Ausgerechnet in Zeiten des florierenden Populismus wird die beliebteste Fernsehsendung des Landes abgesetzt

Vom Unglück

d'Lëtzebuerger Land vom 09.12.2016

Die Menschen Vielleicht war die nun nach 20 Jahren eingestellte Fernsehsendung Den Nol op de Kapp die beliebteste im Land, weil sie die zweitdemokratischste schien. Das Fernsehen vermittelt in der Regel das Bild einer Kultur, die sich anderswo die bürgerliche Mitte nennt. Am häufigsten strahlt es ein Menschenbild von luxemburgisch sprechenden Mittelschichten, von Angestellten, Beamtinnen und Selbstständigen aus, die in der „Rush Hour des Lebens“ stehen, wie es in der DP-Propaganda heißt. Jene Bevölkerungsgruppe, die auch – bloß etwas besser gekleidet, etwas dynamischer, etwas lächelnder – übergangslos in der Werbung zwischen den Sendungen als zufriedene Autofahrer und unternehmungslustige Kunden von Möbelgeschäften auftaucht.

Arbeiter kommen so gut wie nie im Fernsehen vor, außer vielleicht bei einer Fabrikschließung oder dem Konkurs eines Bauunternehmers, im Magazinteil werden sie manchmal als „Proll“ lächerlich gemacht. Von portugiesischsprachigen Arbeitern oder serbokroatischsprachigen Putzfrauen gar nicht zu reden. Arme kommen auch nicht vor, außer als Einzelschicksale oder Randgruppen, wie Obdachlose, die zu Weihnachten Mitleid verdienen und während des Rests des Jahres aus den Fußgängerzonen verjagt gehören. In vorauseilendem Gehorsam schließt das Fernsehen große Teile, vielleicht sogar eine Mehrheit der Bevölkerung aus, weil es Leute sind, die politisch und ökonomisch ausgeschlossen sind. Zuerst überließen die Wahlprogramme die Arbeitsverhältnisse den Gewerkschaften, dann schaffte das Statut unique das Wort „Arbeiter“ ab. Arme heißen „sozial Benachteiligte“ und aus sozialen Fragen wurden karitative Probleme.

Deshalb scheint die demokratischste Sendung ­Piccobello zu heißen. Denn ihre Besetzung wird verlost, unter den Käufern von Rubbellosen der Nationallotterie, Gutgläubigen, die sich noch immer an die Überzeugung klammern, dass die Chance eines Lotteriegewinns größer ist als das Risiko, von einem Meteoriten erschlagen zu werden. So stehen plötzlich ganz ungewohnt Frührentner, schrill gekleidete Sekretärinnen, Aldi-Kunden, französisch radebrechende Arbeiter und übergewichtige RMG-Bezieherinnen, die sich einmal etwas leisten wollten, auf der Studiobühne, um wie Kinder auf dem Jahrmarkt an einem Glücksrad drehen zu dürfen. Im Namen des jungen, dynamischen und erfolgreichen Fernsehens distanziert sich der Moderator von dieser sozialen Fehlbesetzung, indem er sich auf ihre Kosten lustig macht. Aber was soll er tun, wenn die Nationallotterie zahlt?

Die Politik Im Vergleich zur vom Glück handelnden Piccobello schien die vom Unglück handelnde Den Nol op de Kapp die zweitdemokratischste Fernsehsendung gewesen zu sein. Die von dem Gerichtsreporter Marc Thoma gegründete Sendung zeigte ebenfalls Arbeiter, kleine Angestellten, Rentner, Arbeitslose, die sonst nicht ins Fernsehen kommen, nur dass sie nicht das Zufalls­prinzip einer Lotterie walten ließ, sondern schon eine Auslese vornahm. Sie sammelte Beschwerden aus dem Publikum und zeigte die Unglücklichen und Verbitterten, die unter einem ungerechtfertigten Strafzettel, einem lärmenden Nachbarn, dem Durchgangsverkehr in ihrer Straße litten, deren Handwerker pfuschte und die bei der Sozialversicherung auf taube Ohren stießen. Sich oft verängstigt an ihre Haustiere klammernde Leute, die nicht gewohnt sind, sich Gehör zu verschaffen, denen es an Beziehungen, „der richtigen Parteikarte“ fehlt, wie sie meinen, um zu Ihrem zu kommen, die es sich nicht leisten können, auf 100 Euro zu verzichten, um ihre Ruhe zu haben. Aber auch wilde Spießbürger, die niemandem etwas gönnen, die jeden hassen, Nörgler, Prinzipien­reiter, verbitterte Haarspalter, die auf ihren Rechten bestehen, damit andere keine haben, und die sich von der Ankunft des Fernsehens ermutigt fühlen, die letzten Hemmungen fallen zu lassen.

Mit finsterer Miene, so als sei er sich ständig des bitteren Ernstes der ihn beseelenden Mis­sion bewusst, erzählte Marc Thoma 20 Jahre lang eine Geschichte von „Proteste[n], Justiz, Ermittlungen, Schicksale[n], Umwelt und Tiere[n], Skurrile[m], Verwaltungen, Persönlichkeiten“, wie die Kapitel der Gedenkschrift 20 Joer Den Nol op de Kapp heißen (S. 5). Er erzählte vom Unglück in der Welt oder zumindest in Luxemburg, dessen sich niemand annahm, bis die Unglücklichen in ihrer Verzweiflung an das Fernsehen appellierten und Erlösung fanden.

Der Erfolg der Sendung war die Skandalisierung von Ungerechtigkeiten, die viele Zuschauer nachvollziehen konnten, aber auch die Vorführung eines als schrullig empfundenen gesellschaftlich Anderen. Gleichzeitig war die Sendung politisch affirmativ, weil sie niemals Ungerechtigkeiten als Ergebnis ungerechter Verhältnisse darstellte, sondern immer als Einzelschicksale, als „Dysfunktionen“, wie es seit dem Sturz von Gesundheitsminister Johny Lahure heißt. Die Aufgabe von Den Nol op de Kapp war es, die Dysfunktionen zu beseitigen, damit die Gesellschaft wieder zur allgemeinen Zufriedenheit so funktionieren konnte, wie sie ist.

Den Nol op de Kapp ging im Februar 1996 auf Sendung, als die ADR dabei war, ihre schönsten Wahlerfolge zu feiern und sich von der Rentnerlobby zur populistischen Partei zu entwickeln schien. Manchmal sah die Sendung wie die Verfilmung von Roby Mehlens und Gast Gibéryens Weltbild aus, im Zweifelsfall etwas libertärer. ADR-Abgeordneter und NGL-Präsident Gast Gibéryen beschrieb 1999 auf dem Parteitag in Mertert die Strategie der Partei, die auch das Pitch von Den Nol op de Kapp sein konnte: Sie solle „den Mut aufbringt, heiße Eisen anzufassen, an die sich die anderen nicht trauen“, sie wollte, voller Skepsis gegenüber den Institutionen und anderen Parteien, die Ängste und Neidgefühle von Rentnern, Bauern, Winzern, Arbeitern und kleinen Geschäftsleuten aufgreifen, die im Rennen um die internationale Wettbewerbsfähigkeit, Deregulierung, den schlanken Staat, die Produktivitätssteigerungen und den Europäischem Binnenmarkt auf der Strecke zu bleiben drohten. Wie die Partei war auch die Sendung weniger daran interessiert, dass die Benachteiligten ihre Interessen selbst durchsetzten, als in ihrem Namen als dem eines imaginären Volks zu sprechen. Deshalb war sie auch immer nur scheinbar die zweitdemokratischste Sendung.

Die Sendung erzählte zwar ständig von Verlusten, dem Verlust von Bäumen, von Bushaltestellen, von alten Gemäuern, von Kundendienst, Kulanz und Nachbarschaftssinn, dem Verlust von griesgrämigen Zeitgenossen, von ungehobelten alten Männern, so als hätte es früher mehr davon gegeben. Aber sie war politisch doch ganz auf der Höhe ihrer Zeit, weil ihr manchmal dumpfer Poujadismus die neoliberale Staatsfeindlichkeit bekräftigte: Recht hatte immer der Privatmann, die kleine Geschäftsfrau in ihrem durchaus eigennützigen Kampf gegen die öffentlichen Einrichtungen, gegen den Staat, die Verwaltung und die Bürokratie. So war die Sendung der Alptraum jedes Bürgermeisters und Verwaltungschefs. Aber ihr Gegner war amtlich, privat, höchstens mittelständisch. Potente Werbekunden wie Kaufhausketten, Banken oder andere Aktiengesellschaften waren in der Regel über jeden Verdacht erhaben. Auch Machtverhältnisse und Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz blieben unter dem Teppich des in Artikel 127-2 des Arbeitsgesetzbuchs kurz erwähnten „lien de subordination“.

Das Fernsehen Zwar bildete Den Nol op de Kapp Menschen ab, die das Fernsehen sonst kaum zeigt. Aber es berichtete weniger über sie als über sich selbst. Sie waren das Material, an dem es vorführte, wie nur noch das Fernsehen Witwen und Waisen zu ihrem Recht verhilft, weil längst niemand sonst es mehr tut. Es berichtete nicht über die Wirklichkeit, sondern griff in sie ein, um seine Macht zu demonstrieren, seine gute Macht, die über die böse Macht der Kommunalpolitiker, der Straßenbauverwaltung und der Tierquäler siegte. Die alle Körperschaften, Vereinigungen und Vermittlungsinstanzen hinter sich ließ, demokratisch gefällte Entscheidungen als „Schildbürgerstreiche“ des „Amtsschimmels“ abtat, weil das richtige Volk nur das Fernsehvolk ist und niemand es in der repräsentativen Demokratie legitim repräsentiert außer das Fernsehen selbst. Es feierte sich selbst, wie es von Politikern Rechenschaft verlangte, um auf eigene Faust im Namen des Volkes für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen. Dann interviewte der Moderator bewundernd den grimmigen Journalisten, das Fernsehen interviewte das Fernsehen, das anstelle des Ereignisses sich selbst zum Ereignis machte.

Das Geheimnis Im Grunde war Den Nol op der Kapp so wenig Journalismus wie Piccobello. Weniger weil Marc Thoma oft Freunde, Bekannte und Kollegen augenzwinkernd für sich spielen ließ, nicht nur Museumsdirektoren sich beschwerten, dass ihnen Aussagen in den Mund gelegt werden sollten, die sie so nicht machten. Sondern vor allem, weil die Sendung ihren Zuschauern nicht recht und schlecht von der Welt berichten, ihnen nicht helfen wollte, sich ein eigenes Bild davon zu machen, um sich in ihr zurechtzufinden. Sie wollte vielmehr Bilder herstellen und öffentlich machen, um damit Druck auszuüben, bloßzustellen, den von ihr für richtig befundenen Ausgang eines Konflikts zu erpressen und im Fall eines Erfolgs dann als ihren Triumpf zu feiern.

Das ging so lange gut, bis der Sender seinen Skandal über das seit fast 20 Jahren bekämpfte „Pei-­Museum“ überskandalisieren wollte und dabei das kleine, unansehnliche Geheimnis hinter seiner Erfolgssendung lüftete. Wenige Tage später kündigte er an, dass die Sendung eingestellt, „modernisiert“ und „eine ganz neue Sendung“ geplant werde, wobei aber „noch immer Grundprinzipien bleiben, dass Sie da draußen Gehör finden, die Rechtslage hinterfragt wird und investigative Akten aufgearbeitet werden“. Sicher ohne Direktor Alain Berwick, vielleicht ohne Marc Thoma, wahrscheinlich gewandter und geschliffener.

Romain Jeblick, 20 Joer Den Nol op de Kapp, Luxemburg, Editions Revue, 2016, 159 S., 29,50 Euro; 20 Joer Den Nol op de Kapp, Luxemburg, RTL, 2016, 4 DVD, 27,90 Euro
Romain Hilgert
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