Vorstellungen vom Bösen

Paradigmenwechsel des Bösen

d'Lëtzebuerger Land vom 23.08.2013

Wenn ich einen Blick zurückwerfe auf die Vorstellungen vom Bösen in früheren Zeiten, so haben besonders die institutionalisierten Religionen an einem Bild des „Bösen“ gewirkt, das sie als ihre Herrschaft fundierendes Unwesen gut ein-setzen konnten. Als Teufel hatte es hier eine wichtige Funktion: er repräsentierte die Gegenwelt des Guten, Gottes und der Kirche und konnte alles Ungemach auf seine Kappe nehmen und damit den schwachen und verführbaren Menschen etwas entlasten; zugleich aber wurde ihm damit das schlechte Gewissen des immer Schuldigen eingepflanzt. Die Funktion des Teufels musste zum Beispiel Hitler übernehmen, nachdem allen klar geworden war, welche vernichtenden Potenziale er einsetzte und er Deutschland in den Untergang geführt hatte. Man war eben dem Teufel ins Garn gegangen, das ist verständlich und damit hatte es sich. Immer schon war die Dämonisierung und Essenzialisierung des Bösen eine Methode ge-wesen, sich im Grunde davon fernzuhalten und sich nicht mit ihm abgeben zu müssen. Die Dämonisierung des Bösen kommt mir vor wie ein Versuch, sich einerseits nicht damit befassen zu wollen und es andererseits in seiner schäbigen Realität nicht erkennen zu müssen. Es geht eigentlich darum, dass man sich am liebsten gewisse Einsichten ersparen will.

Doch so klaren Köpfen wie Spinoza und Goethe hat die Verteufelung des Bösen nie zugesagt. Der Philosoph sah in der Natur kein Gutes und kein Schlechtes, und das Böse erschien ihm als Imagination des Menschen: Was die Selbstbehauptung des Einzelnen hemme, nenne der Betreffende „böse“. Der Dichter

hat in seinem Faust Mephisto, den Vertreter des Teuflischen, als kritischen und witzigen Handlanger Fausts gezeichnet, der mit seinem boshaften Geist und seinen schlimmen Taten, die unersättlichen Wünsche Fausts in seinem Sinne realisiert und damit die zweite Hälfte eines Aphorismus von Oscar Wilde vorwegnimmt: „In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte, und die andere ist, es zu bekommen.“ In dieser zweiten Bedeutung kann man das Faustwerk trotz seines Schlusses als Tragödie bezeichnen. Jedenfalls ist Goethes Mephisto eine Gestalt, die mehr über den Menschen (Faust) aussagt als über den Teufel, dessen „Eigenschaften“ Mephisto sich „zitierend“ und „ironisch“ bedient. Die Frage nach dem Bösen war damit nicht beantwortet, aber ihre Komplexität im Leben des Menschen verdeutlicht.

Und so stellte sich gerade nach der Katastrophe des Dritten Reichs die Frage nach dem Bösen auf eine eindringliche Weise; die meisten wollten sie mit den alten Mitteln und Vorstellungen angehen. Diese hatten sich aber längst als obsolet erwiesen, und so war es zunächst Hannah Arendt, die an der Figur Eichmanns die „leichte Lösung“ des dämonischen Teufels in Menschengestalt ablehnte und gegen eine Welt von Vorurteilen zeigte, dass dieser Organisator des Braunen Vernich-tungsapparats der Juden und Zigeuner alles andere als „dämonisch“ war; in ihm sah sie einen Clown, der unfähig war, die Urteilskraft aufzubringen, die seinen Mord-taten entsprochen hätte. Sie schuf mit dem Begriff der „Banalität des Bösen“ einen Paradigmenwechsel in dieser Frage, der das Schreckliche dieser Art des Bösen nicht nur auf die schlimme Vergangenheit bezog, sondern durchaus auf die Gegenwart und die Zukunft politischen Handelns und Organisierens. Die Banalität des Bösen ist mit den Gräueln der Vergangenheit nicht abgetan, sondern taucht immer wie-der da auf, wo Menschen sich gedankenlos hinter so genannten politischen Wahrheiten verstecken, wenn es darum geht, andersartige Menschen auszuradieren.

In der vermeintlich teuflischen Tiefe des Bösen steckt eine gute Portion Manichäismus; dieser teilte unsere Welt in zwei Gewalten, die als Gut und Böse dauernd gegeneinander kämpfen; somit malte er besonders das Böse eher heimelig-schaurig aus, als dass er es wirklich verstand. Wenn ich Hannah Arendts Denken erfasst habe, so hat die Liebe und das Gute wirklich Tiefe, während das Böse unsäglich platt ist. Und diese „Plattitüde“ kann man nicht beiseiteschieben, weil gerade sie sich überall ausbreitet und jeden zu befallen droht, dessen mangelnde Gedankentiefe und Empathie ihn zum bösen Täter und willigen Mitmacher macht. Es geht hierbei um Möglichkeiten des Menschseins – nicht um ein unwandelbares Etwas, das in uns drinstecken würde.

Jacques Wirion
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