PIBien-être

Ein Meter Glück

d'Lëtzebuerger Land du 29.06.2012

Früher boten alle Politiker und Parteien ihren Wählern nicht nur Programme, sondern auch Projekte an – fortschrittliche, liberale, konservative, reaktionäre –, wie sie die Zukunft der Gesellschaft zu gestalten versuchten. Das haben sich inzwischen fast alle abgeschminkt. Weil sich auch CSV und LSAP im globalisierten Standortkrieg und der Krise von 30 Jahren Neoliberalismus außerstande fühlen, noch irgendein politisches Projekt durchzusetzen, machten sie vor drei Jahren in ihrem Koalitionsabkommen ab, „den Fortschritt der Gesellschaft und des Wohlbefindens in einer langfristigen Optik“ nicht zu gestalten, sondern wenigstens „zu messen“. Dazu dienen soll ein „zusammengesetzter Indikator des Wohlbefindens, der über das traditionelle BIP pro Einwohner hinausgeht“.

In seiner Regierungserklärung versuchte Premier Jean-Claude Juncker (CSV), sich gleich vorzustellen,  wie das funktionieren soll, „ein BIP des Wohlbefindens einzuführen, das auch eine Serie von qualitativen Daten auflistet, die nicht nur rein wirtschaftlicher Natur sind“. Aber es gelang ihm nicht. Denn Daten sind Zahlenwerte, laut Koalitionsabkommen „vom Statec gelieferte offizielle Statistiken und Datenbasen“; der Begriff „qualitative Daten“ ist demnach Unfug.

Dabei sind das BIP des Glücks, das BIP des Wohlbefindens und die Ökonomie des Glücks seit 20 Jahren groß in Mode. Bis dahin war der irische Ökonom Francis Edgeworth mit seiner 1881 vorgeschlagenen Glücksmessmaschine „Hedonimeter“ als komischer Kauz belächelt worden. Die CSV/LSAP-Koalition war durch den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy auf die Idee gebracht worden, der den Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz zum Vorsitzenden einer Kommission ernannt hatte, die ein „système statistique qui complète les mesures de l’activité marchande par des données relatives au bien-être des personnes“ erfinden sollte.

Hierzulande sind es der Oberste Nachhaltigkeitsrat, der Wirtschafts- und Sozialrat sowie das Wettbewerbsobservatorium, die von der Regierung beauftragt wurden, gemeinsam ein BIP des Wohlbefindens zu entwickeln. Dazu organisierten sie seither nach dem Vorbild der Stiglitz-Kommission Konferenzen und Workshops, deren Diskussionen vor einem Jahr in einem Technischen Bericht zusammengefasst wurden, in dem das Wort „messen“ 307 Mal vorkommt.

Projet PIBien-être. Rapport Technique führt weit über 100 mögliche Indikatoren aus Statistiken, Benchmarks und Meinungsumfragen auf, die bei Podiumsdiskussionen und aus ausländischen Studien zusammengetragen wurden. Diese Indikatoren reichen von der Zufriedenheit, der Geselligkeit und der Kultur über den Lebensstandard, die Bildung, die Beschäftigung, die Umwelt und die Lenkung der Staatsgeschäfte bis zu den sozialen Ungleichheiten, dem Wohnen, der Gesundheit und der Sicherheit. Hinzu sollen noch Daten über die Lebensqualität, aus dem Nationalen Nachhaltigkeitsplan und von der Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen kommen. Die einzelnen, oft sehr ideologielastigen Indikatoren umfassen ebenso das Bruttoinlandsprodukt, die Arbeitsproduktivität und die Arbeitslosenquote wie das Vertrauen in die Institutionen, den Gebrauch des Lëtzebuergeschen und den gebenchmarkten Anteil der Brutvögel.

Aus dieser langen Liste sollen der Wirtschafts- und Sozialrat sowie der Oberste Nachhaltigkeitsrat eine Auswahl treffen und sie der Regierung im Oktober als Gutachten überreichen. Danach soll das Statec aus den verlangten Statistiken und Meinungsumfragen – sofern es sie beschaffen kann – alle paar Jahre das „PIBien-être“ zusammenrechnen.

Vielleicht fällt es der Regierung tatsächlich leichter, die Arbeitslosigkeit zu verringern und die Brutvögel zu schützen, wenn diese in einem BIP des Wohlbefindens aufgeführt werden. Ist dies nicht der Fall, fragt sich, wozu diese statistischen Verrenkungen in Wirklichkeit dienen sollen.  Das Wohlbefinden, gar das Glück zu einem Politikum zu machen, war eine revolutionäre Idee, als die amerikanische Verfassung 1776 „pur­suing and obtaining happiness“ versprach und Saint-Just 1794 ausrief: „Le bonheur est une idée neuve en Europe.“ Doch nun scheinen Buch­halter die großzügige Idee wieder zähmen zu müssen.

Hierzulande hieß das politische Projekt aller Parteien während Jahrzehnten: die Kaufkraft und soziale Absicherung der Bürger an die Entwicklung der Produktivität anzupassen und über den Indexautomatismus zu schützen, damit sie ihr Glück im Erwerb nützlicher und unnützer Waren suchen, aber zwecks weiterer BIP-Steigerung nie gänzlich finden sollten. Doch Arbeitslosigkeit, Staatsdefizit, Indexmanipulation und Prekarisierung schließen eine zunehmende Zahl von Wählern vom Genuss einer Hummersuppe, einer Urlaubsreise oder einer Audi-Fahrt, von der Hedonie der Konsumgesellschaft aus.

Deshalb hatte Jean-Claude Juncker schon 2001 im Ton des Bußpredigers das Ende der Spaßgesellschaft ausgerufen und betont, dass das Glück sich nicht in materiellem Reichtum erschöpfe. Seit 2009 wird nun der statistische Nachweis für den Umkehrschluss gesucht, dass man auch mit wenig zufrieden sein muss, dass es besser ist, zu sein, wenn man schon nicht haben kann.

Es ist die christliche Kritik am falschen Schein dieser Welt, ihrem Tand und Tinnef, laut der kaum jemand glücklicher war als der Heilige Schetzel in seiner Höhle im Grünewald. Und es ist der kaum weniger moralisierend geführte Kampf gegen das Wirtschaftswachstum und den Konsum, wie er nicht nur von der grünen, sondern in unterschiedlichem Ausmaß von allen Parteien ausgetragen wird, um den Planeten vor dem ökologischen Armaged­don und die Stadtrandsiedlung vor dem 700 000-Einwohnerstaat zu retten.

All jene, welchen die Hedonie, der Genuss und das Vergnügen, der Konsumgesellschaft versagt bleiben, sollen nun mit der Eudaimonie, der Glückseligkeit eines tugendhaften Lebenswandels, vertröstet werden. Durch die Vereinigung von christlicher Verzichtsethik und ökologischem Nachhaltigkeitsgebot hat dieses vom Statec zu verwissenschaftlichende Lob der Selbstbescheidung gute Aussichten, hegemonial im CSV-Staat nach der großen Krise zu werden.

Romain Hilgert
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