Technischer Sekundarunterricht

Achillesferse Auswertung

d'Lëtzebuerger Land du 22.03.2007

Manchmal verbergen sich hinter kleinen Worten große Geschichten. Als Unterrichtsministerin Mady Delvaux-Stehres am Mittwoch den 145-Seiten starken, auf schönem Hochglanzpapier gedruckten Evaluationsbericht zum Pilotprojekt im unteren Zyklus des technischen Sekundarunterrichts (Proci) der Presse vorstellte, betonte sie eines immer wieder: Der Bericht sei nicht definitiv, wegen der Anfragen aus Politik, Schule und Öffentlichkeit habeman jedoch nun die ersten – vorläufigen – Daten darüber vorlegen wollen, inwiefern der Versuch sein Ziel erreicht habe.

„Objectif réussite“ lautet dieses, und gemeint ist damit laut Projektbeschreibung in erster Linie, „eine bessere Orientierung des Schülers in der neunten Klasse“ zu erreichen und so Luxemburgs überdurchschnittlich hohe Schulabbrecherquote zu senken. Vier Schulen – die Ettelbrücker Agrarschule, das Lycée Aline Mayrisch, das Lycée technique in Bonneweg und das Lycée technique Josy Barthel in Mamer – erklärten sich 2003 bereit, dieses unter der damaligen DP-Ministerin Anne Brasseur ausgearbeitete Experiment zu wagen. Später stießen das Lycée technique d‘Ettelbrück und Wiltz dazu. Helfen sollten ihnen dabei im Wesentlichen vier Instrumente: auf „Basiskompetenzen“ entschlackte Lehrprogramme, ein differenzierteres Benotungssystem, ein anderes Versetzungsverfahren, das der Orientierung durch denKlassenrat ein größeres Gewicht beimisst, und eine bessere Schülerbetreuung.

Vier Jahre später fällt das Ergebnis durchwachsen aus. Beim Vergleich zwischen Proci- und Nicht-Proci-Schülern der zehnten Klasse sind die schulischen Resultate der Proci-Schüler nach dem ersten Trimester auf allen filières besser – um ein bis zwei Prozent. Weil in der siebten und achten Klasse das Sitzenbleiben abgeschafft ist, fällt zudem die Quote der Klassenwiederholer insgesamt im Proci günstiger aus. Nicht so aber in der neunten Klasse: Der Anteil der Schüler, der freiwillig eine Ehrenrunde dreht, ist im Proci Ende der Neunten sogar etwas höher, stellte die Ministerin enttäuscht fest. Auch hätten im Verlauf der ersten drei Jahre Proci mehr Schüler die Schule verlassen als im normalen System (7,6 gegenüber 6,8 Prozent).

Positives gibt es dagegen für die leistungsstärkeren Jungen und Mädchen zu melden. Von jenen Schülern, die mit einer Empfehlung fürs technische Lyzeum in den Proci kamen, haben am Ende fast 66 Prozent die zehnte Klasse erreicht – gegenüber 53 Prozent in den Nicht-Proci-Schulen.

Ausgerechnet für die schwachen Schüler, die eine Empfehlung für eine siebte Adapt-Klasse bekommen hatten, fällt die Zwischenbilanz aber nicht so rosig aus. Von ihnen schaffen lediglich 48 Prozent den Sprung in die zehnte Klasse, gegenüber 49 Prozent im traditionellen System. „Da hatte ich mir doch mehr erwartet“, gibt Marc Barthelemy zu, Chefkoordinator im Unterrichtsministerium für den Proci.

Ganz so eindeutig, wie die Zahlen beim ersten Lesen scheinen, sind sie jedoch nicht. Es ist wie mit dem halbvollen oder halbleeren Wasserglas: Ist ein Unterschied von einem bis zwei Prozent viel oder wenig, wenn man beispielsweise in Rechnung stellt, dass sich vor allem die Pioniere unter den Proci-Lehrerinnen und Lehrern vieles „en cours de route“ erst aneignen mussten?

Es ist schon erstaunlich, dass ein solcher schulischer Großversuch, der nicht weniger als 80 Klassen in sechs Gebäuden umfasst, von dem also mehr als ein Viertel der gesamten Schülerpopulation betroffen ist, nicht kontinuierlich von einer Steuerungsgruppe begleitet wurde und bis heute nicht wird – selbst dann nicht, als überforderte Proci-Koordinatoren aus den Schulen dies beim Ministerium anmahnten. Die Basiskompetenzen (Lernziele, die über reines Wissen hinaus auch Lern- und Arbeitstechniken erfassen, d. Red.), die eigentlich für das erste Schuljahr vorliegen sollten, waren nicht komplett. So war lange Zeit gar nicht klar, auf welcher Grundlage und wie genau die Bewertung erfolgen sollte.

Ob diese Hindernisse das provisorische Endresultat beeinflusst haben, darüber sagen die erhobenen Daten nichts aus. Die Situation erinnert ein wenig an einen Betrieb, der von heute auf morgen auf neueste Technologien umsattelt, deren Angestellten aber im Vorfeld weder Bedienungsanleitung an die Hand, noch die nötigen  Schulungen bekommen. Quizfrage: Wird das nächste Produktionsergebnis im Vergleich zur Konkurrenz besser oder schlechter? Um festzustellen, ob das Ziel „objectif réussite“ tatsächlich erreicht wird, müsste eigentlich bis nach der 13. Klasse abgewartet werden. Schließlich lässt sich erst dann genau sagen, wie viele Schüler am Ende welchen Abschluss geschafft haben und wer die Schule ohne Diplom verlassen hat, im Proci ebenso wie in den herkömmlichen Schulen.

Darüber hinaus ist allerdings grundsätzlich fraglich, ob Proci-Schüler so ohne weiteres mit Schülern des herkömmlichen Systems verglichen werden können. „Mais, la question de fond se pose si on a le droit de comparer les deux situations telles quelles“, schreibt Pierre Fixmer, vom Unterrichtsministerium hinzugezogener externer Beobachter der Uni Luxemburg, in seinem Reflexionsbericht.

„Enmettant les deux cursus, traditionnel et Proci, sur une même échelle et en ne considérant que les notes de fin d‘année, on risque de tomber dans le gouffre d‘un réductionnisme considérable“, so seine diplomatischen, aber deutlichenWorte über die methodischen Schwächen. Immerhin: Der ministerielle Evaluationsbericht enthält neben Notenvergleichen überdies eine Lehrstandsanalyse in der Mathematik (die sich aber auf eine andere Kohorte bezieht). Sie deutet an, dass Schüler, die entlang von Kompetenzen unterrichtet wurden, (mathematische) Probleme besser lösen können als ihre Kollegen aus dem herkömmlichen System (die aber auch nicht darauf geschult werden). Auch in der qualitativen Befragung sind die Ergebnisse gut, die Lehrer sind motivierter, sie loben die neu entstandene Zusammenarbeit, kritischer fallen lediglich die Antworten bezüglich der Differenzierung im Unterricht und zum „seule voie pédagogique en 8e, au lieu de deux“ aus. Pierre Fixmer warnt aber auch hier, „vu la forme suggestive des questions, la fiabilité et la validité de l‘instrument peuvent être mises en question“. Die Möglichkeit, dass Schüler durch den Proci neue Fertigkeiten wie autonomes Arbeiten und Teamfähigkeit erlangt haben könnten, hat die Studie nicht untersucht.

Dass die Ministerin auf der Pressekonferenz nicht müde wurde, den provisorischen Charakter derUntersuchungen zu betonen, hat also vor allem zwei Gründe: Sie weiß genau, dass die Evaluation mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet – und sie weiß, dass auch Proci-Lehrer das wissen und deshalb über ihre Entscheidung, die Daten in der jetzigen Formzu veröffentlichen, stocksauer sind. Denn offenbar sollte das Provisorium zunächst keineswegs eines sein. In der Einleitung zum „Agglomerat an bisherigen Erkenntnissen“ (Delvaux über den Evaluationsbericht) schreiben Script-Direktor Michel Lanners und Proci-Verantwortlicher Marc  Barthelemy von einer „évaluation finale permettant maintenant de dégager au bout de quatre années de fonctionnement certaines plus-values pédagogiques de ce projet“.

„Final in dem Sinne, dass das Projekt bereits einmal von der Ministerin verlängert wurde und wir nach einem kompletten Durchlauf nun Ergebnisse messen können“, rechtfertigt Barthelemy die widersprüchliche Formulierung gegenüber dem Land. Es sei extrem schwierig, das Proci wissenschaftlichzu erheben; „gründliche Studien sind aufwändig und kosten viel Geld“, nennt Michel Lanners die wahren Gründe für die dürftige Auswertung. Er verweist auf die fehlende Expertise inner- und außerhalb des Ministeriums und die sich im Aufbau befindende Universität.

Weil klare konzeptuelle Vorgaben fehlten, haben die Schulen auf eigene Faust Lösungen gesucht – mit dem Ergebnis, dass sich hinter dem Gesamtprojekt Proci eigentlich vier unterschiedliche  Schulversuche verbergen. Nur: All das war frühzeitig bekannt, auf die damit einhergehende Komplexität hatten Experten und die in den vier Jahren wenig über den Projektverlauf unterrichtete Presse (woxx, 11. Februar 2005) wiederholt hingewiesen. Eine Kurskorrektur erfolgte dennoch nicht.

Das ist umso ärgerlicher, als es sich beim Proci um ein Großexperiment handelt, in dem nicht nur mehr als 200 Lehrkräfte und über 1 500 Schüler erheblichen Aufwand und Zeit investiert haben; der Proci wurde vor dem Hintergrund miserabler Pisa-Ergebnisse im Eiltempo geradezu aus dem Boden gestampft und sollte, so wurde es von Seiten der Politik jedenfalls behauptet, als Testballon für schulpolitischeVerallgemeinerungen dienen. Doch damit das passieren kann, muss selbstverständlich zuvor dessen  Wirksamkeit und Nutzen erwiesen sein. Schlecht vorbereitete und lückenhaft durchgeführte Mini-Evaluationen sind in dem Sinne eine Steilvorlage an den politischen Gegner.

Wobei die DP-Ministerin Brasseur als die eigentliche Initiatorin es von Beginn an versäumt hatte, neben einem klaren inhaltlichen Konzept auch eines für die Auswertung ausarbeiten zu lassen, und überdies das Ganze mit der notwendigen Manpower auszustatten. Das besserte sich auch nach ihrem Fortgang nicht, noch heute ist für den Proci nur eine halbe Stelle im Ministerium vorgesehen.

Dabei sind die kompetenzbasierte Bewertung,  (binnen-) differenzierter Unterricht, verstärkte Zusammenarbeit der Schulen allesamt Ziele, denen sich die derzeitige Ministerin ausdrücklich verschrieben hat. Einige ihre Reformvorschläge haben sich mehr oder weniger vom Proci inspirieren lassen, die geplanten Schulkonzertationen auf regionaler Ebene zum Beispiel, die Lehrerteams, oder die Lernzyklen, die vor einem Jahr in Form eines Reflexionspapiers den Schulen zur Begutachtungvorgelegt wurde.

Letztere sind jedoch, zumindest was den Sekundarunterricht betrifft, längst wieder vom Tisch. Statt die Kinder bis zur neunten Klasse zusammen zu lassen und sie erst danach auf die verschiedenen Schulzweige zu orientieren, wie es im Proci der Fall ist, überlegt die Ministerin nun, nach der achten Klasse wieder extern zu differenzieren. Das komme denjenigen Schulen entgegen, so Barthelemy, die „zumTeil erhebliche Schwierigkeiten mit der internen Differenzierung haben“. Im Lycée technique differende Bonnevoie etwa hatten Proci-Lehrer von Anfang an schwächere Adapt-Schüler in Extra-Lerngruppen eingeteilt. Ob das der richtige Weg ist, um Lernschwache zu fördern, darüber sind sich allerdings weder die Proci-Lehrer einig, noch internationale Experten. Der vorliegende Evaluationsbericht hat diese Fragestellung nicht näher untersucht, im Ursprungskonzept ist zwar von einer besseren Betreuung des einzelnen Schülers und einer Orientierung die Rede, die „seinen Fähigkeiten und Erwartungen“ entspricht, konkrete Maßnahmen für Lernschwache fehlen jedoch – und nun soll ausgerechnet ihre Förderung eine der großen, an den gestellten Proci Hoffnungen der Politik gewesen sein?

Nicht nur bei der internen Differenzierung rudert die Ministerin hinter durch den Proci gesetzte Maßstäbe zurück, auch die kompetenzbasierte differenzierte Bewertung im Zeugnis wird es auf nationaler Ebene zumindest für die nächsten Jahre nicht geben. „La notation et la forme traditionelle des bulletins seront maintenues“ steht im kürzlich veröffentlichten Sprachenplan als Aktion 42. Kompetenzorientierte Textnoten sollen dem traditionellen Zeugnis zwar beigefügt werden, wie genauist unklar. Zu mehr sei das Gros der Schulen „derzeit nicht bereit“, erklärt die Ministerin auf Land-Nachfrage. So positiv, wie manch einer die Gespräche mit den Lehrern im vergangenen Jahr beschrieben hatte, waren diese wohl dann doch nicht verlaufen. Bei ihrer Tour durch die Schulgebäude im vergangenen Jahr hatte die Ministerin sich auch viel Negatives anhören müssen. Nach einem intensiven Start, langwierigen Auseinandersetzungen umdie Tâche der Lehrer, der zumTeil massiven Kritik an ihrem Kommunikationsstil hat ihr Reformwille nun einen Dämpfer erhalten. Die Ministerin versucht offenbar, wieder stärker Anschluss an den schulischen Mainstream zu bekommen – um wenigstens einige ihrer Ideen (ansatzweise) umsetzen zu können. „Der Proci ist anderen Schulen weit voraus, aber jetzt heißt es, einen Blick nach hinten zu werfen. Das bedeutet ein stückweit auch, Kompromisse zu machen“, bringt Marc Barthelemy das momentane Dilemma auf den Punkt. Wenn das kein Kompliment ist.

Ein Jahr Galgenfrist haben die Proci-Koordinatoren nach massiver Intervention im Ministerium herausschlagen können. Am Dienstag teilte Mady Delvaux-Stehres den verdutzten Proci- Verantwortlichen aus den Schulen mit, das Projekt ein weiteres Mal verlängern zu wollen. In dieser Zeit soll die provisorische Evaluation auf festere Beine gestellt werden. Was das heißt, darauf darf man gespannt sein. Denn für eine fundierte Auswertung ist es eigentlich zu spät. Bleibt zu hoffen, dass das Versprechen der Ministerin, künftig bei allen neuen Schulprojekten eine professionelle Evaluation vorzusehen, wirklich eingelöst wird. Und nach der Wahl nicht alle guten Absichten der Vorgängerregierung wieder vergessen sind.

 

Ines Kurschat
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