Die Slowaken sind im Achtelfinale

Unter Helden

d'Lëtzebuerger Land vom 08.07.2010

Sie sind in die Fahnen mit dem auf die Christianisierung im neunten Jahrhundert verweisenden byzantinischen Doppelkreuz gehüllt. Kaum haben wir uns an ihre Fersen geheftet, verschwinden sie in einem Supermarkt. Irgendwann kommen sie bestimmt raus. Irgendwann kommen wir bestimmt an unser Ziel. An den Ort des Geschehens. Auf den Marktplatz der Gefühle. Es muss ihn doch geben? Oder? Es muss einen Ort geben, an dem das Volk zusammen strömt, um vereint den Verstand zu verlieren. Es ist ein Jahrhundert-Jahrtausendspektakel. Das muss doch spektakulär begangen werden! Die Slowaken werden sich doch nicht hinter ihren Fernsehern daheim verkriechen und geheim beben und schweben?

Sie sind im Achtelfinale! Das war noch nie da! Sie haben elf Helden, bisher hatten sie nur drei, macht insgesamt vierzehn. Nicht so schlecht für ein kleines, ziemlich neues Land.

Wie lange sind wir jetzt durch diese Backofenstadt gezogen, ohne jeden Hinweis auf das Große, das da kommen wird? Die Autos rollen fantasielos vor sich hin, nicht einmal kleine, übermütige Bocksprünge. Weder Pauken noch Tröten noch Trompeten. Keine Flaggen, keine Fetische. Nicht einmal eine Horde, die durch das schmucke Stadtbild stapft und ein bisschen grölt. Die Menschen sind keineswegs verhaltensauffällig. In dem Park hinter dem Präsidentenpalast hockt Maria Theresia auf einem Pferdchen, mit einem Schlecker in der Hand.

Die in die Fahnen mit dem auf die Christianisierung im neunten Jahrhundert verweisenden byzantinischen Doppelkreuz gehüllten Jugendlichen sind wieder da, mit Tröten. Wir sind auf der richtigen Spur, sie tröten uns was vor, wir trotten hinter ihnen her. wie hinter Rattenfängern. Sie gehen ja auch Richtung Fluss. Es gesellen sich immer mehr Tröter zu uns, lauter Jugendliche, Kinder, die Prozession schwillt an, wir marschieren hinter ihnen wie Heimleiterinnen in einem alten Film. Wir durchqueren ein funkendes, nagelneues Shopping-Zentrum mit viel Transparenz und Himmel und Werbung, die wie Kunst ist und vielleicht Kunst ist. Dann ist die Leinwand da und die Menge samt globaler H[&]M-Jugend und abracadabra edle Kaffeehaussessel und ein Hotelchef mit einem alerten Schnauzbart.

Unser Nachbar trötet uns mit einem jovialen Lächeln in die Ohren. Der Kommentator schreit in einer Sprache, die plötzlich jede Sanftmut verloren hat, und alle rennen dem Ball hinterher, die verschiedenfarbigen Orangen und die blassen Slowaken mit dem farblosen Dress. Ich weiß mittlerweile, dass die These nicht stimmt, dass die mit den buntesten Trikots gewinnen – dennoch: Farbtherapeuten würden sicher nicht zu Leichenbleich raten. Das erschöpfte, faltige Gesicht des Babys vor uns taucht immer wieder unter der Wolldecke hervor, unter der die Mutter es vor dem Großereignis verbergen will. Es schreit lautlos. Ein beflaggtes Hündchen zittert. Das Gerenne und Geballere dauert.

In der Pause schaue ich mir den Platz an. Ein Auto steht auf einem Podest, eine von vier riesigen Cola-Flaschen gestützte Hüpfburg und davor Eltern, die hüpfenden Kindern zuschauen. Im Himmel posiert der ewige Löwe, darunter ein Held in Fliegeruniform. Einer der drei oder jetzt 14 Helden der Slowakei. Ein echter Hero: Er war Astronom, Abenteurer, General. Er war sogar Franzose. Dann wieder Kriegsminister der Tschechoslowakei. Wie ein romantischer Held starb er bei einem ungeklärten Flugzeugabsturz. Er studierte die Sonnenfinsternis auf Tonga und schaut jetzt lässig in die Fluten der Donau hinunter, der die Bratislavaner im Gegensatz zu den Wienern gebührend huldigen. Wellenförmige Architektur schmiegt sich an die Flusspromenade, auf der die Menschen gehen und sich ergehen. Auch noch später, als es geschehen ist, als das geschehen ist, was alle insgeheim erwartet haben, nämlich dass dieses Märchen ein Ende hat, und alles wieder richtig ist, wie im richtigen Leben, und nicht daneben.

Alles ist wieder gut, nämlich nicht so gut, dass man es nicht aushalten kann. Die Holländer schießen. Das Baby und der Hund sind erlöst. Ein paar Zehnjährige lassen die Mundwinkel hängen. Ein euphorisches Holländertrüppchen wird friedfertig angelächelt.

Die Menschen verziehen sich, sie lagern im Gras, sie sitzen auf den Terrassen, sie sonnen sich unter dem Helden. Sie trinken ein Bier, sie schlecken ein Eis. Es ist ein schöner Tag.

Michèle Thoma
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