Leitartikel

Die Nachgeborenen

d'Lëtzebuerger Land du 24.02.2017

Noch müssen wir, zum Glück, nicht in den finsteren Zeiten leben, die der große Brecht nur im Exil überstand und über die er in seinem Gedicht An die Nachgeborenen klagte. Aber der von rechten Demagogen angestiefelte Brexit, die knapp verpasste Wahl eines rechtsradikalen Präsidenten in Österreich, der Wahlsieg des rassistischen Kasinobetreibers Donald Trump in den USA, die Wahlaussichten der rechtsradikalen Geert Wilders, Marine Le Pen und AfD in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland lassen befürchten, dass die Stunde der Volkstribune geschlagen hat, die autoritäre Auswege auf Kosten der Schwächsten aus der Globalisierung genannten brutalen Entfesselung der Märkte versprechen.

Deshalb ist es vielleicht überlebenswichtig, aus den Versprechen und Lügen, aus den Heldentaten und Fehlern der finsteren Zeiten des 20. Jahrhunderts zu lernen und so ihre Wiederholung zu verhindern. Doch auch wenn die Regierung feierlich zum Nationale Commémoratiounsdag am Sonntag aufruft, scheint sie alles zu tun, um das Erbe von Generationen christlich-sozialer Premierminister fortzusetzen und jede andere Lehre aus der Geschichte zu verhindern, als treu zu Trohn und Altar zu stehen und mäßige Toleranz bis an die Grenze von Burkaverbot und Platzverweis zu üben.

Im Laufe von Jahrzehnten war es der CSV gelungen, mit Hilfe regierungsamtlicher Resistenzfunktionäre das öffentliche Bild des Widerstands im Zweiten Weltkrieg auf eine national-konservative und angesichts der Vernichtung der europäischen Juden sehr katholische Leidens- und Heldengeschichte zu verengen, den angeblichen Kampf zwischen einem guten kleinen Patriotismus gegen einen großen bösen Natio­nalismus, und so den Kampf gegen den Faschismus, für Demokratie, für politische und wirtschaftliche Selbstbestimmung der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.

Die aktuelle liberale Koalition setzt dieser Politik der Rechten nicht etwa ein anderes Bild entgegen, sondern spitzt sie zu. Nachdem Jacques Santer und Jean-Claude Juncker, auch aus Wahlkampfkalkül, ihr Möglichstes getan hatten, um Resistenz und Zwangsrekrutierung zu vermischen und so die Geschichte für jüngere Generationen unlesbar zu machen, gelang es Ende vergangenen Jahres DP, LSAP und Grünen, auch noch die Nachfahren der jüdischen Opfer in ein Comité de la mémoire de la ­deuxième guerre mondiale einzubinden, das in der klerikal-konservativen Tradition vom Vizepräsidenten und zwei ehemaligen Journalisten des Luxemburger Wort geleitet wird. Mit derselben Absicht hat die Regierung alle von der CSV geerbten Institute und Archive zu einem Zentrum für Zeitgeschichte an der Universität vereinigt, das sich lieber mit digitaler Quantifizierung, Twitter, Facebook und anderen akademischen Moden als mit der doch provinziellen Geschichte beschäftigen soll.

Der von Jean-Claude Juncker in Auftrag gegebene Artuso-Bericht, der mit der allzu wohlfeilen Erklärung des Antisemitismus die Bürokratie belastete und die Exilregierung weißwusch, erlaubte dem im Betrauern geübten Xavier Bettel in einem absurden Ritual vor dem Parlament, sich im Namen der Nachfahren von Tätern bei den Nachfahren von Opfern zu entschuldigten, um dann rasch zur versöhnlichen Einsicht gelangen zu können, dass wir alle irgendwie Opfer waren. Denn „et wor alles net esou einfach“, wie eine Ausstellung zum Thema hieß. Im Wahn, Resistenzler und Zwangsrekrutierte, Juden und Kollaborateure endgültig zu einem einzigen Volk von Opfern zusammenzuschweißen, marschierten vor wenigen Monaten zusammen mit dem Präsidenten des jüdischen Konsistoriums der Großherzog, der Kammerpräsident und der Premierminister mit leeren Koffern über den Bahnhofsvorplatz, weil sie den deportierten und ermordeten Juden nicht einmal ihr Opfersein gönnten und selbst auch ein wenig Opfer spielen wollten.

Romain Hilgert
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