik im Wort auf die am 30. September an gleicher Stelle veröffentlichten apodiktischen und apokalyptischen Thesen von Daniel Miltgen über den Krebsgang der Hauptstadt. Zu diesem Zeitpunkt konnte er nicht wissen, dass genau dieses Diktum sein eigenes Schicksal bestens vorweg nahm.

In  seinen eigenen Reihen war er längst abgeschrieben. Es gab Momente, wo er am liebsten das Handtuch geworfen hätte, nachdem die DP Lydie Polfer als Spitzenkandidatin ins Rennen schickte. Aber Helminger ist bestens vertraut mit der Einsamkeit des Langstreckenläufers. Vor 30 Jahren kam er zu Staatssekretärswürden „Out of the blue“, das heißt ohne die höheren Weihen eines Parlamentsmandats, ein Manko, das er schnellsten bereinigte.

Der in seinen überbordenden Ambitionen arg frustrierte CSV-Herausforderer Laurent Mosar will sich jetzt damit herausreden, dass die DP-Doppelstrategie ihm zum Verhängnis wurde. Die beiden liberalen Spitzenkandidaten, statt sich gegenseitig zu blockieren, ergänzten sich vorteilhaft. Zu spät wollte er wahrhaben, alles sei in Butter, da die austretende DP/CSV-Koalition auf der ganzen Linie bestätigt worden sei. Wobei er übersieht, dass dies ohne ihn erreicht wurde, da er den untauglichen Versuch startete, auf Distanz zu ihrer Bilanz zu gehen.

Die hauptstädtische DP befindet sich jetzt in der beneidenswerten Lage, Koalitionsmöglichkeiten ohne die CSV zu erwägen, vor allem mit den deutlich gestärkten Déi Gréng, die ihre Stimmen verdoppelten und mit fünf Sitzen gefährlich nahe an die CSV-Mannschaftsstärke von sechs Sitzen kommen. Die Demütigung für die CSV-Hybris ist perfekt, genau wie in Esch/Alzette oder Differdingen.

Irgendwie wirkt es beruhigend, dass in den drei größten Gemeinden des Landes stabile Schöffenräte ohne Mitwirken der CSV gebildet werden können. Dies ist  nicht nur das Verdienst von Paul Helminger, sondern auch von Lydia Mutsch in Esch und natürlich Claude Meisch in Differdingen. Beide Politiker, bis dato eigentlich nur zur Bewährung ausgeschrieben, haben Leader-Qualitäten bewiesen und ihr Meisterstück hingelegt. So konnte die Escher LSAP 7,6 Prozent hinzulegen und DP-Nationalpräsident Meisch, noch bis vor kurzem der unlauteren Machtübernahme bezichtigt, sich gar um 22,6  auf 42,5 Prozentpunkte verbessern, eine Steigerung von drei auf acht Sitze!

Helmingers Diktum trifft auch auf die LSAP zu, die landesweit ihre  eher schwachen Resultate bei den Parlamentswahlen und vor allem den bei dem EU-Verfassungsreferendum erlittenen Koller, als viele ihrer Wähler im Süden ihr die Gefolgschaft versagten und mit Nein stimmten, wettmachte. Sie ist eindeutig stärkste Partei auf kommunalem Plan mit hervorragenden Ergebnissen nicht nur in ihren Hochburgen Bettemburg, Düdelingen, Esch/Alzette, Rümelingen, Wiltz, sondern auch in Diekirch, Ettelbrück, Hesperingen, Kayl, Kehlen, Monnerich, Roeser, Sassenheim und Schifflingen. Ihr schwaches Abschneiden in der  Hauptstadt, Bartringen, Differdingen, Echternach, Junglinster, Mamer, Niederanven, Petangen, Schüttringen fällt vergleichsweise weniger stark ins Gewicht als die zum Teil kräftigen Einbußen der CSV in Differdingen, Grevenmacher, Hesperingen, Kayl, Monnerich, Petungen, Sassenheim, Schifflingen, Strassen und Walferdingen, ganz zu schweigen von ihrem enttäuschenden Abschneiden in der Hauptstadt und in Esch. Lediglich in Bartringen, Diekirch, Düdelingen, Echternach, Ettelbrück, Junglinster. Kehlen, Mamer, Mersch, Niederanven, Schüttringen und Wiltz hatten die Schwarz-Orangen Aufwind, nicht gerade berauschend für eine Partei, die angetreten war, das Land in ihren Bann zu ziehen.

Spielverderber waren natürlich Déi Grëng, die eigentlichen Sieger dieser Wahlen, die von Konsultation zu  Konsultation immer stärker im Wahlreservoir von CSV und DP wildern. Der grüne Marsch durch das bürgerliche Lager war besonders eindrucksvoll in der Hauptstadt, aber  auch in Bartringen, Bettemburg, Ettelbrück, Hesperingen, Junglinster, Kopstal, Mamer, Mersch, Monnerich, Niederanven, Petingen, Sassenheim, Strassen und Walferdingen. Vielfach wurde die DP auf den vierten Platz verwiesen. Fast von der Bildfläche verschwunden ist das ADR, das sich mit Mühe und Not nur  mehr in vier der 37 Proporzgemeinden halten konnte.
Romain Hilgert
© 2017 d’Lëtzebuerger Land